Wegen Dioxin-Funden 1000 Bauernhöfe gesperrt

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Rund 1000 Bauernhöfe in Niedersachsen wurden wegen erneuter Dioxin-Funde gesperrt.

Hannover - Verseuchtes Viehfutter hat das Gift Dioxin in die Nahrungskette gebracht. In mehreren Bundesländern wird intensiv nach betroffenen Höfen gefahndet. Noch unklar sind Ursache und Ausmaß des Skandals.

Mit Dioxin verseuchtes Viehfutter hat die Behörden mehrerer Bundesländer zu drastischen Sofortmaßnahmen veranlasst, um den Schaden für Verbraucher und Landwirtschaft einzugrenzen. Das gefährliche Gift lauerte in Futter für Hühner und Schweine, das an hunderte Höfe verkauft wurde. Allein ein betroffener Bauernhof in Nordrhein-Westfalen soll etwa 120.000 Eier in den Handel gebracht haben. Nach einer Telefonkonferenz der Ministerien mehrerer Bundesländer sperrte Niedersachsen am Montag vorsichtshalber 1000 Höfe. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sah zunächst keine Gefahr für Verbraucher. “Eine akute Gesundheitsgefahr besteht nicht“, sagte ein Sprecher zur Nachrichtenagentur dpa. Ein Sprecher des Bundeslandwirtschaftsministeriums erklärte in Berlin: “Entscheidend ist, dass verunreinigtes Futter sichergestellt wird und belastete Produkte nicht in den Handel gelangen.“

In Nordrhein-Westfalen wurden am Montag 8000 Legehennen getötet, die mit Dioxin verseuchtes Futter gefressen hatten. Die Tiere einer Hühnerfarm im Kreis Soest sollten nach Auskunft des Kreisveterinärs Wilfried Hopp verbrannt werden. Er rechnet damit, dass etwa 120 000 dioxinbelastete Eier des Betriebes in den Verkauf gelangt sind. “Wir bekommen noch einige tausend aus dem Handel zurück.“ In Niedersachsen wurden rund 1000 Legehennen-Farmen, Schweine- und Putenzuchtbetriebe gesperrt. Konkrete Hinweise auf eine Dioxin- Verseuchung in der Lebensmittelkette kamen außer aus Nordrhein- Westfalen zudem aus Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen. “Wir legen erstmal alles still“, sagte ein Sprecher des Agrarministeriums in Hannover. “Der Verbraucherschutz geht vor.“ Die Sperrung der Betriebe bedeutet nicht, dass diese nicht mehr zugänglich sind. Produkte der betroffenen Höfe dürfen aber erst ausgeliefert werden, wenn deren Unbedenklichkeit bestätigt ist.

Der Futtermittelhersteller Harles & Jentzsch in Uetersen in Schleswig-Holstein erklärte, das Dioxin stamme aus Fettsäure von einer Anlage der Biodiesel-Firma Petrotec im niedersächsischen Emden, die anschließend zu etlichen Tonnen Futtermittel verarbeitet worden sei. Die Petrotec AG erklärte aber am Montagabend, die an einen niederländischen Händler gelieferte Fettsäure sei allein zur technischen Verwendung und nicht für die Produktion von Viehfutter bestimmt gewesen. Der Biodiesel-Hersteller kritisierte die Angaben des Futtermittelherstellers Harles & Jentzsch und erklärte, es würden rechtliche Schritte geprüft.

In Nordrhein-Westfalen wurde eine Farm im Kreis Soest mit rund 80 000 Legehennen bereits am 23. Dezember gesperrt. Bei einem Teil der Eier wurden vierfach überhöhte Dioxinwerte gemessen. Insgesamt 14 Betriebe in Nordrhein-Westfalen durften weiter weder Eier noch Fleisch ausliefern, weil sie belastetes Futter verwendet haben sollen. In Thüringen wurde bekannt, dass eine Schweinezuchtanlage 52 Tonnen belastetes Futter von einem Werk aus Sachsen-Anhalt bekommen und komplett verfüttert hat. Die damit gefütterten Ferkel seien bereits verkauft, teilte das Agrarministerium in Erfurt mit. Wohin, müsse nun geklärt werden. Auch in Sachsen-Anhalt wurden Betriebe gesperrt. Zwei sächsische Agrarbetriebe erhielten möglicherweise ebenfalls mit Dioxin verseuchtes Futter, was jetzt überprüft wird.

Die Staatsanwaltschaft Itzehoe nahm Ermittlungen auf. “Wir prüfen, ob eine Straftat vorliegt“, sagte Oberstaatsanwalt Ralph Döpper. Fachleute fanden zunächst keine Erklärung für die Dioxin- Belastung, da das Gift bei der Herstellung von Pflanzenkraftstoffen normalerweise gar nicht entsteht. “Wie da Dioxin hineinkommt, ist mir unerklärlich“, sagte der Bioenergie-Experte der Fachagentur für Nachwachsende Rohstoffe, Dietmar Kemnitz. Die betroffenen Bauern fürchten nach den Dioxin-Funden um ihre Existenz. Die Verursacher hätten ohne Wenn und Aber für den entstandenen Schaden einzutreten, forderte der Deutsche Bauernverband am Montag in Berlin. Weil die Qualitätssicherung gegriffen habe, hätten Rohwaren und Mischfuttermittel sofort gesperrt werden können. Es müsse aber verhindert werden, dass Vermarktungsverbote die Existenz von Betrieben bedrohten.

dpa

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