Bundestagswahl 2021

27 Jahre Bundestag: Dagmar Freitag (SPD) hört auf

Seit 2009 war Dagmar Freitag, SPD-Bundestagsabgeordnete für den Märkischen Kreis II, Vorsitzende des Sportausschusses. Das Foto entstand, als der damalige Bundesinnenminister Thomas de Maizière dort zu Gast war.
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Seit 1994 sitzt Dagmar Freitag, SPD-Aabgeordnete für den Märkischen Kreis II, im Bundestag, hier mit dem damaligen Bundesinnenminister Thomas de Maizière im Spportausschuss.

Seit 27 Jahren sitzt Dagmar Freitag (SPD) im Bundestag. Sechsmal in Folge holte die Iserlohnerin das Direktmandat für den Märkischen Kreis II. Nun hört sie auf - und spricht zum Abschluss über besondere Momente, Begegnungen und schwere Entscheidungen.

Deutsche Soldaten in Krisengebiete im Ausland schicken – das seien die schwersten Entscheidungen gewesen, die sie in ihrer Zeit als Bundestagsabgeordnete habe treffen müssen, sagt die scheidende SPD-Parlamentarierin Dagmar Freitag. Sie sitzt seit 1994 im Parlament, stimmte also 2001 über den Afghanistan-Einsatz mit ab. Um so schlimmer ist auch für sie das, was sich jetzt am Hindukusch abspielt.

Es überschattet das Ende ihrer politischen Karriere: „Es muss jetzt kritisch aufgearbeitet werden, ob in Afghanistan Fehler gemacht wurden oder ob es schlicht nicht möglich ist, dort demokratische Grundstrukturen zu schaffen“, sagt die 68-Jährige und meint damit freie, demokratische Wahlen und die Teilhabe aller am gesellschaftlichen Leben, ganz unabhängig von Herkunft und Geschlecht.

Wahl 2013: „Schrecklicher Abend“

Vor 27 Jahren zog Dagmar Freitag zum ersten Mal in den Bundestag ein, damals noch über die Reserveliste der Landes-SPD. Danach holte sie sechs mal in Folge das Direktmandat – mal himmelhoch, mal ganz, ganz knapp. „Das war ein ganz schrecklicher Abend“, erinnert sie an die Wahl im Jahr 2013, als sie am Ende gerade mal 54 Stimmen vor der CDU-Bewerberin Christel Voßbeck-Kayser lag.

Ganz anders sah es vier Jahre später aus, als nicht nur der Abstand bei den Erststimmen weitaus deutlicher war: Freitags persönliches Ergebnis lag damals auch fast 13 Prozent über den Zweitstimmen, die im Wahlkreis „Märkischer Kreis II“ für die SPD abgegeben wurden.

Vor Ort „mehr bewegen als man glaubt“

Sicher auch ein Beweis für das Ansehen, das die SPD-Politikerin in den Kommunen ihres Wahlkreises genoss und immer noch genießt. Sie führt das auch auf ihre stete Präsenz vor Ort zurück – und zwar auch dann, wenn gerade kein Wahlkampf ist. „Die Leute wollen ihre Abgeordneten lieber vor Ort als im Fernsehen sehen“, glaubt sie. Und Medien müssen auch nicht immer dabei sein: Dass sie sich vor Ort über die Hochwasserschäden am Frei- und Hallenbad informiert hat, das erwähnt sie eher beiläufig.

Und was kann so eine Abgeordnete vor Ort bewirken? „Mehr als man manchmal glaubt“, sagt Freitag. So sei sie oft mit im Boot gewesen, wenn es um den Bau neuer Sportstätten gegangen sei. Als Vorsitzende des Sportausschusses war sie bestens vernetzt, als es um dieses Thema ging. „Da geht es um Millionenbeträge und darum kümmere ich mich natürlich.“

Freitag tief beeindruckt von Nelson Mandela

Es fällt ihr aber noch ein ganz anderes Beispiel dafür ein, was sie als Abgeordnete bewirkt hat: Nach einem Besuch einer Gruppe der Blindenvereine aus ihrem Wahlkreis machte sie sich dafür stark, dass ein Tastmodell des Reichstags hergestellt wurde. Diese Initiative hatte Erfolg, seit 2007 steht das von Studierenden der TU Berlin gebaute Modell im Parlamentsgebäude.

Viele Menschen hat die Iserlohnerin im Laufe ihrer 27-jährigen Politik-Karriere kennengelernt. Besonders beeindruckt hat sie in all den Jahren Nelson Mandela. Seine Rede vor dem Bundestag „war eines meiner prägnantesten und beeindruckendsten Erlebnisse. In solchen Momenten empfindet man es als ganz besonderes Privileg, im Bundestag sitzen zu dürfen“.

Jahre später durfte sie sogar die Hütte besichtigen, in der Südafrikas erster schwarzer Präsident zur Welt kam. Das waren für sie auch deshalb sehr wichtige Erlebnisse, weil sie sich schon als Jugendliche gegen die Apartheid aufgelehnt hat.

„Rein parteipolitische Karriere reicht da nicht“

Da ist es nur folgerichtig, dass sie im „politischen Ruhestand“ ihr Engagement für eine Stiftung verstärken möchte, die sich für bessere Bildungschancen für Kinder in Südafrika und Namibia einsetzt. „Es macht unglaublich Spaß zu sehen, wie sich diese Kinder entwickeln, wenn man ihnen Chancen bietet. Bildung ist schließlich der Schlüssel zu einem selbstbestimmten Leben“, sagt sie und gesteht: „Da kommt die gelernte Lehrerin in mir durch.“

Dass sie 14 Jahre lang an weiterführenden Schulen Sport und Englisch unterrichtete, bevor sie mit 41 Jahren in den Bundestag einzog, das findet sie richtig und wichtig: „Lebens- und Berufserfahrung ist unverzichtbar für das Mandat. Eine rein parteipolitische Karriere reicht da nicht.“ Ein Statement, das sich natürlich an die Adresse des heimischen CDU-Direktkandidaten und Generalsekretär Paul Ziemiak, aber auch an die Kevin Kühnerts und Annalena Baerbocks dieser Welt richtet.

Nach Corona: Sportvereine auf die Beine helfen

Zwei politische Schwerpunkte gab es in Dagmar Freitags politischer Laufbahn. Da war zum einen der Sport: 1998 bis 2009 war sie Sprecherin der Arbeitsgruppe Sport der SPD-Bundestagsfraktion, dann wurde sie Vorsitzende des Sportausschusses. Sportpolitik auf Bundesebene beschäftigt sich vorrangig mit Leistungssport und kommt deshalb auch am Thema Doping nicht vorbei.

Freitag propagierte eine Null-Toleranz-Politik und setzte sich massiv dafür ein, dass Doping in Deutschland auch strafrechtlich verfolgt wird. Der Widerstand, den Sportverbände bis hin zum Deutschen Olympischen Sportbund leisteten, ärgert sie noch heute. Allerdings setzt sie im Moment ganz andere Prioritäten: Auf allen politischen Ebenen müsse jetzt der Vereins- und Breitensport unterstützt werden, damit er nach Corona wieder auf die Beine kommt, fordert sie und betont die große Bedeutung der Sportvereine nicht nur in gesundheitspolitischer, sondern auch in gesellschaftlicher Hinsicht.

Außen- und Sportpolitik als Schwerpunkte

Zweiter politischer Schwerpunkt der Iserlohnerin war die Außenpolitik. Insbesondere zu den USA pflegte sie enge Verbindungen, Joe Biden kennt sie persönlich. Sie finde es einerseits ein wenig schade, dass sie das, was sich jetzt nach Donald Trumps Wahlniederlage in den Staaten tut, nicht mehr so hautnah miterleben wird. Andererseits werde sie auch zukünftig Kontakt zu ihren amerikanischen Freunden („zu denen zählen durchaus auch Republikaner“) halten, hat sie sich vorgenommen.

Personen, die sie in den vielen Jahren besonders beeindruckt haben? „Malu Dreyer“ kommt wie aus der Pistole geschossen. Die SPD-Politikerin sei „unglaublich herzlich, zielstrebig und glaubwürdig“ und sei für sie „absolute Wunschkandidatin für das Amt der Parteivorsitzenden“ gewesen. Auf der CDU-Seite fällt ihr Norbert Lammert ein: „Intellektuell und rhetorisch mit Abstand der beste Bundestagspräsident, den ich erlebt habe.“

Bundeskanzlerin Merkel „anfangs unterschätzt“

Und die Kanzlerin? „Ich habe sie anfangs unterschätzt. Das habe ich revidieren müssen“, sagt sie. Angela Merkel hat sich Freitags Respekt auch dadurch erworben, dass sie sich als Frau in einem Bundestag behauptete, der immer noch männlich geprägt sei, obwohl das natürlich nicht die gesellschaftliche Realitität widerspiegelt.

Und es wird sich wohl so schnell nichts ändern: Statt Dagmar Freitag steht am 26. September Bettina Lugk für die SPD auf dem Stimmzettel – als einzige Frau unter den neun Kandidaten um das Direktmandat, was Dagmar Freitag ebenso „erschreckend“ findet wie die Tatsache, dass es in den Kommunen ihres Wahlkreises nur eine einzige Bürgermeisterin gibt: Birgit Tupat im kleinen Nachrodt-Wiblingwerde.

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