Film der Woche

“Elle“: Ein Blick in verstörende Abgründe

Er ist verstörend und grenzwertig und doch eine Meisterleistung seines Schöpfer: „Elle“ von Regisseur Paul Verhoeven. Schonungslos spielt Michéle Leblanc die Hauptrolle.

Es gibt in diesem sehr genau komponierten Film einmal einen nächtlichen Blick auf die leere Wohnstraße: links die Gartenmauer der frömmelnden Nachbarn mit kitschiger Weihnachtslichterdeko. Rechts dunkel schmucklos die Mauer vor dem Haus der Protagonistin. Das steckt ziemlich präzise die Welt der undurchdringlichen Fassaden von „Elle“ ab, zwischen zu wohlfeilem Trost und funktionalem Bollwerk.

„Elle“ ist Michèle Leblanc

Sie ist die taffe, kontrollsüchtige Videospielproduzentin, die sich rumschlägt mit ihrer Lusche von Sohn, mit ihrem halb verachteten, halb geliebten Ex-Mann, ihrem fordernden Liebhaber (dem Mann ihrer besten Freundin) sowie den Verbrechen ihres Vaters. Isabelle Huppert spielt diese Frau mit einer Panzermiene, der nur selten und reuig spontane menschliche Regung entwischt.

Ach ja, und dann sind da noch: der Einbrecher bei ihr daheim, die Vergewaltigung. Aber so heftig der Film damit in medias res geht, so getilgt scheint die Tat, sobald die Scherben zusammengekehrt sind. Nach rund einer halben Stunde wird sie überhaupt erst wieder erwähnt – und hält dann nur kurz das Öffnen einer Champagnerflasche auf.

In seiner niederländischen Heimat hat Paul Verhoeven mit offener Kino-Anarchie begonnen – wurde legendär für drastische Freizügigkeit („Türkische Früchte“). In Hollywood aber lernte er, sich andere, nationale Kinotraditionen scheinbar anzuverwandeln, um sie in Wahrheit von innen auszuhöhlen. Er entblößte mit „Basic Instinct“ eher Männerfantasien als Frauenkörper, drehte Action-Blockbuster über faschistische Propaganda („Starship Troopers“).

Verstörend und grenzwertig

In „Elle“ stellt er ähnlich Subversives mit dem französischen Kino an: Da sind all die beigen Oberflächen, der zivilisierte Ton, der ganze bildungs- und besitzbürgerliche Anstrich. Doch von Beethovens „Pastorale“ zum postkolonialen Krieg ist es nur ein kurzes Rüberzappen. Das ist alles nur Heftpflaster über klaffenden Wunden – höflichstes Ignorieren der Abgründe ausnahmslos aller.

„Elle“ ist gewiss kein Film, über den man nach nur einmaligem Sehen das letzte Wort spricht. Er ist verstörend, grenzwertig (aber nicht unverantwortlich) in seinem Umgang mit sexueller Gewalt. Sein Rohmaterial hat er fast vollständig aus dem Roman „Oh...“ von Philippe Djian. Doch er baut es ungleich dichter, noch perverser, radikaler, böse und hinterhältig neu zusammen. Um Verdrängung geht es; um den Verrat von Religion und Kapitalismus gleichermaßen an der Realität der Leiber.

Die Welt von „Elle“ ist keine trostlose Welt – viel schlimmer: Es ist eine Welt, die das Unerträgliche einfach nicht als solches anerkennen will. In welcher Vergebung und Trost einen wie zynische Ohrfeigen treffen. Das Leben geht weiter? Das fühlt sich hier an wie eine Drohung.

„Elle“

Mit Isabelle Huppert, Laurent Lafitte, Anne Consigny, Charles Berling, Christian Berkel Regie: Paul Verhoeven

Laufzeit: 130 Minuten

Dieser Film könnte Ihnen gefallen, wenn Ihnen Claude Chabrols Filme mit Isabelle Huppertnoch nicht tückisch genug waren.

Rubriklistenbild: © dpa

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