Frank Lachnitt über seine Arbeit in der Corona-Krise

Atmungstherapeut im Klinikum: "Hier darf sich keiner Fehler erlauben"  

Coronavirus: Atmungstherapeut Frank Lachnitt spricht über seine Arbeit im Klinikum Lüdenscheid.
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Coronavirus: Atmungstherapeut Frank Lachnitt spricht über seine Arbeit im Klinikum Lüdenscheid.

Arbeiten in der Corona-Krise: Frank Lachnitt ist Atmungstherapeut im Klinikum. Er sagt: "Hier darf man sich keine Fehler erlauben. Kein Pfleger, kein Therapeut, kein Arzt.“

Lüdenscheid/Herscheid - „Der Aufmerksamkeits-Faktor ist bei allen Mitarbeitern auf der höchsten Stufe. Hier darf man sich keine Fehler erlauben. Kein Pfleger, kein Therapeut, kein Arzt.“ Das sagt einer, der selber zu dieser Gruppe gehört: Frank Lachnitt aus Herscheid. Er ist Atmungstherapeut und wir haben mit ihm gesprochen.

Das Coronavirus bestimmt den Alltag, den Tagesablauf, das Freizeit- und Sozialverhalten. Nicht jeder Mitbürger findet sich damit jedoch ab. Für diejenigen, die am Sinn von Kontaktverbot und Hygiene-Maßnahmen zweifeln, hat Atmungstherapeut Frank Lachnitt vom Klinikum Hellersen nur eine Antwort parat: „Gerne lade ich alle ein, sich die Arbeit bei uns auf der Intensivstation anzuschauen.“

Coronavirus im MK: Harte Arbeit im Klinikum

Da dies aber nicht umsetzbar ist, schildern der Therapeut und Vorsitzende vom Triathlonvereins TriSpeed Herscheid, warum es so wichtig ist, sich an die Vorsichtsmaßnahmen und Hygienevorgaben zu halten.

Der Atmungstherapeut ist in der aktuellen Situation ein wichtiges Rädchen im System der ärztlichen Intensivversorgung von Corona-Patienten, wie jeder Arzt und Pfleger auch. Der Atmungstherapeut ist eine Art Schnittstelle zwischen Arzt und Pfleger. Seit 2006 gibt es Atmungstherapeuten in Deutschland, seit 2007 ist Frank Lachnitt einer von ihnen und selbst auch als Referent in Ausbildungskursen involviert. Doch derzeit bestimmt die Intensivstation des Klinikums täglich rund zehn Stunden seinen Arbeitsalltag.

Klinikum Hellersen: Chirurgische Intensivstation wird zur „Corona-Intensivstation"

Im Klinikum Hellersen in Lüdenscheid wurde die chirurgische Intensivstation zur „Corona-Intensivstation“ für schwere Fälle umfunktioniert. Die 14 Betten sind glücklicherweise nicht komplett belegt, „aber es sind auch nur maximal zwei Betten frei“, so der Fachmann für künstliche Beatmung.

Die Versorgung mit Schutzmitteln bezeichnet Lachnitt als stabil. „Alle Mittel sind sehr rationiert, wir leben teilweise von der Hand in den Mund, aber Engpässe verzeichnen wir glücklicherweise noch nicht. Dabei sind es gerade die Schutzanzüge und Atemmasken, die für die Pfleger, Ärzte und Therapeuten wichtig sind.

„Je nach Krankheitsstatus sind auch die Schutzmaßnahmen angeordnet. Das ist ein wenig wie ein Schichtsystem. Je stärker der Krankheitszustand, desto mehr Schutzschichten müssen getragen werden“.

Coronavirus im MK: Schlauch statt Atemmaske

Kommen die schwer erkrankten Coronapatienten auf die Intensivstation, ist der Virus schon sehr stark fortgeschritten. In der Regel haben die Patienten auf der Intensivstation ein Lungenversagen, ein ARDS (akutes Lungenversagen, auch als Schocklunge bekannt) und benötigen lungenunterstützende Maßnahmen.

