Wie gefährlich ist die Wolke für Deutschland?

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Männer in Schutzkleidung in Koriyama

Tokio - In Japan ist eine Cäsium-Wolke ausgetreten. Wie gefährlich ist diese für Deutschland? Wir haben mit mehreren Experten gesprochen. Hier die Antworten auf die wichtigsten Fragen.

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Wohin zieht die in Japan ausgetretene Cäsium-Wolke?
Bei der momentanen Wetterlage: vom japanischen Festland in Richtung Nordwest auf den Pazifik. In den nächsten Tagen wird ein Tiefdruckgebiet erwartet. Die Niederschläge würden die Radioaktivität auswaschen.
Wie könnte sich die radioaktive Wolke aus Japan auf die Welt auswirken?

Die australische Zivilschutzbehörde hat berechnet, dass die atomare Wolke in drei bis sechs Tagen den Golf von Alaska, danach Teile Kanadas und die Westküste der USA sowie Teile Mexikos erreichen könnte. Allerdings lässt die Radioaktivität mit zunehmender Entfernung immer mehr nach.

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Erreicht die Atomwolke auch Deutschland?

Theoretisch können Teile der radioaktiv verseuchten Wolke über den Jet-Stream in über 10 000 Meter Höhe auch ins 9000 Kilometer entfernte Deutschland ziehen. DWD-Meteorologe Gerhard Lux: „Die Partikel bräuchten aber zwei oder drei Wochen, um hierher zu gelangen. Wahrscheinlich ist jedoch, dass nicht mal ein Staubkorn nach Deutschland geweht wird.“

Wie gefährlich wäre die Cäsium-Wolke in Deutschland?

„Diese Wolke würde Europa nicht verstrahlen“, sagt Greenpeace-Experte Karsten Smid zur tz. „Die Radioaktivität hierzulande würde in etwa zwei Wochen zwar leicht ansteigen, wäre aber nicht gesundheitsgefährdend für die Menschen, da die Strahlungsintensität auf dem langen Weg bis zu uns stark reduziert würde.“

Wie wird die Radioaktivität in Deutschland gemessen?

Das Bundesamt für Strahlenschutz hat 1800 Mess-Sonden im Einsatz, die bundesweit die Radioaktivität feststellen. Die würden frühzeitig eine mögliche erhöhte Radioaktivität in Deutschland erfassen.

Was für Folgen hätte ein Abregnen der Atomwolke ins Meer?

Teile der Meeresfauna und -flora würden verstrahlt. Laut Greenpeace würde das Auswirkungen auf die Nahrungskette haben. Betroffen wäre dann u.a. auch Fische wie zum Beispiel der Polardorsch, der im Nordpazifik gefangen wird, und aus dem die beliebten Fischstäbchen hergestellt werden.

So wirken radioaktive Teilchen auf Menschen

Interview mit Thomas Jung, Experte beim Bundesamt für Strahlenschutz

Was passiert, wenn ein radioaktives Teilchen auf eine Körperzelle trifft?

Prof. Thomas Jung: In der Körperzelle aufgeschlagen, zerfällt das radioaktive Teilchen. Dabei können chemische Verbindungen der Zelle abgetrennt werden. Sie wird beschädigt, kann sich nicht mehr teilen und stirbt ab. Eine zweite Möglichkeit ist, dass die geschädigte Zelle weiterlebt, sich aber mit dem Fehler vermehrt.

Was beeinflusst, wie die Zelle reagiert?

Prof. Jung: Wenn viele Schädigungen innerhalb kurzer Zeit gesetzt werden, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass durch das Zellsterben das ganze Organ versagt. Wir sprechen dann vom akuten Strahlensyndrom. Symptome sind Übelkeit, Erbrechen, Schüttelfrost und Schwindel. Oft wird das komplette Verdauungssystem außer Kraft gesetzt. Blutarmut setzt nach einigen Tagen ein. Das Immunsystem, das uns vor Infektionskrankheiten schützt, kann nicht mehr arbeiten. Daran sterben viele Menschen.

Sind die Schäden in den Zellen durch geringere Strahlung weniger massiv, steigt das Krebsrisiko, weil schadhafte Zellen überleben.

Warum steigt nach Strahlen­ereignissen vor allem das Schilddrüsenkrebs-Risiko?

Prof. Jung: Die relativ kleine Schilddrüse ist das Organ, wo das Jod, das wir aus der Umwelt aufnehmen, konzentriert und an den Körper abgegeben wird. Bei einem Reaktorunfall werden jedoch auch radioaktive Teilchen von Jod freigesetzt, die wir Menschen aufnehmen und die sich in der Schilddrüse anreichern. Jod hat nun eine relativ kurze Halbwertzeit – etwa acht Tage: Es zerfällt, die Radioaktivität wird freigesetzt und strahlt in den Körper.

Was kann die Einnahme von Jodtabletten ausrichten?

Prof. Jung: Man versucht die Schilddrüse mit kaltem Jod anzureichern, sie dadurch zu sättigen, so dass sie kein radioaktives Jod mehr aus der Umwelt aufnehmen kann.

Gibt es sonstige Mittel, sich zu schützen?

Prof. Jung: Nein, die einzige Möglichkeit ist, die Leute zu evakuieren.

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