Medien: Weiterer Fall im Sylter Kinderklinik-Skandal

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Das Kinderkurheim "Haus Quickborn"

Westerland - Erst ging es um Zungenküsse, später um Oral- und Analsex: In einer Sylter Kurklinik kam es im Sommer zu sexuellen Übergriffen unter Jungen. Nun berichten Medien über einen weiteren Misshandlungsfall aus dem Mai.

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Die Affäre um Missbrauch unter Kindern auf Sylt weitet sich aus. Nachdem gewalttätige Vorfälle in einer Fachklinik für übergewichtige Kinder aus dem Juli und August bekanntwurden, ermittelt die Flensburger Staatsanwaltschaft nach Medienberichten in einem weiteren Fall. Er soll sich Mai ereignet haben. Laut “Bild“- Zeitung geht es um zwei 13-jährige Patienten. Einer von ihnen soll den anderen in der Klinik “Haus Quickborn“ in Westerland so schlimm verprügelt haben, dass der Junge aus Osnabrück tagelang stationär behandelt werden musste (Aktenzeichen 103 UJs 9105/10).

Das “Westfalen-Blatt“ aus Bielefeld zitierte die Sprecherin der Flensburger Behörde, Oberstaatsanwältin Ulrike Stahlmann-Liebelt. Nach einer Strafanzeige soll am 5. Mai 2010 in der Fachklinik ein minderjähriger Patient körperlich misshandelt worden sein. Derzeit gehe man von einem Täter aus, der ebenfalls minderjährig sei. Das Ermittlungsverfahren richte sich noch gegen Unbekannt.

Dem Zeitungsbericht zufolge hatten die Eltern des Kindes Strafanzeige erstattet. Der Junge sei mit schweren Verletzungen in ein anderes Krankenhaus gebracht worden. Die Umstände der Körperverletzung müssten noch geklärt werden, sagte Stahlmann-Liebelt demnach. Das gelte auch für die Frage, inwieweit Betreuungspersonal verantwortlich gewesen sei.

Die DAK Hamburg bestätigte der Zeitung zufolge lediglich, dass es am 5. Mai eine vorzeitige Entlassung aus der Fachklinik gegeben habe. Im Hinblick auf die Wahrung der Intimsphäre des betroffenen Kindes könnten aus Datenschutzgründen keine weiteren Angaben gemacht werden, wurde DAK-Sprecher Frank Meiners zitiert.

Zuvor hatte die DAK als Betreiber der betroffenen Kurklinik die bis dahin bekanntgewordenen Fälle ernster eingestuft. Die DAK sei zu einer “neuen Einschätzung“ gekommen, teilte deren Sprecher am Mittwoch in Hamburg mit. “Die Kasse stellt klar, dass der zunächst verwendete Begriff von “erweiterten Doktorspielen auf freiwilliger Basis“ unrichtig und unangemessen war.“ In der Klinik “Haus Quickborn“ sollen mehrere Jungen andere Kinder auch unter Androhung von Gewalt zu sexuellen Handlungen gedrängt haben.

Die DAK bedauere die Vorkommnisse “auf das Allertiefste“, heißt es in der Mitteilung. Weitere Erklärungen gab es allerdings nicht: “Da es sich um ein laufendes Verfahren handelt und der Schutz der betroffenen Kinder Priorität hat, kann die DAK zum gegenwärtigen Zeitpunkt der Öffentlichkeit keine weiteren Informationen geben.“

Zu den Übergriffen soll es im Juli und August in einer Gruppe mit 16 Jungen in der Klinik gekommen sein. Nach Bekanntwerden der Vorwürfe hatte die DAK am Dienstag zwar bestätigt, dass es sexuelle Handlungen in der Kindergruppe gegeben habe. “Angebliche Vergewaltigungen“ aber hatte der Betreiber zunächst entschieden zurückgewiesen.

Einem internen Papier der DAK vom 24. August zufolge kam es beim Spiel “Flaschendrehen“ unter den 9 bis 13 Jahre alten Jungen auch zu Oral- und Analsex. Rädelsführer hätten bei “Schwulen-Abenden“ in der Klinik “Aufgaben“ gestellt - nach Angaben der Kinder sollen sie erst aus Küssen und Zungenküssen bestanden haben, “später auch in manueller bzw. oraler Stimulation der Genitalien bis hin zur analen Penetration mit Finger und/oder Glied“. Das Papier liegt dem Bielefelder “Westfalen-Blatt“, der “Bild“-Zeitung und der Deutschen Presse-Agentur vor.

13 der 16 Kinder sollen beteiligt gewesen sein. Drei Jungen hätten sich geweigert mitzumachen, dann aber Schmiere stehen müssen. Wer die “Aufgaben“ nicht erfüllte, habe als “Angsthase“, “Memme“ oder “Spielverderber“ dagestanden. Der DAK-Sprecher wollte dies am Mittwoch nicht kommentieren.

Die Mutter eines Jungen hat Strafanzeige gestellt. Die Staatsanwaltschaft Flensburg untersucht daher die Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen und der Verletzung der Aufsichtspflicht.

Rechtsanwalt Carsten Ernst aus Bielefeld hatte am Dienstag erklärt, mindestens sieben weitere Mütter hätten angekündigt, aussagen zu wollen. Er gehe davon aus, dass bis zu zwölf Kinder misshandelt worden sind. Über den jetzt bekanntgewordenen weiteren Fall aus dem Mai sagte Ernst der “BILD“-Zeitung (Donnerstagausgabe): “Dieser Fall ist ein weiterer Mosaikstein dafür, dass in der Klinik massiv die Aufsichtspflicht verletzt wird.“ Der Anwalt will dem Bericht zufolge für die Opfer Schmerzensgeld und Schadenersatz (20 000 bis 50 000 Euro) notfalls einklagen.

dpa

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