Auswirkungen auf öffentlichen Nahverkehr spürbar

In Zeiten des Coronavirus mit Bus und Bahn durchs Lennetal - eine Reportage

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Lennetal - Die Auswirkungen des Coronavirus auf den öffentlichen Nahverkehr sind spürbar. Die Busse fahren seit Mitte letzter Woche nach Ferienfahrplan. Aber wer ist eigentlich noch in den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs? Und wie ist die Lage rund um die Bahnhöfe? Ein Stimmungsbild.

An einem Tag, an dem sich die Coronavirus-Pandemie längst massiv auf das Leben der Menschen vor Ort ausgewirkt hat, steige ich in die Buslinie S2. 

Ich möchte heute in die Städte und Dörfer des Lennetals fahren, will sehen, wie der öffentliche Nahverkehr angesichts von Sonderfahrplänen funktioniert, welche Stimmung auf den Straßen herrscht und wie die Bürger mit der unsichtbaren Gefahr umgehen. 

Ich werde vielen Menschen begegnen. Und am Ende meiner Busfahrt in eine ziemlich verzwickte Situation geraten...

9.59 Uhr: Linie S2, Plettenberg - Werdohl

In der Schnellbuslinie nach Lüdenscheid sitzen an diesem Vormittag nur eine Handvoll Menschen. Eine ältere Dame spielt das Kartenspiel Solitär auf ihrem Handy, zwei junge Männer haben Kopfhöhrer in den Ohren, vorne packt eine Dame Nadel und Garn aus, um zu stricken. Ihr Gegenüber hustet und lacht, als er in Ohle zusteigt. 

Ich geselle mich zu den beiden, wir kommen ins Gespräch. „Warum setzt man sich in Zeiten wie diesen der Gefahr aus und fährt auf engem Raum mit dem Bus?“, frage ich sie. Die strickende Frau – sie heißt Birgit Schmidt – sagt: „Ich muss zum Zahnarzt. Sonst würde ich wohl auch nicht busfahren.“ 

Ihr Gegenüber, Heidale Zamnan, ist auf den Weg, um einen Sack Reis zu kaufen. „10 Kilo für 5,20 Euro in Lüdenscheid“, erklärt der Sozialhilfeempfänger. Eigentlich hilft ihm die Plettenberger Tafel bei der Lebensmittelversorgung. Aber die Ausgabe wird aktuell wegen der Coronakrise ausgesetzt.

Klar sei sie sich der Gefahr einer Ansteckung und Verbreitung des Virus bewusst, sagt Birgit Schmidt. Sie versuche, die Situation weder auf die leichte Schulter zu nehmen, noch Panik zu schieben. Jedenfalls sei der Bus heute deutlich leerer als sonst.

Das bestätigt auch Marion Klar. Sie steuert die S2, und es ist gar nicht so leicht, mit ihr zu reden, denn sie sitzt abgeschottet in ihrer Fahrerkabine. Rot-weißes Flatterband und ein vehement formuliertes Schild mit drei Anweisungen und drei Ausrufezeichen (Vordereinstieg gesperrt! Andere Türen benutzen! Kein Fahrscheinverkauf!) versperren den Durchgang zu ihr und der vorderen Sitzreihe. Mit diesen Maßnahmen will die Märkische Verkehrsgesellschaft ihre Fahrer vor Ansteckungen schützen.

Für Marion Klar war die Arbeit noch nie so angenehm wie jetzt, sagt sie und beschreibt: Keine Unstimmigkeiten mehr mit Gruppen, die wegen fehlender Deutsch-Kenntnisse nicht sagen können, wer zueinander gehört und welche Art von Ticket sie kaufen möchten. 

Keine zeitaufwändigen Fahrkartenkontrollen. Weniger Idioten im Straßenverkehr, die ihre Autos „nur mal kurz“ auf der Straße oder in Haltestellen in den Weg stellen. „Wenn es immer so wäre, dann hätten wir keine Konflikte mehr. Das Problem ist, dass wir ständig angefeindet werden. Jetzt fällt der ganze Stress weg“, sagt die Plettenberger Busfahrerin.

10.24 Uhr: Werdohl, Bahnhofsumfeld

So kahl, wie die Bäume im Wind wippen, so verlassen wirkt auch das Bahnhofsumfeld in Werdohl. Vereinzelt verweilen Menschen an den Tischen vor der Bäckerei Grote. 

Draußen darf man noch sitzen, drinnen herrschen seit dieser Woche strenge Regeln, auf die ein Schild vor der Tür hinweist: Kein Verzehr vor Ort. Kundentoiletten geschlossen. Keine Mehrwegbehälter. 1,50 Meter Mindestabstand. Der Café-Bereich ist mit Flatterband abgesperrt. Seit Montag kommen die Kunden größtenteils nur noch, um Brötchen oder Brot abzuholen.