Dies erfolgt nicht durch eine einfache Atemmaske, die man sich auf den Mund-Nasen-Bereich hält, sondern per Schlauch in die Luftröhre, der an eine Beatmungsmaschine angeschlossen ist. Dafür ist es notwendig, den Patienten ruhig zu stellen, daher wird er in ein künstliches Koma versetzt. „Die Maschine ist wie eine Hightech-Luftpumpe“.

Beatmungsmaschine für Corona-Patienten: Kabel und Schläuche müssen richtig liegen

Die Beatmungsmaschine sorgt für den richtigen Druck in der Lunge, der aber vom Krankheitszustand und der Lage des Patienten abhängig ist. Der Lungendruck ist in der Rückenlage ein anderer als in der Bauch- oder Seitenlage. In einigen Ländern werden die Corona-Patienten nur in einer Lage behandelt.

Im Klinikum in Lüdenscheid werden die Patienten regelmäßig gedreht, um bewusst Druckveränderungen herbeizuführen. Dies bedeutet einerseits, dass die Beatmungsmaschine auf die entsprechende Lage eingestellt werden muss, aber auch, dass der Patient immer wieder händisch in die entsprechende Position gebracht werden muss. Und das beansprucht sowohl den Pfleger und Therapeuten körperlich sehr, fordert aber auch die volle Aufmerksamkeit ab, schließlich müssen alle Kabel und Schläuche richtig liegen, damit es nicht zu Störungen kommt.

Die ständige Überwachung der Patienten und Geräte und das damit verbundene mehrfache An- und Ablegen der Schutzkleidung beansprucht alle Mitarbeiter aufs Höchste.

Klinikum Lüdenscheid: So ist die Corona-Intensivstation aufgebaut

Die Intensivstation ist so aufgebaut, dass neben den Ärzten der Therapeut als Schnittstelle zum Patienten und Pfleger Kontakt zu allen Intensivfällen hat. Die Pfleger sind jeweils mehreren Räumen zugeteilt. Auch wenn sie nicht mit jedem Patienten in Kontakt kommen, ist der Kontakt zu den Zugeteilten häufiger.

Bisher gebe es noch keine verlässlichen Studien zum genauen Krankheitsverlauf. „Es gibt“, so Lachnitt, „einen gewissen Verlauf, den man kennenlernen muss. Dennoch gibt es keine einhundertprozentigen Automatismen.“

Covid-19: Intensivpatienten 14 bis 25 Tage im Koma

Die Intensivpatienten liegen rund 14 bis 25 Tage im Koma. Da kommt es zu Kollateralschäden, wie Nierenschäden und Muskelabbau. Wenn der Patient nach erfolgreicher Beatmungstherapie aus dem Koma zurückgeholt wird, erfolgt auf der normalen Intensivstation zunächst eine Intensivbetreuung, um die Organfunktionen zu normalisieren. Danach folgt die Verlegung auf die Normalstation, wo der Patient fit gemacht wird. Dies alles zusammen kann einige Wochen in Anspruch nehmen.

Angst selbst haben die Mitarbeiter auf den Stationen nicht. „Es ist der immerwährende Respekt und die Besinnung auf die Schutzmaßnahmen, die uns helfen, uns nicht zu infizieren“, so Lachnitt. Und wie gelingt die Regeneration? „Wenn ich aus der Drehtür gehe, dann ist Feierabend. Dann ziehe ich meine Laufschuhe an, schmeiße mir Musik aufs Ohr und laufe nach Hause oder fahre eine Stunde Fahrrad“, so die Methode Lachnitts, die aber vergleichbar mit mehreren Krankenhausmitarbeitern ist.

Der Herscheider selbst stellt weitere Veränderungen im Umfeld fest. „Ich nehme die Zeit anders wahr, genieße die Stille, höre die Vögel. Leiden tue ich nur, da ich aktuell meine kleine Tochter nicht sehen kann. Ein gutes Essen und ein Glas Wein am Abend fördern das Abschalten“.

+++Lesen Sie hier, wie sich das Coronavirus in Herscheid und im MK entwickelt +++

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