Hurrikan der Stufe 1

"Isaac" rast auf New Orleans zu 

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Washington - Nach dem ersten Schrecken erwartet New Orleans „Isaac“ eher gelassen. Da wird manchen Amtsträgern schon unwohl. Sie warnen: Der Hurrikan ist nicht zu unterschätzen.

Jedes Jahr seit „Katrina“ hält New Orleans am 29. August inne, um der Opfer des gewaltigen Hurrikans zu gedenken. Nicht dieses Mal. Während „Issac“ langsam aber sicher die Jazz-Metropole in Louisiana ansteuerte und zum Hurrikan der Stufe 1 hochgestuft wurde, wurden alle Gedenkveranstaltungen abgesagt. Sie waren auch nicht nötig - „Isaac“ ist Erinnerung genug. „Wir ehren die Toten, indem wir unsere Bevölkerung mit allen Kräften schützen“, formulierte es Louisianas Senatorin Mary Landrieu im US-Fernsehen.

So liefen denn auch die Vorbereitungen auf den neuen Sturm auf Hochtouren - aber ohne Panik. Ein Heer von Ingenieuren inspizierte noch einmal das 200 Kilometer lange Deichsystem, das nach „Katrinas“ tödlichem Einfall erneuert und verstärkt worden war. Einwohner, die es bisher nicht getan hatten, deckten sich in aller Ruhe mit wichtigsten Vorräten ein, vor allem mit Batterien für Taschenlampen - für den Fall, dass der Strom ausfällt.

New Orleans' Bürgermeister Mitch Landrieu (Bruder der Senatorin) und Louisianas Gouverneur Bobby Jindal beschworen zwar die Menschen, den Sturm nicht zu unterschätzen („Er ist nicht Katrina, aber er kann schlimm genug werden“), versicherten zugleich aber: „Wir sind gut gerüstet.“

Beide standen in ständigem Kontakt mit Top-Katastrophenschützern, die bereits vor Tagen aus Washington angereist waren. Auch Präsident Barack Obama schaltete sich wiederholt persönlich ein, griff zum Telefon und ließ sich von den Gouverneuren der bedrohten Staaten Louisiana, Alabama und Mississippi auf dem Laufenden halten.

Notunterkünfte wurden eingerichtet, Louisiana allein bunkerte dem Sender ABC zufolge mehr als eine Million Fertiggerichte, 1,4 Millionen Flaschen Wasser und 17 000 Plastikplanen zum etwaigen Abdichten abgedeckter Häuser.

Sieben Jahren nach „Katrina“, die 80 Prozent von New Orleans unter Wasser gesetzt und 1800 Menschen getötet hatte, wollte man auch nicht den Hauch eines Risikos eingehen. Damals war Behörden in Washington großes Versagen bei der Vorbereitung auf den Sturm und dann beim Krisenmanagement vorgeworfen worden - diesmal handelten sie schnell.

Von Aufgeregtheit war bei aller Aktivität aber wenig zu spüren. Zunächst hatte allein das Timing nervöse Anspannung ausgelöst. Ein Sturm trifft New Orleans ausgerechnet am Jahrestag von „Katrina“ - das war für viele so etwas wie ein unheilvolles Zeichen. Während sich „Isaac“ dann Zeit ließ, zu einem Hurrikan der (schwächsten) Kategorie 1 zu werden, beruhigte sich die Stimmung zusehends.

Das galt vor allem für New Orleans. Mehr als zehn Milliarden Dollar (etwa 8 Milliarden Euro) wurden hier nach „Katrina“ für den Ausbau der Deiche und eines Pumpsystems ausgegeben, das als das größte auf der Welt gilt. So sah Bürgermeister Landrieu auch keinen Grund für eine Zwangsevakuierung von Gebieten in der Stadt. „Dieser Sturm kann uns nichts bringen, was wir nicht bewältigen können“, sagte er. Die Stadt sei „auf die Schlacht vorbereitet“.

Eher gelassen reagierte auch die Bevölkerung. Während „Isaac“ näher kam, zeigten US-Fernsehsender Bilder von Straßen voller Touristen. Vor einem Pub in New Orleans prangte ein Plakat mit der Aufschrift „Isaac Who“ (Isaac wer?), wie die „Washington Post“ berichtete. Sogar in dem von „Katrina“ total überfluteten Stadtgebiet Lower Ninth Ward, in dem noch immer leerstehende und beschädigte Häuser stumm von der Wucht „Katrinas“ zeugen, schienen die Einwohner wenig alarmiert. „Ich flüchte nicht. Dieser hier wird nicht so schlimm“, zitierte die Zeitung den 63-jährigen Ronnie Brown.

So viel Gelassenheit ist den Amtsträgern dann doch nicht Recht. Sie wollen keine Panik, aber Vorsicht. So warnte der Chef des Hurrikan-Zentrums in Miami, Rick Knabb, wiederholt davor, dass „Isaacs“ Gefahr weniger in starken Windböen liege, sondern in der Kombination aus Flutwellen und sintflutartigem Regen. „Diese Gefahren durch das Wasser werden von vielen vergessen.“ Dass „Isaac“ sich so langsam bewege und einen großen Umfang habe, werde die Auswirkungen noch verschlimmern.

Und außerdem: Das Deichsystem schützt nur die Menschen im Stadtgebiet von New Orleans, aber nicht jene außerhalb. So erinnerte auch der Chef der Washingtoner Behörde für Katastrophenmanagement, Chris Fugate, daran, es gehe hier nicht nur um New Orleans. Es sei zwar verständlich, dass sich angesichts von „Katrina“ alles auf diese Stadt konzentriere. „Aber ich glaube, dass die Menschen es kapieren müssen, dass dies nicht ein New-Orleans-Sturm ist. Dies ist ein Sturm, der die Golfküste betrifft.“

dpa

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