Nebenan steht Aydin Bulut alleine in seinem Bahnhofskiosk. Wie die Situation ist? „Alles scheiße“, sagt er. „Die sollen lieber alles komplett dicht machen, dann ist es schneller wieder vorbei.“

Tamer Can Demir betritt den Kiosk, man kennt sich. Der 22-Jährige hat Langeweile. Kippe rauchen, n’ bisschen chillen. Was soll man sonst machen? „Die Einen sind zuhause am Zocken, die anderen machen Scheiße“, sagt er und grinst. „Ach, oder es wird gegrillt.“ Corona? „Ich nehme das nicht so ernst“, sagt er. 

Er hat sich schon über Instagram für den Fall der Fälle informiert: Die Dönermänner in Werdohl wollen, so berichtet Tamer, im Fall einer Komplettschließung den Döner durchs Fenster ausgeben. Wieder grinst Tamer zufrieden.

11.39 Uhr: Zug RE16, Werdohl - Altena

Ich möchte weiter nach Altena, schaue erst auf den Busfahrplan und damit auch sprichwörtlich in die Röhre. Normalerweise würde der nächste Bus in den nächsten Minuten kommen, doch was ist schon normal in diesen Tagen?

Mit der Schließung der Schulen hat auch die Märkische Verkehrsgesellschaft ihren Fahrplan seit Mittwoch auf Ferienverkehr umgestellt. Heißt für mich: Der Bus kam zehn Minuten eher. Der nächste um 12.40 Uhr fällt aus. Dann kommt wieder einer um 13.30 Uhr. Macht knapp zwei Stunden Wartezeit. Gut, dass es die Bahn noch gibt.

Mohamed Ouaziz und sein Sohn Elyas wollen, so wie ich, mit dem Abellio-Linie RE 16 nach Altena. Arzttermin. Wir kommen ins Plaudern. Vor sieben Jahren ist Mohamed aus Marokko nach Deutschland gekommen. Marokko, jenes Land, in dem Mitte letzter Woche noch viele deutsche Touristen festsaßen. 

Und in dem eine andere, entspanntere Mentalität herrscht als in Deutschland. „Es ist doch komisch“, sagt er, „es geht ein gefährliches Virus um und die Deutschen kaufen sich Klopapier. Wo ist da der Sinn?“ Fragt es und schaut mich an. Ich kann ihm darauf keine Antwort geben.

12.15 Uhr, Altena, Am Markaner

Am Markaner, dem Tor zur Altenaer Innenstadt und zur Lennepromenade, stehen die Stühle und Tische des Café Kouressis auf dem Platz, aber das Café hat geschlossen. Hier sitzt niemand. Im Kiosk daneben herrscht Leben. „Es ist eine Katastrophe“, schimpft eine Kundin, „Edeka hat heute Morgen eine Lieferung bekommen, aber es war nichts mehr zu bekommen.“ 

Kassiererin Beate Pörschel nickt verständnisvoll. Sie ist in diesen Tagen der Kummerkasten für alle Krisengeplagten. Und die erste Anlaufstelle für Busfahrgäste, die ein Ticket kaufen wollen, nachdem in den Bussen keine mehr ausgegeben werden. 

Wobei sie dahinter die Logik nicht so richtig versteht, wie sie sagt: „Welchen Unterschied macht es, ob wir die Karten verkaufen oder die Busfahrer? Wir kommen genau so mit den Kunden in Kontakt. Ich finde das ziemlich ulkig.“ Letzteres klingt nach Galgenhumor.

Zeit für ein Mittagessen im Imbiss-Grill gegenüber im Stadtpavillon. Hier scheint das Geschäft noch einigermaßen zu laufen. Ich staune über eine Kundin mit Kapuze und schwarzen Gummilatschen, als sie ganz unaufgeregt und beiläufig die Kassierin anspricht: „Maria, haste’ schon gehört? Der Aldi ist zu.“

Maria wirkt nicht sonderlich interessiert, deshalb frage ich nach. „Welcher Aldi? Woher wissen Sie das?“ „Hat mir jemand erzählt, der das im Internet gelesen hat. Welcher Aldi – keine Ahnung.“ So verbreiten sich also Gerüchte.

12.58 Uhr: Altena, Dahle, Zentrum

Ich nehme die Buslinie 32 vom Markaner nach Dahle, die wie gerufen kommt. Nur ein anderer Fahrgast hat die gleiche Idee, Dahle scheint wohl kein Ziel für besonders viele Menschen zu sein. Das merke ich auch, als ich in Dahle-Post aussteige und scheinbar im Niemandsland gelandet bin. Die zwitschernden Vögel machen mehr Krach als die wenigen Autos, die sich hierher verirren. Keine Menschen weit und breit zu sehen. Die Bäckerei hat Mittagspause, aber daneben ist die Tür zu Paolos Grill geöffnet. Paolo, mit Nachnamen Maguzia, steht persönlich hinterm Tresen und mustert mich.

Neue Gäste sind in seinem Grill selten. Selbst die Dorfbewohner bestellen meistens zum Mitnehmen oder noch lieber zum Liefern. „Es ist normal, dass es so leer ist“, erzählt mir Paolo. Das war auch vor der Coronakrise schon so. Was sich geändert habe, ist, dass die Leute vorsichtiger geworden seien. Erst heute habe er drei Passanten gesehen, die eine Atemschutzmaske getragen hätten.

