Bistum Essen legt Zahlen offen

Acht Fälle bestätigt: Missbrauchsskandal erreicht den Märkischen Kreis

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Der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche erreicht auch das heimische Kreisdekanat.

Märkischer Kreis - Der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche hat das Kreisdekanat Altena-Lüdenscheid erreicht. Auf Anfrage bestätigt das Bistum Essen acht Fälle von sexuellem Missbrauch durch Geistliche. 

Vor einem Jahr veröffentlichte die Deutsche Bischofskonferenz die Ergebnisse einer Studie über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche. Die Studie dokumentiert den Missbrauch von 3.677 Kindern und Jugendlichen durch Geistliche zwischen 1946 und 2014.

Bislang 85 Opfer und 60 Täter im Bistum

Im gesamten Bistum Essen wurden 85 Opfer bekannt und 60 mutmaßliche Täter identifiziert. Nur zu einer Frage schwieg das Bistum bislang beharrlich: Gab es Fälle von sexuellem Missbrauch auch im Kreisdekanat Altena-Lüdenscheid? 

Mitarbeiterin prüft Fälle erneut

Fast zwölf Monate später liegt der Redaktion eine Antwort aus Essen vor: Sie lautet Ja. Da in der ursprünglichen Studie die Tatorte beziehungsweise Anzeigeorte nicht eigens abgefragt wurden, stellte das Bistum eine Mitarbeiterin ab, die die verdächtigen Personalakten noch einmal daraufhin überprüfte, in welcher Kirchengemeinde der sexuelle Übergriff passierte. 

Acht Fälle von sexuellem Missbrauch

Das Ergebnis teilte Bistumssprecher Ulrich Lota auf erneute Anfrage nun mit. Demnach finden sich in den Akten aus dieser Zeit acht Fälle von sexuellem Missbrauch durch Geistliche im Kreisdekanat Altena-Lüdenscheid. „Es handelt sich ausschließlich um Altfälle. Es gibt keinen Fall aus jüngerer Vergangenheit“, erklärt Lota. 

Ein Täter, mindestens drei Opfer

Aktenkundig gewordene Missbrauchsfälle von drei Opfern können einem einzelnen Mann zugeordnet werden. Bei dem mutmaßlichen Täter handelt sich nach Bistumsangaben um einen Angehörigen einer katholischen Ordensgemeinschaft. 

Hinweise auf Missbrauch finden sich in den Personalakten von zwei durch das Bistum entsandte Priester. Zudem werden drei Mitarbeiter aus der Jugendarbeit aufgrund von Einträgen in den Personalakten beschuldigt, sich an drei minderjährigen Opfern vergangen zu haben. 

Wie reagierte das Bistum auf die Fälle?

Wie das Bistum damals nach dem Bekanntwerden der Vorwürfe reagierte, ob Täter geschützt wurden oder ob sie straf- oder kirchenrechtlich zur Verantwortung gezogen wurden – über all das schweigt sich das Bistum aber weiterhin aus.

Auch Angaben zu Alter und Geschlecht der Opfer im Kreisdekanat macht das Bistum nicht. Bistumsweit waren es laut Missbrauchsstudie 13 Mädchen und 72 Jungen. Alle Täter sind männlich. 41 der 60 verdächtigen Priester aus dem Bistum blieben straf- und kirchenrechtlich unbehelligt. Von einem ordentlichen Gericht verurteilt wurden nur elf Priester. 

Großer Teil der Täter ist verstorben

Das Bistum hatte die Personalakten nach der Veröffentlichung der Missbrauchsstudie auch an die Staatsanwaltschaft Essen zur Prüfung auf mögliche strafrechtlich relevante Vergehen weitergegeben. An die Opfer zahlte das Bistum zwischenzeitlich 262.000 Euro als „Anerkennung des Leids“. Der größte Teil der Täter ist verstorben. Neue Anklagen wurden nicht erhoben. 

