Bewährungsstrafe für Schützenfest-Todesfahrer

MENDEN/ARNSBERG ▪ Mit gesenktem Kopf sitzt Karl Heinz G. auf der Anklagebank. Seine Augen sind tränennass, sein schwarzer Anzug hängt schlaff an den Schultern herunter.

Gerade hat der 80-Jährige, der am 19. Juli 2009 mit seinem Wagen in den Festzug der Schützenbruderschaft St. Hubertus Menden-Nord gerast war, das Urteil der großen Strafkammer des Arnsberger Landgerichts vernommen. Zwei Jahre Haft auf Bewährung wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung und vorsätzlicher Gefährdung des Straßenverkehrs. So lautete die gestrige Entscheidung der Kammer. Das Gericht folgte damit der Forderung der Staatsanwaltschaft. Verteidigung und Nebenkläger hatten eine „angemessene“ Strafe gefordert

Bei dem Unfall waren drei Menschen gestorben und mehr als 50 zum Teil schwer verletzt worden. Seit dem 12. November musste sich der Mendener vor dem Landgericht verantworten. Von Beginn an hatte Karl Heinz G. angegeben, sich nicht mehr an den Hergang des Geschehens erinnern zu können. Daraufhin hatten 30 Zeugen und fünf Sachverständigengutachter versucht, den Ablauf des Unglücks zu rekonstruieren.

Mithilfe von Straßenkarten waren die genauen Positionen der einzelnen Personen ermittelt worden, um ein besseres Bild vom Ablauf zu erhalten. Gestern erklärte der Vorsitzende Richter, Willy-Kurt Erdmann, der Angeklagte habe zunächst in einer Schlange wartender Autos gestanden, sei dann urplötzlich ausgeschert und mit immer höher werdender Geschwindigkeit in die Reihe der Schützen gefahren. Die quälende Frage, warum Karl Heinz G. nicht gebremst hatte, konnte bis zuletzt nicht beantwortet werden.

Am sechsten Prozesstag hatte ein Gutachter eine epileptische Erkrankung des Angeklagten ins Spiel gebracht. Der Sachverständigengutachter Stefan Evers hatte jedoch ausgeschlossen, dass dies Ursache für den Unfall gewesen sei. Um ganz sicher zu gehen, zog das Gericht einen weiteren Experten zu Rate. So legte gestern Bernd Roggenwallner sein Gutachten vor. Im Gegensatz zu Evers konnte er nicht klar sagen, dass kein Anfall vorgelegen hatte. Letztlich hatte er die Aussagen seines Kollegen aber auch nicht widerlegen können.

Die einzige Person, die wusste, was im Fahrzeug geschehen war, war die Ehefrau des Angeklagten. Eigentlich hätte sie am ersten Verhandlungstag eine Aussage machen sollen. Dazu war es aufgrund einer schweren Erkrankung jedoch nicht gekommen. Zwei Tage vor dem letzten Verhandlungstag verlor sie den Kampf gegen ihr Leiden und starb.

In ihrer Urteilsbegründung schloss die Kammer das Vorliegen eines Anfalls jeglicher Art schließlich aus.

Nach Verkündung der Entscheidung lag gestern eine gewisse Spannung in der Luft. Es war deutlich zu spüren, dass nicht jeder mit der Strafe einverstanden war. „Es ist eigentlich ein sehr mildes Urteil für das, was er begangen hat. Aber dass jetzt ein Schlussstrich gezogen ist, ist gut für die Betroffenen und den Verein“, so Martin Kinz, zweiter Brudermeister der Schützenbruderschaft. Seine Frau Angela beschäftigt die Frage, was gewesen wäre, wenn der Angeklagte jünger wäre. Tatsächlich hatte sich das Alter von Karl Heinz G. positiv auf die Urteilsfindung ausgewirkt. Hans Nowak, der Vater eines der Todesopfer, hatte eine Verhandlungspause genutzt, um in einer emotionalen Geste der Versöhnung dem Angeklagten die Hand zu reichen, woraufhin dieser in Tränen ausgebrochen war. - jape

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare