Rund 60 Menschen im MK an der Variante gestorben

Britische Mutation tödlicher? Erste Erfahrungen aus Klinikum und Gesundheitsamt

Märkischer Kreis – Bundeskanzlerin Angela Merkel und einige Ministerpräsidenten bereiten die Bürger seit einigen Tagen auf einen harten Lockdown vor, in dem sich der Märkische Kreis faktisch seit dem vergangenen Montag befindet.

Der Kreis als Modellkommune für ganz Deutschland? Bislang haben die getroffenen Maßnahmen allerdings noch keine spürbare Entspannung der Lage gebracht. Kurz vor Ostern bleibt der Kreis der Hotspot in NRW. Wir haben die Antworten auf einige Fragen zusammengetragen.

Kreis Märkischer Kreis
VerwaltungssitzLüdenscheid
Einwohner410.222 (Stand: 31. Dezember 2019)
Fläche1.061,06 Quadratkilometer

Ist die britische Mutation auch im Märkischen Kreis tödlicher als der Wildtyp?

Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte neue Maßnahmen mit der Ausbreitung der britischen Variante B.1.1.7 begründet, die „deutlich tödlicher, deutlich infektiöser und länger infektiös“ sei. Dass die Mutante ansteckender ist, steht für die Experten in den heimischen Krankenhäusern und im Gesundheitsamt außer Frage. Aber tödlicher?

„Die bisherigen Erfahrungen im Gesundheitsamt deuten im Märkischen Kreis aktuell nicht darauf hin“, sagt Kreissprecher Alexander Bange auf Anfrage. Rund 60 der mehr als 300 Todesfälle im Zusammenhang mit dem Virus gehen nach Kreis-Angaben auf die britische Variante zurück. Sie wird im Kreis erst seit Anfang Februar im Labor nachgewiesen. Prof. Dr. Dr. Thomas Uhlig, Leiter der Intensivstation im Klinikum Lüdenscheid, legt sich dagegen schon fest: Die britische Mutation ist nicht tödlicher.

„Der Verlauf ist absolut identisch mit der Tendenz, eher ungefährlicher zu sein“, sagt Uhlig. Es seien im Klinikum zwar Patienten mit der britischen Mutante gestorben, die Zahl liege aber deutlich unter der Zahl der Todesfälle rund um den Jahreswechsel, die noch auf den Wildtyp zurückgeführt werden. Das könne daran liegen, dass die Patienten auf der Intensivstation zuletzt etwas jünger waren und ein etwas stärkeres Immunsystem haben, dies sei aber Spekulation, sagt Uhlig.

Gibt es im Kreis derzeit mehr schwere Verläufe der Covid-19-Erkrankung als in der zweiten Welle?

Nein. Als Indikator dient die sogenannte Hospitalisierungsrate. Sie gibt an, wie viele der positiv getesteten Patienten so schwer erkranken, dass sie stationär aufgenommen werden. So wurden am 23. Dezember im Märkischen Kreis von 1 227 akut Infizierten 143 im Krankenhaus behandelt. Dies entspricht einer Hospitalisierungsrate von 11,7 Prozent. Am 1. April gab es im Kreis 1 824 Infizierte, 121 von ihnen lagen in einer Klinik. Die Hospitalisierungsrate halbierte sich gegenüber dem Dezember fast – auf 6,6 Prozent.

Bei einem Vergleich der Werte weist das Gesundheitsamt auf den zwischenzeitlich Impffortschritt und den Ausbau der Schnelltestungen hin. Zudem ist derzeit der Anteil junger Menschen an den Infizierten höher als noch zu Weihnachten. Die größten Veränderungen gab es dabei bei den Über-80-Jährigen: Am 23. Dezember wurden in dieser Altersklasse 140 Infizierte (von 841) registriert, am 1. April waren es nur 36 von 968.

Rechnen die heimischen Krankenhäuser in den nächsten Tagen und Wochen mit mehr Covid-19-Patienten?

Ja. „Die Lage ist viel ernster, als es vielleicht allgemein zu erkennen ist. In den Märkischen Kliniken behandeln wir derzeit wieder fast 60 Corona-Patienten. Vor sechs Wochen waren es gut 20“, sagt Dr. Thorsten Kehe, Arzt und Vorsitzender der Geschäftsführung der Märkischen Kliniken. Immer mehr junge Menschen erkrankten mit „ebenfalls schweren Folgen.“ Kehe: „Nur ein Lockdown hilft den Krankenhäusern noch, ihren Versorgungsauftrag in den nächsten Wochen wahrzunehmen.“ Mit sorgenvoller Miene blickt auch Klinikdirektor Uhlig auf die kommenden Wochen.

„Die gefährlichste Situation ist das, was gerade vor unseren Augen passiert“, erklärt der Leiter der Intensivstation. „Wir haben einen enormen Ausbruch mit vielen Infizierten bei gleichzeitiger Impfung. Dadurch hat das Virus beste Chancen, neue Mutationen zu bilden.“ Uhlig spricht von einer „teuflischen Mischung“. Man müsse so schnell wie möglich runter von den hohen Inzidenzen. Egal wie. Der Grund ist der in der Virologie vielfach beobachtete Drang des Virus, sich auszubreiten. Dabei erhöhe die Impfung den Selektionsdruck, gleichzeitig gebe es durch die hohe Zahl von aktiven Virusträgern für das Virus mehr Möglichkeiten zu mutieren.

Warum steigt der Anteil der britischen Mutante im Kreis nicht mehr an?

Das ist eines der großen Rätsel in der aktuellen Corona-Lage im Märkischen Kreis. Das Robert-Koch-Institut gab den Anteil der Mutante B.1.1.7 am Donnerstag bundesweit mit 88 Prozent an. Der Kreis beziffert seinen Anteil auf „rund 60 Prozent“. „Bei den weiteren Fällen handelt es sich laut Gesundheitsamt um den Coronavirus-Wildtyp“, heißt es aus dem Kreishaus. Das entspräche rund 40 Prozent aller Infizierten, die den Wildtyp in sich tragen und wäre außergewöhnlich, wie Prof. Uhlig mit Blick auf seine getesteten Patienten im Klinikum Lüdenscheid deutlich macht: „Den Wildtyp sehen wir dabei gar nicht mehr.“

Rubriklistenbild: © Robert Michael

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