Mirco-Prozess: Blick in seelische Abgründe

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Der angeklagte olfa H. schildert immer neue Versionen des Tathergangs.

Krefeld - Halbzeit im Prozess um den Mord am zehnjährigen Mirco: Manager Olaf H. war beruflich mächtig unter Druck. Der psychiatrische Gutachter soll nun einen Blick in die seelischen Abgründe gewähren.

Strafverteidiger Gerd Meister seufzt und sieht alles andere als glücklich aus. Gerade noch hatte er erklärt, dass sich sein Mandant auch an diesem Tag nicht äußern würde, da bricht Olaf H. sein Schweigen und plaudert drauflos, wie er am Tattag angeblich von seinem Chef zur Minna gemacht worden sei. Schnell entzünden sich auch an dieser Aussage des 45-Jährigen massive Zweifel. Anwalt Meister zuckt mit den Schultern. In so einem Fall stößt auch ein guter Verteidiger an seine Grenzen.

Die Zeugenvernehmungen sind beendet, die Hälfte der geplanten Prozesstage ist absolviert. Der Prozess wird voraussichtlich an diesem Freitag fortgesetzt. Seit zwei Monaten steht Olaf H. vor dem Krefelder Landgericht, angeklagt als der Mann, der den zehnjährigen Mirco aus Grefrath am 3. September 2010 auf dessen Nachhauseweg entführte, missbrauchte und ermordete. Das hat er auch grundsätzlich gestanden.

Aber Olaf H. hat zehn Varianten des Geschehens abgeliefert, dabei immer wieder versucht, sich trotz der monströsen Tat in ein mildes Licht zu setzen. Doch was trieb den einstigen Telekom-Manager wirklich? Dem Gutachten des Psychiaters Martin Albrecht wird entscheidende Bedeutung zukommen.

Widersprüchliches Bild des Angeklagten

Olaf H. ist schwer zu fassen. Drei Ex-Frauen schilderten ihn als lieben, harmonischen Familienmenschen mit ganz normaler Sexualität. Mehr als 20 seiner Arbeitskollegen malen im Zeugenstand ein gänzlich widersprüchliches Bild: vom netten, umgänglichen Kollegen über den emsigen Macher, den eiskalten Machtmenschen bis zum überforderten Blender, dem keine Ausrede zu peinlich war.

Bis zum Mord ist Olaf H. strafrechtlich unbescholten und unauffällig. Bislang wurde nichts bekannt, was auf pädophile oder sadistische Züge deutet, geschweige denn auf eine psychische Erkrankung.

Er war, das haben die Aussagen seiner Kollegen ergeben, im Beruf zuletzt unter Druck, galt einigen als überfordert. Bei seinen Chefs hatte sein Ruf jedenfalls Schaden genommen, Olaf H. ließ sich versetzen. Vielleicht hatte er vor der Tat schon realisiert, dass ihm der Wechsel auch bei seinen neuen Kollegen nicht nur neue Freunde bescheren würde, dass er beruflich vom Regen in die Traufe zu geraten drohte.

Groß war die Anteinahme nach dem Tod des zehnjährigen Mirco.

Ist das eine Situation, in der ein bis dahin völlig unauffälliger leitender Angestellter zum Kindermörder wird? Aus Frust wegen eines drohenden Karriereknicks?

Anfang Juli hatte ihn sein Chef nach München zitiert und seine Unzufriedenheit “sehr deutlich gemacht“. Das habe Olaf H. wohl in seinem Selbstbild erschüttert, räumte der Vorgesetzte ein, ein resoluter Bayer, dem der Ruf anhängt, in Führungsfragen nicht gerade ein feinfühliger Diplomat zu sein.

Hat sich Olaf H. an Mirco abreagiert, weil sein Stern am Karrierehimmel der Telekom zu sinken schien? Die Familie kam dafür jedenfalls nicht infrage, die war ihm schließlich heilig, das berichteten sogar die Schwiegereltern.

Olaf H. hat es für einen Mann mit mittlerer Reife, als gelernter Fernmelde-Handwerker und Beamter im mittleren Dienst weit gebracht. Zwischen 80 und 140 Leute, aufgeteilt in acht Teams, hatte er unter sich. Er bewohnt ein schmuckes Eigenheim am Niederrhein und verdient fast 4000 Euro netto. Er darf sich Manager nennen.

Muss so einer ein Kind töten, bloß um Macht zu verspüren, wie er behauptet? Seine Untergebenen berichten, dass er sie seine Macht durchaus habe spüren lassen.

Mehrfach hat der Vorsitzende Richter Herbert Luczak an den Angeklagten appelliert, reinen Tisch zu machen, ein plausibles Geständnis frei von Halbwahrheiten abzulegen und Mircos Eltern Klarheit zu verschaffen darüber, was ihrem Sohn widerfahren ist. Es sieht nicht so aus, dass es dazu noch kommen wird. Aber vielleicht kann Psychiater Albrecht erklären, was in Olaf H. vorging, als er an jenem Freitagabend mit seinem Dienstwagen umherfuhr und schließlich in der Dunkelheit einen kleinen Jungen auf einem Fahrrad an einer einsamen Stelle stoppte.

dpa

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