Wolf-Prozess beginnt mit Streit um Sitzordnung

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Der Schwerkriminelle Thomas Wolf sitzt zum Prozessauftakt im Hochsicherheitssaal des Landgerichts in Wiesbaden auf der Anklagebank.

Wiesbaden - Unter strengen Sicherheitsvorkehrungen hat der Prozess gegen den Schwerverbrecher Thomas Wolf begonnen. Warum es am 1. Verhandlungstag jedoch noch nicht einmal zur Verlesung der Anklage kam:

Das Landgericht Wiesbaden hat den Prozess am Dienstag eröffnet. Da der Bankräuber und Entführer an einer Borrelioseerkrankung nach einem Zeckenbiss leidet, ist er nur drei Stunden am Tag verhandlungsfähig. Zudem sorgten die Sitzordnung im Gerichtssaal und Befangenheitsanträge der Verteidigung für Streit und für erhebliche Verzögerungen.

Wolf sitzt zwischen zwei Justizbeamten auf der Anklagebank. “Dadurch entstehen erhebliche Nachteile für die Verteidigung“, sagte sein Anwalt Joachim Bremer und beantragte, dass sein Mandant neben ihm sitzt. Das Gericht verwies jedoch auf die “aktenkundige Fluchtgefahr“ des Angeklagten und lehnte den Antrag ab. Der Verteidiger beantragte daraufhin, dass die Richter und Schöffen wegen Befangenheit abgesetzt werden.

Der Prozess wird am Freitag fortgesetzt. Bis dahin soll nach Angaben des Gerichts die Entscheidung anderer Richter über den Befangenheitsantrag vorliegen. Dann ist auch mit einem Geständnis des Angeklagten zu rechnen, wie sein Anwalt angekündigte. Der 58-jährige Wolf ist angeklagt, im März 2009 eine Wiesbadener Bankiersgattin entführt und 1,8 Millionen Euro Lösegeld erpresst zu haben. Neben der Entführung werden ihm in dem Prozess noch zwei frühere Banküberfälle in Hamburg und den Niederlanden zur Last gelegt. Bereits bei seiner Vernehmung räumte er nach Angaben der Justiz die Taten ein. Die Staatsanwaltschaft will prüfen, ob sie Sicherungsverwahrung des Straftäters beantragt. 

Streit um Fluchtgefahr

Die strengen Sicherheitsvorkehrungen waren deutlich sichtbar. Nach einem Sicherheitscheck am Eingang des Gerichtsgebäudes wurden die Zuschauer vor dem Saal noch einmal durchsucht, die Verhandlung verfolgten sie durch Panzerglas, das Mitnehmen von Handys war verboten. Mehrere Zivilpolizisten begleiteten Wolf zur Anklagebank und nahmen ihm erst dort die Fußfesseln ab. Sein Verteidiger sagte, an Gerüchten über angebliche Pläne für eine Geiselnahme sei nichts dran. “So etwas ist niemals geplant gewesen und auch niemals von ihm geäußert worden“, sagte der Anwalt. Er verwies auf den schlechten Gesundheitszustand des 58-Jährigen. Eine Flucht sei absurd.

Doch das Gericht war anderer Meinung. Der Vorsitzende Richter Jürgen Bonk machte deutlich, dass es “keinerlei Erkenntnisse“ über eine geplante Geiselnahme gebe. Das Gericht habe sich bei der Sitzordnung nicht von Gerüchten leiten lassen. Der Richter verwies aber auf die allgemeine Sicherheitsbewertung. Es sei aktenkundig, dass bei Wolf Fluchtgefahr bestehe. Staatsanwältin Maria Klunke bezeichnete die Sicherheitsmaßnahmen als angemessen. Sie verwies darauf, dass Wolf schon häufig die Gelegenheit zur Flucht ergriffen habe. Ihrer Information zufolge brach der Angeklagte schon viermal aus der Haft aus. So sägte er den Angaben zufolge einmal die Gitterstäbe seiner Zelle durch, türmte ein anderes Mal aus dem Landeskrankenhaus und kehrte zudem nicht vom Freigang beziehungsweise aus dem Hafturlaub zurück. “Wir haben es mit einem Angeklagten zu tun, der nichts zu verlieren hat“, sagte die Staatsanwältin. 

Lange kriminelle Karriere

Die kriminelle Karriere des gebürtigen Düsseldorfers reicht weit zurück. Nach Angaben der Justiz wurde Wolf bereits im Alter von 15 Jahren erstmals zu einer Jugendstrafe verurteilt, damals ging es um Diebstahl und Fahren ohne Fahrerlaubnis. Später lautete die Anklage unter anderem auf schweren Raub und Banküberfall. Immer wieder wurde Wolf zu Gefängnisstrafen verurteilt. Zuletzt kehrte er 2000 von einem Hafturlaub nicht zurück, sechs Jahre hätte er damals noch absitzen müssen. Unter falschem Namen lebte er mehrere Jahre in Frankfurt am Main, auch seine Lebensgefährtin wusste offenbar nichts von seinem Doppelleben, bis er 2009 die Bankiersgattin entführte. Nach der Geldübergabe floh der Täter quer durch Deutschland. Durch einen Tipp konnten die Beamten Wolf nach zwei Monaten auf der Reeperbahn in Hamburg festnehmen. Die Festnahme liegt zwei Jahre zurück. Der Prozessbeginn verzögerte sich aufgrund von Wolfs Gesundheitszustand.

dapd

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