Rebellen: Gaddafi ist umzingelt

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Der ehemalige Machthabers Muammar Gaddafi ist angeblich umzingelt

Tripolis - Die libyschen Rebellen haben nach eigenen Angaben das Versteck des bisherigen Machthabers Muammar Gaddafi ausfindig gemacht und umzingelt. Der Rest sei nur noch eine Frage der Zeit.

Es sei nur noch eine Frage, wann Gaddafi gefangen genommen oder getötet werde, sagte ein Sprecher des neuen Militärrats, Anis Scharif, am Mittwoch in Tripolis. “Er kann nicht entkommen“, erklärte er, wollte aber keine Details zu Gaddafis Versteck nennen. Dieses sei in einem Umkreis von 60 Kilometern umstellt. Fahrzeugkolonnen mit Gefolgsleuten Gaddafis sind in dieser Woche durch die Sahara nach Niger geflohen.

Junge Libyer erwarten Zukunft ohne Extreme

Während sich die Etappe vor der Gaddafi-Hochburg Bani Walid in Geduld übt, haben ein paar junge Ärzte aus der Hauptstadt Tripolis in einer früheren Krankenstation ein Feldlazarett eingerichtet. Unter ihnen ist der 28-jährige angehende Unfallchirurg Muhanned bin Dalla. Er ist aus Deutschand nach Libyen zurückgekehrt als er von der Vertreibung des Gaddafi-Regimes aus Tripolis erfuhr. “Ich will meinen Beitrag zur Revolution leisten“, sagt der junge Mann mit dem freundlichen, runden Gesicht und Drei-Tage-Bart. “Nicht mit der Waffe in der Hand, sondern mit meinem ärztlichen Können.“

Bin Dalla stammt aus einer Ärzte-Familie in Tripolis. Beide Eltern üben diesen Beruf ebenso aus wie seine Frau. Vor einem Jahr ging er nach Göttingen und dann weiter nach Berlin, um die deutsche Sprache zu lernen. Er spricht sie inzwischen so gut, dass man nicht vermuten würde, dass er sich erst seit so kurzer Zeit mit ihr vertraut macht. In wenigen Monaten beginnt er sein Facharzt-Praktikum am Klinikum Spandau. Er will Unfallchirurg werden und Orthopäde, wie sein Vater Sadik. Über den nun fast kompletten Sieg der Revolution in seinem Heimatland ist er heilfroh. “Der Sturz Gaddafis war bis vor kurzem nur ein Traum, jetzt ist er Realität.“

Seine Familie sei gegen Gaddafi gewesen, aber offen habe man darüber nie gesprochen, sagt er. Beide Eltern sind am renommierten Al-Chadra-Krankenhaus in Tripolis tätig. Dieses war bis zum Umsturz eine Bastion der Gaddafi-Kader und -Anhänger. “Sie mussten da vor allem Leute des Regimes behandeln“, erinnert sich der junge Arzt. Die Kollegen belauerten einander, die Vorgesetzten beobachteten ihre Untergebenen genau. Vor allem in der Endphase “hatten meine Eltern mächtig Stress“. Ein falsches Wort, eine unverhohlene Sympathie-Bekundung für den Aufstand hätte sie ins Gefängnis bringen können.

Rebellen in Libyen: Sie kämpfen gegen Gaddafi

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Als Schüler und Student unterließ der junge Muhanned jede Betätigung, die den Verdacht des Regimes und seiner allgegenwärtigen Geheimdienste erregt hätte. “Bei so was war immer gleich die ganze Familie mit dran“, betont er. Die Eltern hätten wahrscheinlich ihren Job verloren, ihm und den Geschwistern - zwei Brüder und eine Schwester - wäre der Zugang zu einer besseren Bildung verwehrt worden. Nur mit einigen engen Freunden wagte er darüber zu reden, dass das System schlecht und verfehlt sei.

Bin Dalla ist optimistisch, dass die Libyer mit der Zeit ein demokratisches Gemeinwesen aufbauen werden. Dem Übergangsrat, der provisorischen Regierung unter dem früheren Justizminister Mustafa Abdul Dschalil, “vertrauen wir“, bekräftigt er. Die größte Herausforderung sieht er darin, die zahllosen Waffen, die im Umlauf sind, wieder einzusammeln. “Selbst Kinder laufen hier mit Gewehren herum.“ Zudem müssten die Versorgungslage normalisiert und die Voraussetzungen für demokratische Wahlen geschaffen werden. “Da werden wir sicher Rat und Hilfe aus Europa brauchen, denn wir haben diese Erfahrungen nicht.“

Kämpfe zwischen Rebellen und Gaddafi-Truppen

Libyen: Kämpfe zwischen Rebellen und Gaddafi-Truppen 

Die Gefahr, dass radikale Islamisten in Zukunft den Ton angeben könnten, sieht er aber nicht. “Islamisten haben an der Seite der Revolution gekämpft, es hat damit keine Probleme gegeben.“ Libyen sei ein islamisches Land, dem werde auch jede künftige Ordnung Rechnung tragen. “Wir sind nicht so liberal wie Tunesien oder die Türkei, aber auch nicht so konservativ wie die Golfstaaten“, versucht er die libysche Befindlichkeit einzuordnen. Er erwarte, dass das Land einen guten Mittelweg finden werde, ohne Extreme.

Kurz nach diesem Gespräch bekommt das Feldlazarett unerwartet Arbeit. Draußen auf der Straße haben Milizionäre Munition für die hier eingesetzten Luftabwehrgeschütze vorbereitet, indem sie die Zündladung in den Geschossmantel klopften. In der Hitze war dabei eines der Geschosse explodiert, ein Splitter traf einen französischen Kameramann ins Gesicht. “Er ist wieder OK“, sagt Bin Dalla nach der Verarztung. “Seine Lippe hat einen Schnitt, und er hat zwei Zähne verloren.“ Der Munitionsunfall hätte auch schlimmer ausgehen können.

dapd/dpa

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