Fehlender Tiefgang

TV-Kritik: „ZDF-History: Mythen der Gegenwart“

Familie vor Plattenbau und DDR Fahne ZDF History Doku tv Kritik
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Einer der Mythen der Gegenwart dreht sich um die Plattenbauten der DDR.

Die aktuelle Ausgabe der Reihe „ZDF-History“ verspricht die Entlarvung moderner Legenden. Allerdings fehlt es der Sendung dabei an Tiefgang.

  • Bei ZDF History sind dieses Mal „Mythen der Gegenwart" Thema.
  • Vom Plattenbau bis zur Autobahn kommen diverse Mythen unter die Lupe.
  • Dieser ZDF-Sendung fehlt es allerdings an Tiefgang.

Der gute alte Fremdwörter-Duden misst dem Lehnwort „Mythos“ mehrere Bedeutungen zu. Unter anderem steht es für „falsche Vorstellungen“, salopp auch „Ammenmärchen“. Sie finden sich nicht nur im Volksmund, sondern erstaunlich oft auch in publizistischen Medien. Manche Überlieferungen haben sich so fest eingeschliffen, dass sie stetig weitergereicht werden, ohne dass noch eine Überprüfung des Wahrheitsgehaltes vorgenommen wird. Gelegenheit für eine schnelle Runde „Trivial Pursuit“ – welche der drei folgenden Aussagen ist richtig:

  • Der „Beat-Club“ war die erste Musiksendung für junge Leute im deutschen Fernsehen.
  • „House of Cards“ (USA) war eine Netflix-Eigenproduktion.
  • „Deutschland 83“ war die erste deutsche Serie, die in den USA gezeigt wurde.

Die Auflösung: keine. Aber Sie werden das eine oder andere gewiss schon mal irgendwo gelesen haben. Mythen unterscheiden sich von sogenannten „Fake News“ dahingehend, dass Letztere vorsätzlich und meist mit niederen Absichten verbreitet werden. Wobei der amtierende US-Präsident Donald Trump den Begriff demagogisch in umgekehrtem Sinne verwendet und, seinerseits lügend, verbürgte Tatsachen als „Fake News“ diskreditiert.

ZDF berichtet auch über Frankfurts Baugeschichte

Die Beschäftigung mit oberflächlich erscheinenden Mythen kann dazu beitragen, das Bewusstsein zu schärfen. Ein verdienstvolles Vorhaben somit, wenn sich die Redaktion der Reihe „ZDF-History“ vornimmt, neuere Sagen auf ihren Wahrheitsgehalt abzuklopfen. Mit den Plattenbauten der DDR, der Autobahn und der Geschichte der Kaufhäuser haben sich die Autoren Tobias Wiethoff und Thomas Hies nicht gerade spektakuläre Sujets vorgenommen. Glaubt wirklich alle Welt, dass Plattenbauten, also Gebäude, die aus Fertigteilen zusammengesetzt werden, aus der Planwirtschaft der DDR hervorgegangen sind? Man muss nur in westliche Vor- und Trabantenstädte schauen, um eines Besseren belehrt zu werden.

Der historische Abriss reicht zurück bis in die Vorkriegszeit, als in Frankfurt am Main, nicht etwa in Frankfurt/Oder, die erste „Plattenbausiedlung“ Deutschlands errichtet wurde. Ein schöner Beitrag zum Allgemeinwissen, aber nicht das drängendste aller denkbaren Themen.

ZDF History zeigt: Die Autobahn wurde auf Leichen gebaut

Sinniger schon, sich die ebenfalls längst widerlegte und doch hartnäckig sich haltende Fama von Adolf Hitler als dem Erfinder der Autobahn vorzunehmen, da es doch wieder irregeleitete Menschen gibt, die dem Massenmörder Hitler Wohltaten andichten möchten. Gut zu wissen also, dass lange vor Hitlers Machtübernahme in Italien eine autobahnähnliche Chaussee gebaut wurde. In Deutschland ließ das Firmenkonsortium HaFraBa e. V., kurz für Verein zur Vorbereitung der Autostraße Hansestädte–Frankfurt–Basel, umfassende Pläne für die genannte Strecke entwickeln, die sich Hitler und sein Baumeister Fritz Todt später zu eigen machten.

Nur knapp findet Erwähnung, dass die ohne Maschinen verrichtete Arbeit quälend war. Arbeiter wurden zu Krüppeln, manche starben. Die Bautrupps mussten in unzureichenden Unterkünften leben, litten Hunger, bekamen nur einen geringen Lohn und Verpflegungsgeld, das ihnen in einigen Fällen noch vorenthalten wurde. Streiks wurden unterdrückt, wer sich beteiligte, musste mit Verhören durch die Gestapo rechnen. Nebenbei hätte noch Erwähnung finden können, dass Hitler ebenso wenig wie die Autobahn den Begriff „Volkswagen“ erfunden hat. Der kursierte im damaligen Motorjournalismus als Bezeichnung für Klein- respektive Kompaktwagen schon vor Beginn der Hitler-Tyrannei.

Berliner Konsumkathedralen sind ebenfalls Thema bei ZDF History

Das dritte Segment widmet sich der Frage „Kaufhäuser – Hat sich der Mythos überlebt?“ Klingt, als sei der Beitrag von der aktuellen Krise des Warenhauskonzern Galeria Kaufhof Karstadt bestimmt worden, der ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung eingeleitet hat und mehrere Niederlassungen schließen will, doch die gegenwärtige Entwicklung bleibt außen vor.

Die Autoren blenden zurück ins 19. Jahrhundert und zeichnen die Geschichte der großen Kaufhäuser nach, deren Betreiber sich in Großstädten wie Berlin durch immer neue Prachtbauten gegenseitig zu übertrumpfen suchten. Boykotte und Angriffe auf Geschäfte jüdischer Besitzer in der Zeit des nationalsozialistischen Rassenwahns haben ihren Platz; die Profiteure der erzwungenen Verkäufe, darunter Helmut Horten, dessen Handelstätigkeit im NS-Verbrecherstaat florierte und in der Nachkriegszeit bruchlos fortgeführt werden konnte, werden namentlich genannt.

ZDF History: Von trällernde Verkäuferinnen

Dann aber geht es flugs in die neuerliche Blüte in den Fünfziger- und Sechzigerjahren, bebildert mit drolligen Ausschnitten aus Kurt Hoffmanns 1962 gedrehten Lustspiel „Schneewittchen und die sieben Gaukler“, in dem Walter Giller und farbenfroh gekleidete Statistinnen durch eine Kaufhauskulisse tänzeln und das breite Warenangebot preisen. Man sieht es mit gemischten Gefühlen – Verkäuferinnen und Verkäufern heutiger Kaufhausketten dürfte nicht nach Tanz und Gesang zumute sein.

Von da ist es dann ein schneller Schritt – oder Schnitt – zum Niedergang der Warentempel, in deren Folge Kaufhof Karstadt zum Monopolisten wurde. Welcher Aspekt dieses historischen Abrisses nun einen Mythos darstellt, wird nicht recht erfindlich. Es wirkt ein wenig, als habe man angesichts einer attraktiven Materiallage das Thema bearbeiten wollen, aber keinen passenden Rahmen gefunden.

Für weitere Sendungen gleichen Musters darf man sich mehr wünschen als diesen zwar unterhaltsamen, aber auch flüchtig anmutenden Mix aus Wikipedia und Youtube, mehr Relevanz und eine vertiefende, bei Bedarf aktuell intervenierende Darstellung dort, wo historische Vorgänge und Personen in politischer Absicht verklärt und verfälscht, mithin mythologisiert werden.

ZDF-History: Mythen der Gegenwart“, Sonntag, 12.07.2020, 23:45 Uhr, ZDF

Eine spannende Zeitreise: Die Reihe „ZDF-History“ widmet sich mit „Personenschützer – Im Angesicht der Gefahr“* der Geschichte des polizeilichen Personenschutzes. Die TV-Kritik. „Unvergesslich“*: Das ZDF zeigt ein neues „Factual Entertainment“-Format mit Annette Frier. Die Schauspielerin begleitet einen Chor mit Demenzkranken.

Gottesdienst, Schießtraining, Barbecue. Amerikanischer könnte ein Tagesablauf nicht sein. Ein TV-Film auf ZDF Info über Evangelikale in den USA* zeigt die beunruhigende Lebenswelt vieler Menschen.

*fr.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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