1. come-on.de
  2. Deutschland & Welt

Tessa Ganserer über „Liberalitas Bavariae“ in Berlin – und warum sich Markus Söder „schnell ignoriert fühlt“

Erstellt:

Von: Thomas Eldersch

Kommentare

Die Nürnbergerin Tessa Ganserer ist von der Landesbühne auf die nationale Bühne gewechselt. Wie fällt ihr Fazit nach fast einem Jahr Berlin aus?

München – Die jüngste Bundestagswahl ist Ende September ein Jahr her. Eine Zeitenwende wurde eingeläutet. 16 Jahre CDU und Angela Merkel waren vorbei. Mit den Grünen und der FDP sind neue Spieler ins Regierungsspiel eingestiegen – und mit ihnen neue Abgeordnete. Eines der neuen Gesichter im Bundestag ist die Nürnberger Abgeordnete Tessa Ganserer (B90/Die Grünen). Als erste transgeschlechtliche Frau im Parlament schrieb sie bereits Geschichte, aber sie hat noch viel mehr vor. Im Gespräch mit Merkur.de von IPPEN.MEDIA erklärt sie, was die Bayern von den Berlinern lernen können, ob sie Nürnberg den Rücken kehren würde und warum sich Markus Söder immer wieder lautstark zu Wort meldet.

Haben Sie sich inzwischen in Berlin eingelebt? Was gefällt Ihnen besonders gut an der Hauptstadt?

Ganserer: In Sitzungswochen ist wenig Zeit, um was Privates zu unternehmen. Ich mag Berlin wirklich sehr, deshalb verbringe ich gerne auch mal zwischen den Sitzungswochen ein Wochenende dort, um den Herzschlag dieser Stadt zu spüren.

Wie oft pendeln Sie zwischen Berlin und Nürnberg hin und her?

Ganserer: Es gibt im Jahr mehr als 20 Sitzungswochen, aber auch in sitzungsfreien Wochen gibt es immer wieder wichtige Termine, für die ich nach Berlin fahre, daher öfter, als mir lieb ist. Aber mein Lebensmittelpunkt bleibt in der Frankenmetropole.

Gibt es etwas, was die Berliner von den Bayern lernen könnten – und umgekehrt?

Ganserer: Die Bayer*innen könnten von den Berliner*innen lernen, wie man als Mensch den Grundsatz „Liberalitas Bavariae“ wirklich lebt. Da ist die Hauptstadt ein Stück weit auch Vorbild. Hier pflegt man noch das „lebn und lebn lassen“. Andersherum sieht auch das Leben der Menschen in Bayern deutlich anders aus, als es die CSU nach Jahrzehnten in der Staatsregierung gern nach außen glauben macht. Deshalb lade ich alle Berliner*innen nach Bayern ein, um sich ein eigenes Bild zu machen.

Tessa Ganserer nimmt Ihre Heimat überall mit hin, bleibt aber immer eine „Waidlerin“

Ist das Miteinander in Berlin als transgeschlechtliche Frau anders als in Bayern oder Nürnberg?

Ganserer: Schwierige Frage, die nicht so einfach zu beantworten ist. Ich erlebe im persönlichen Umgang im Alltag die Menschen in Bayern genauso tolerant wie in Berlin. Transfeindlichkeit gibt es überall, allerdings wird in Berlin deutlich mehr für Akzeptanzförderung unternommen. Und in Berlin gibt es eine deutlich größere Community.

War es denn schwer, auf dem angespannten Berliner Wohnungsmarkt eine Bleibe zu finden?

Ganserer: Ich hatte wirklich sehr viel Glück und konnte als Nachmieterin die Wohnung eines ausgeschiedenen Kollegen übernehmen. Ansonsten wäre es sehr schwer geworden.

Heimat ist für mich etwas sehr Lebendiges, nichts Abgeschlossenes, Abgrenzendes und Ausschließendes.

Tessa Ganserer, bayerische Abgeordnete im Bundestag.

Zwischen der Hauptstadt und der Frankenmetropole liegen fast 400 Kilometer. Wie oft vermissen Sie Ihre Heimat oder sind Sie kein heimatverbundener Mensch?

Ganserer: Heimat ist für mich etwas sehr Lebendiges, nichts Abgeschlossenes, Abgrenzendes und Ausschließendes. Um es mit einem Zitat aus der Kultserie „Irgendwie und sowieso“ zu sagen: „Heimat is do, wo des gfui is“ – Ich würde deshalb sagen: Ja, unbedingt, ich bin ein heimatverbundener Mensch.

Sehen Sie sich dann selbst als Fränkin, Niederbayerin, Bayerin oder spielt das keine Rolle?

Ganserer: Für mich spielt die Herkunft keine Rolle. Ich sehe mich als Mensch und wenn, dann als Waidlerin. Man bringt vielleicht eine Waidlerin aus dem Woid raus, aber niemals den Woid aus der Waidlerin. (Geboren ist Tessa Ganserer in Zwiesel im Bayerischen Wald, Anm. d. Red.)

Haben Sie Ihren neuen Kollegen im Bundestag schon Tipps für einen Besuch in Bayern oder Nürnberg gegeben?

Ganserer: Ja, natürlich, für alle, die sich Nürnberg mal ansehen wollen und lieber ein kühles Bier statt Glühwein trinken, empfehle ich dringend den Besuch beim Nürnberger Bardentreffen.

Tessa Ganserer: „Die CSU hat Bayern komplett abhängig von russischem Gas gemacht“

Sie und ihre neuen Kollegen haben im ersten Jahr der Legislaturperiode mit vielen Baustellen zu kämpfen: Ukraine-Krieg, steigende Inflation, Energiekrise, Corona. Dazu kommen immer wieder die Zwischenrufe aus der Heimat. Markus Söder sieht sich und Bayern nicht genug repräsentiert in der neuen Regierung, sehen Sie das auch so?

Ganserer: Meines Wissens ist Bayern nach wie vor eins von 16 Bundesländern und hat weiterhin sechs Sitze im Bundesrat. Die bayrischen Interessen werden also sehr wohl gesehen und gehört. Aber wenn Markus Söder mal nicht im Mittelpunkt steht, scheint er sich sehr schnell ignoriert zu fühlen.

Die Gas- und Energiekrise betrifft alle Bürger. Hat sich Bayern zu abhängig von russischem Gas gemacht?

Ganserer: Unter Führung von CDU und CSU haben wir uns in Deutschland und noch viel mehr in Bayern komplett abhängig von russischem Gas gemacht. Der Ausbau der Erneuerbaren Energien kam in den vergangenen Jahren praktisch zum Erliegen. Das war eine fatale Fehleinschätzung, die wir nun alle gemeinsam ausbaden dürfen. Kurzfristig werden wir deshalb unsere Energieimporte auf möglichst viele Lieferanten verteilen müssen. Mittel- und langfristig kann die Lösung nur sein, die Energieeffizienz voranzubringen und den Ausbau der Erneuerbaren zu beschleunigen.

Die Bundestagsabgeordnete Tessa Ganserer im IPPEN.MEDIA-Interview: Die Nürnbergerin ist in Berlin angekommen, hat ihr Herz aber in Bayern.
Die Bundestagsabgeordnete Tessa Ganserer im IPPEN.MEDIA-Interview: Die Nürnbergerin ist in Berlin angekommen, hat ihr Herz aber in Bayern. © John Macdougall/afp

Finden Sie es dann in dem Zusammenhang richtig, dass sich Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck in die Energiepolitik Bayerns einmischt?

Ganserer: Nachdem Bayern unter Markus Söder den Ausbau der Windenergie regelrecht zum Erliegen gebracht hat, ist es richtig, dass Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck mit dem „Wind-an-Land-Gesetz“ bundeseinheitliche Regelungen schafft.

Was halten Sie vom Vorschlag von Hubert Aiwanger, Windkraftanlagen in Wäldern der Nationalparks zu errichten?

Ganserer: Ich würde Hubert Aiwanger raten, trotz der Hitze einen kühlen Kopf zu bewahren. Wenn er wirklich dafür Sorge tragen möchte, dass der Ausbau der Windenergie in Bayern endlich wieder Fahrt aufnimmt, dann soll er nicht länger den Steigbügelhalter für die CSU machen. Diese plant nämlich derzeit, mit einer bayerischen Zwischenregel, den Kommunen und Unternehmen beim Bau von Windrädern neue Stolpersteine in den Weg zu legen. Dieser Gesetzentwurf der Staatsregierung würde ein Regelungschaos verursachen. Das ist gerade in Zeiten der Gaskrise absolut unverantwortlich.

Und was sagen Sie Kritikern, die beklagen, Windkraftanlagen seien schädlich für Vögel, Umwelt und Menschen?

Ganserer: Der Schutz der Anwohner*innen wird durch die gültigen, einheitlichen Regelungen des Bundesimmissionsschutzgesetzes gewährleistet. Wir dürfen Artenschutz und Klimaschutz nicht gegeneinander ausspielen. Deswegen wurden jetzt beim Artenschutz bundesweit einheitliche Regelungen geschaffen, was die Verfahren für den Ausbau der Windenergie erleichtert. Gleichzeitig haben wir für ein neues Artenhilfsprogramm gesorgt.

Wenn wir in die Zukunft schauen, was kann sich im Bereich der erneuerbaren Energien in Bayern noch verbessern?

Ganserer: Neben dem Ausbau insbesondere der Windenergie brauchen wir in Bayern endlich ein wirksames Klimaschutzgesetz. Darüber hinaus sollten wir dringend auch die Bereiche Wärme und Mobilität in den Fokus nehmen. Hier ist im Hinblick auf die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern noch sehr viel im Argen.

Über IPPEN.MEDIA

Das IPPEN.MEDIA-Netzwerk ist einer der größten Online-Publisher Deutschlands. An den Standorten Berlin, Hamburg/Bremen, München, Frankfurt, Köln, Stuttgart und Wien recherchieren und publizieren Journalistinnen und Journalisten unserer Zentralredaktion für mehr als 50 Nachrichtenangebote. Dazu zählen u.a. Marken wie Merkur.de, FR.de und BuzzFeed Deutschland. Unsere Nachrichten, Interviews, Analysen und Kommentare erreichen mehr als 5 Millionen Menschen täglich in Deutschland.

Tessa Ganserers Tipp für Nachwuchspolitiker: „Man muss für eine Sache brennen“

Zurück nach Berlin. Wie unterscheidet sich das Arbeiten als Abgeordnete im Landtag von der als Bundestagsabgeordnete?

Ganserer: Alles ist größer und schneller. Die Gremien und die Anzahl der Kolleg*innen, die Fülle der Informationen, die Anzahl der Menschen, die sich an einen wenden, das mediale Interesse, die Verantwortung der Entscheidungen.

Wie fällt ihr Zwischenfazit in Berlin aus?

Ganserer: Ich bin angetreten, um nach 16 Jahren Stillstand an einem ökologischen, sozial gerechten und gesellschaftspolitischen Aufbruch mitzuwirken. Daran arbeiten wir gerade und haben in den vergangenen Monaten vom im Koalitionsvertrag vereinbarten Regierungsprogramm vieles in Angriff genommen und bereits umgesetzt: vom „Aktionsprogramm natürlicher Klimaschutz“ über die Erhöhung des gesetzlichen Mindestlohns bis zur Abschaffung des Werbeverbots für Schwangerschaftsabbrüche. Gleichwohl stehen wir erst am Anfang der Legislaturperiode und haben noch viel vor.

Und was raten Sie jungen Menschen, die vielleicht auch ihre Zukunft in der Politik sehen?

Unsere Demokratie lebt davon, dass sich viele Menschen politisch und aktiv in Parteien engagieren. Ich glaube aber, dass es generell schwierig ist, einen Business-Plan für eine politische Kariere zu entwickeln, so funktioniert das in der Regel nicht. Wichtig ist, dass der Mensch für eine Sache brennt.

Das Interview führte Thomas Eldersch.

Auch interessant

Kommentare