Carl Heinz Kipper erzählt von der NS-Zeit in Iserlohn

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In einem Stammbaum hat Carl Heinz Kipper in Rot die im KZ ermordeten Familienmitglieder eingetragen. ▪

ISERLOHN ▪ Eine kleine Gebetskaspel, eine Mesusa, ist nach jüdischem Brauch am rechten Türpfosten des Hauses von Carl Heinz Kipper befestigt. Was es heißt, ein Jude zu sein, wurde dem heute 86-jährigen Holocaust-Überlebenden aus Iserlohn erst 1933 mit Hitlers Machtergreifung bewusst.

Von Vanessa Glaschke

Damals war er sieben Jahre alt und ging auf eine katholische Schule. Bis zum 30. Januar 1933, dem Tag des Beginns der Nazi-Diktatur, fühlte er sich wie jeder andere Junge in seinem Alter. Er war derjenige, der auf dem Schulhof den Ton angab, obwohl er immer der Kleinste war – wie er mit einem Lächeln hinzufügt. Jeden Morgen ging er in die Schulmesse. Doch von einem Tag auf den anderen wurde er von seinen Freunden gemieden und als „Saujude“ beschimpft. Er verstand nicht, was ihn auf einmal von den anderen unterschied.

Der 1926 in Iserlohn geborene Carl Heinz Kipper war Sohn einer Jüdin und eines Katholiken. Aufgrund der unterschiedlichen Glaubenszugehörigkeit seiner Eltern wurde er sowohl beschnitten als auch getauft. Bis zu seinem siebten Lebensjahr sei er selten mit dem jüdischen Glauben in Berührung gekommen. „Meine Eltern hatten ein eigenes Elektrofachgeschäft, wodurch wir finanziell besser gestellt waren“, beschreibt er die Lebensverhältnisse seiner Kindheit. Aufgewachsen sind er und seine ältere Schwester Margret bei einem Kindermädchen, das er liebevoll Mama Maria nannte. „Sie war fromm katholisch und ist mit uns in die Kirche gegangen.“

Umso einschneidender waren die plötzlichen Ausgrenzungen, die 1933 erst ihren Anfang nahmen. Obwohl er 1936 die schwierige Aufnahmeprüfung für das Gymnasium geschafft hatte, wurde er direkt am ersten Schultag mit den Worten „Juden haben auf einem deutschen Gymnasium nichts zu suchen“ der Schule verwiesen. Als bester seines Jahrgangs schloss er schließlich die Volksschule ab. Ebenso erfolgreich beendete er seine Ausbildung als Technischer Zeichner. „Ich bestand als einziger mit Auszeichnung, und dann auch noch als Jude“, erzählt er stolz.

Die als Kind erlebte Ausgrenzung zu Beginn des Nazi-Regimes entwickelte sich mit der Zeit immer mehr in Terror. Der heute in seiner Geburtsstadt als Charly Kipper bekannte Zeitzeuge erlebte als Zwölfjähriger die Reichskristallnacht. Aus dem Schlaf gerissen von einer grölenden Menschenmenge, schlich er sich heimlich aus dem Haus, um zu sehen, wo all die Menschen hingingen. „Ich machte mich ganz klein“, erinnert sich Kipper an die Nacht des 9. Novembers 1938. Mit Entsetzen stand er vor der brennenden Iserlohner Synagoge. „Ich war froh, dass auch die Feuerwehr vor Ort war“, sagt er, „doch anstatt das Feuer der Synagoge zu löschen, hielt sie nur die umliegenden Häuser feucht.“ In dieser Nacht brannte nicht nur die Synagoge in Iserlohn, sondern sämtliche Synagogen in Deutschland wurden zerstört. Zudem wurden die Geschäfte von jüdischen Bürgern verwüstet und geplündert. „Unser Laden blieb verschont, weil mein Vater ja kein Jude war“, erzählt Kipper.

Aus einer sogenannten Mischehe zu stammen, rettete ihn und seine Schwester zunächst auch vor der Deportation in ein Konzentrationslager. Als Jüdin wurde die Mutter 1942 von SS-Offizieren abgeholt. Nicht wissend, dass sie nach Theresienstadt gebracht wurde, und was mit ihr geschehen würde, mussten die Geschwister die elterliche Wohnung verlassen. Während seine Schwester zu einer Freundin ziehen konnte, wurde er von einer katholischen Witwe aufgenommen.

Kipper selbst wurde 1944 als Halbjude verhaftet und in ein Arbeitslager in der Nähe von Fulda gebracht. Fliegeralarm, der bristische und amerikanische Flieger meldete, und die Angst der SS-Aufseher, die in einen Bunker flüchteten, retteten ihm kurz vor der Erschießung das Leben. An den Tag seiner Befreiung erinnert er sich noch ganz genau: „Es war Palmsonntag 1945.“

Auch seine Mutter überlebte durch eine Fügung des Schicksals. Anders als sie wollte Kipper Deutschland auch nach dem Krieg nie verlassen: „Deutschland ist mein Vaterland“, sagt er mit Bestimmtheit.

Heute hält er Vorträge vor Schulklassen, Vereinen und Interessierten. „Alles was ich machen kann, damit diese Zeit und die Gräueltaten nicht in Vergessenheit geraten, tue ich“, erklärt Kipper, der mit unermüdlichem Engagement seine Erinnerungen weitergibt. „Diese 13 Jahre meines Lebens waren schlimm, und sie sind schwer aus dem Kopf zu kriegen. Mir hilft es, darüber zu reden.“

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