Sechs Pfarreien könnten betroffen sein 

Zum Kreisdekanat Altena-Lüdenscheid gehören fast alle Kirchengemeinden im südlichen Märkischen Kreis sowie die Kirchengemeiden Hagen-Dahl, Hagen-Rummenohl, Breckerfeld und Breckerfeld-Zurstraße. Das Dekanat besteht aus sechs Pfarreien: St. Matthäus Altena, St. Michael Werdohl, St. Laurentius Plettenberg, St. Medardus Lüdenscheid, Christus König Halver und St. Maria Immaculata Meinerzhagen. 

Bistum schweigt zu den Tatorten

Voraussetzung für die auch vom Bistum gewünschte Aufarbeitung ist, dass die Gemeindemitglieder wissen, ob es auch in ihren Kirchengemeinden Missbrauch durch Geistliche gab. Doch wo genau sich die acht Missbrauchsfälle ereignet haben, gibt das Bistum gemäß einer internen Anweisung nicht heraus. 

Bistum möchte Gemeinden selber informieren

Zwar hätten die Juristen grünes Licht für eine Veröffentlichung der Tatorte gegeben, sagt Bistumssprecher Lota. Man habe aber durchgespielt, was eine Nachricht zum Beispiel in einer Zeitung auslösen wurde. „In den Kirchengemeinden könnten sich die Menschen berechtigterweise fragen: Warum bekomme ich als Mitglied der Kirche das nicht durch die Kirche selbst mitgeteilt“, erklärt Bistumssprecher Ulrich Lota. Zudem wisse er von Missbrauchsopfern, die darum bitten, dass ihr Fall vertraulich behandelt wird. 

Studie zur Aufarbeitung in Arbeit

Die Frage, wie die Aufarbeitung des Missbrauchskandals vor Ort gelingen kann, will das Bistum nun von einem Münchener Institut in einer empirisch-sozialwissenschaftlichen Studie beantworten lassen. Derzeit arbeite eine Projektgruppe an einem Konzept für die erneute Studie, sagt Lota.

Bistum Münster: Opfer wenden sich an die Zeitung

Die Bistümer haben bislang keine einheitliche Linie beim Umgang mit dem Missbrauchsskandal. So veröffentlichte das Bistum Münster sogar Namen von verstorbenen Priestern, um weitere Opfer zu finden. Die Erfahrung: Mehrere Opfer wandten sich anstatt an das Bistum, dem sie nach eigenen Angaben kein Vertrauen schenkten, an die örtliche Tageszeitung. So machte allein der Westfälische Anzeiger in Hamm die Geschichten von fünf anonymen Opfern publik, die von dem damaligen Kaplan Heinz Pottbäcker in den Jahren 1968 bis 1971 in Bockum-Hövel missbraucht worden waren. 

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Mittlerweile hat das Bistum Münster seine Strategie wieder geändert und schweigt. Einzelheiten zu Tatorten, Tatverdächtigen oder Tatzeitpunkten bleiben nun wie im Bistum Essen in den Jahrzehnten zuvor unter Verschluss.

Überprüfung nach dem Missbrauchsskandal

Das Bistum Essen ließ nach Bekanntwerden des Missbrauchsskandals im vergangenen Jahr 1547 Personalakten aller noch lebenden Diakone und Priester von einer unabhängigen Rechtsanwaltskanzlei überprüfen. In 17 Fällen kam es zu Unregelmäßigkeiten wie unbegründete Stellenwechsel, die laut Generalvikar Klaus Pfeffer „inzwischen geklärt werden konnten.“ 

Die Personalakten wurden ebenso wie die Akten der verstorbenen Priester auch zur Prüfung an die Staatsanwaltschaft Essen übergeben, „damit kein strafrechtlich relevanter Hinweis übersehen wird.“ Staatsanwalt Niclas von Hobe teilte nun mit: „Wir erwarten keine neuen Akten mehr. Die abschließende Prüfung der vorgelegten Akten dauert noch an. Neue Anklagen wurden nicht erhoben.

In einigen Fällen waren uns die Verfahren schon bekannt und wir oder andere Staatsanwaltschaften hatten Ermittlungen geführt. Für Auskünfte über Täter, Tatorte oder Opfer verweist die Staatsanwaltschaft an das Bistum. 

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