„Wir alle sind vorsichtiger geworden“, sagt er, „jeder auf seine eigene Art.“ Die Italiener zum Beispiel verzichten längst auf ihre Gepflogenheiten zur Begrüßung: Umarmung, Küsschen links, Küsschen rechts. Dieses „Knutschi-Knutschi“, wie es Paolo nennt und das er selber auch immer gemacht hat, sei einer der Gründe, warum das Virus in Italien so explodiert ist. „Und wenn ich mir jetzt die Sterberate in Italien anschaue, kriege ich eine Gänsehaut. So etwas will keiner erleben“, sagt der Mann aus Kalabrien, dessen Verwandtschaft in Italien bis jetzt noch verschont geblieben ist, ebenso wie er und sein zweijähriges Kind. „Hoffentlich bleibt das auch so.“

Paolo hat jetzt doch noch Kundschaft. Zwei Jugendliche wollen je eine Portion Pommes. Normalerweise säßen sie jetzt im Unterricht des Burggymnasiums, aber seit der Schließung der Schulen am Montag haben Clint Brüchner und Leon Gleba Zwangsferien. Angst vor dem Virus haben sie nicht, sagen die 13-Jährigen. „Aber die Leute machen einem Angst“, ergänzt Clint. Heute Morgen haben sie Schulaufgaben erledigt. Deutsch und Englisch heften sie in einer Mappe ab, die sie nach den Ferien abgeben müssen, Mathe wird direkt online ausgefüllt.

Und sonst?

„Man verabredet sich öfter mal mit Freunden oder zockt am PC“, erklären die beiden. „Noch können wir ja rausgehen, aber wenn eine Ausgangssperre kommt, dann wird es wohl ziemlich langweilig.“

14.10 Uhr: Rückweg Altena - Plettenberg

Die Linie 32 von Dahle nach Altena ist deutlich voller als auf dem Hinweg. Arbeiter der Firmen auf dem Weg steigen ein und aus, junge Leute, alte Leute, sie alle sitzen im Bus, sodass bald alle Zweierreihen mit mindestens einer Person besetzt sind. Unmöglich, jetzt noch den empfohlenen Abstand von 1,5 Meter zu seinem Nachbarn zu halten, aber man kann sich ja nicht in Luft auflösen.

Zurück in Altena an der Lennepromenade treffe ich zwei Menschen, die ein anderes Verkehrsmittel bevorzugen: das Motorrad. Andrea Palmenstrom und Stefan Tillmann aus Gummersbach machen gerade einen Zwischenstopp. „Jetzt oder nie“, sagt Andrea Palmenstrom, eine Altenpflegerin, die zufällig Urlaub hat, zu ihrer Tour. Und angenehm zu fahren sei es derzeit obendrein. „Es ist kaum etwas los auf den Straßen“, berichtet sie. „Es fühlt sich an, wie die Ruhe vor dem Sturm.“

Der nächste Zug bringt mich wieder zurück an den Plettenberger Bahnhof. Auch hier bin ich erstaunt. Viele Zug-Sitze sind belegt. Keine Spur von Geisterstimmung, von einem Zurückfahren des öffentlichen Lebens, das die Politik einfordert.

16.45 Uhr: Buslinie S2, Bahnhof - Grünestraße

Bevor ich die S2 zurück in die Plettenberger Innenstadt nehme, spreche ich am Busbahnhof noch mit einer anderen Busfahrerin. Wie erlebt sie die Situation? Bewertet Sie das Arbeiten ähnlich stressfrei wie ihre Kollegin am Morgen? „Ich finde es eher langweilig“, sagt die Busfahrerin Ursula Bauerdick, in deren Bus Richtung Neuenrade nur ein Fahrgast sitzt. „Aber ich bin froh, dass ich noch fahren darf.“

Deutlich anders ist das Bild in der S2, die trotz des Ferienfahrplans jede Stunde zwischen den zentralen Haltestellen Lüdenscheids, Werdohls und Plettenbergs pendelt. Die Sitzreihen sind zu gut zwei Drittel belegt – so wie zu Normalzeiten eigentlich auch. Ich wähle eine freie Bank und bemerke erst, dass eine junge Frau direkt hinter mir sitzt, als sie trocken hustet und die Nase hochzieht. Ich frage mich unweigerlich, ob sie wohl mit dem Coronavirus infiziert ist. In mir schrillen die Alarmglocken.

Der gesunde Menschenverstand sagt mir, dass ich mich eigentlich woanders hinsetzen müsste, aber irgendetwas – vielleicht eine vorschnelle Vorverurteilung – hält mich davon ab.Der gesunde Menschenverstand sagt mir, dass ich mich eigentlich woanders hinsetzen müsste, aber irgendetwas – vielleicht eine vorschnelle Vorverurteilung – hält mich davon ab.

Eine Station später steige ich aus. Ich bin froh, meinen Abstand zu anderen Menschen jetzt wieder besser beeinflussen zu können.

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