Schweres Erdbeben in Türkei: 1000 Tote befürchtet

+
Die Stadt Van im Osten der Türkei wurde in ein Trümmermeer verwandelt.

Istanbul - Bei einem heftigen Erdbeben im Osten der Türkei sind am Sonntag vermutlich mindestens 1000 Menschen in den Trümmern eingestürzter Gebäude ums Leben gekommen.

Tote und Verletzte unter Trümmern, Panik auf den Straßen: Ein starkes Erdbeben hat am Sonntag im Osten der Türkei nach einer Schätzung der Istanbuler Erdbebenwarte Kandilli 500 bis 1.000 Menschen in den Tod gerissen. Das teilte der Leiter der Warte, Mustafa Erdik, in einer Pressekonferenz mit. Nach Angaben der Regierung in Ankara stürzten in der Kreisstadt Ercis und der Provinzhauptstadt Van 80 Häuser ein, darunter ein Schülerheim. Ercis liegt auf einer Verwerfungslinie und ist deshalb besonders erdbebengefährdet. Der Fernsehsender NTV berichtete, auch der Flughafen von Van sei beschädigt worden und Flüge würden deshalb umgeleitet. Es gab außerdem mehrere Nachbeben. Für die Nacht zum Montag wurden Minustemperaturen erwartet.

In der Provinz Van liefen viele Menschen nach dem Erdstoß am frühen Nachmittag in Panik auf die Straßen. Es habe mindestens 50 Verletzte gegeben, teilte der Rettungsdienst des türkischen Roten Halbmonds mit.

Bilder: Schweres Erdbeben erschüttert Türkei

Erdbeben in Türkei: Hunderte Tote

Der Bürgermeister von Ercis, Zulfikar Arapoglu, bat in einem dramatischen Appell um Hilfe: “Es sind so viele tot. Mehrere Gebäude sind eingestürzt, da ist zu viel Zerstörung“, sagte er im Fernsehsender NTV. “Wir bauchen dringend Hilfe, wir brauchen Ärzte und Sanitäter.“

Ercis ist eine Kreisstadt in der Provinz Van mit mehr als 70.000 Einwohnern. Auch in der Provinzhauptstadt Van stürzten Gebäude ein, sagte Bürgermeister Bekir Kaya. “Das Telefonsystem ist wegen Panik blockiert, wir können nicht sofort den ganzen Schaden ermessen“, sagte er.

500 Rettungshelfer und Notärzte in die Provinz geflogen

Rettungskräfte gruben am Sonntag mit Schaufeln und Händen nach Überlebenden. Die ersten Todesopfer konnten so geborgen werden. Der TV-Sender CNN-Türk berichtet, dass bis zum frühen Abend die Leichen von 77 Menschen gefunden worden seien. Weitere 1000 Menschen wurden verletzt. Das Büro des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan bestätigte, dass es Tote gab, machte allerdings zunächst keine genauen Angaben. Der Krisenstab der Regierung erklärte, aus dem ganzen Land würden 500 Rettungshelfer und Notärzte in die Provinz Van geflogen.

TV-Sender zeigten Bilder von Menschen, die in Panik auf die Straßen rannten und von eingestürzten, mehrstöckigen Gebäuden. Zwischen Schuttbergen und den auf den Straßen verteilten Trümmern hockten Verletzte. Auf Bildern von Überwachungskameras waren Bürogebäude zu sehen, in denen Möbel übereinander stürzten.

“Menschen sind in Todesangst, wir können ihre Hilferufe hören“, sagte der Bürgermeister des benachbarten Ortes Celebibag , Veysel Keser, einem TV-Sender. Es sei eine große Katastrophe: Häuser, Schülerheime, Hotels und Tankstellen seien zerstört. In Bitlis stürzten ebenfalls Häuser ein, ein achtjähriges Mädchen kam ums Leben, teilten Behördensprecher mit.

Unterschiedliche Angaben über die Stärke

Die US-Erdbebenwarte in Golden registrierte das Beben um 13.41 Uhr Ortszeit (12.41 Uhr MESZ) mit einer Stärke von 7,2. Mit einer Tiefe von 20 Kilometern sei es oberflächennah und könnte daher größeren Schaden anrichten. Das türkische Erdbebenzentrum Kandilli sprach von einer vorläufigen Stärke 6,6 und einer Tiefe von sogar nur fünf Kilometern. Mehrere Nachbeben mit Stärken bis zu 5,5 seien unmittelbar gefolgt. Das Epizentrum habe in dem Dorf Tabanli in der Provinz Van gelegen, die an den Iran grenzt.

NTV berichtete, das Beben sei bis in die Nachbarprovinzen deutlich zu spüren gewesen. Erdbeben sind in der Türkei, die von Verwerfungslinien durchkreuzt wird, keine Seltenheit. 1999 kamen bei zwei Erdbeben im Nordwesten 18.000 Menschen ums Leben.

Das Land lebt in ständiger Angst vor neuen Erdstößen durch die Reibung tektonischer Platten in der Erdkruste. Rund 92 Prozent des 780 000 Quadratkilometer großen Landes liegen auf Erdbebengürteln. Etwa 95 Prozent der Türken leben auf unsicherem Grund, auf dem auch 98 Prozent der Industrieanlagen sowie die wichtigsten Staudämme und Kraftwerke stehen. Fast die Hälfte dieser Staudämme wurde in besonders gefährdeten Gebieten gebaut.

dpa/dapd

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion