Gastbeitrag

Lehrerin rechnet mit faulen Kollegen ab und fordert, Beamtenstatus an Schulen abzuschaffen

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Sigrid Wagner macht sich bei ihren verbeamteten Kollegen unbeliebt. 

Die Lehrerin Sigrid Wagner rechnet mit verbeamteten Kollegen ab: Sie machten es sich bis zur Pension bequem, Schüler seien ihnen egal. Wagner fordert: Schafft den Beamtenstatus im Schuldienst ab. Lesen Sie ihre Argumente. 

Das Bewusstsein, als verbeamteter Lehrer im Gegenzug zu den Privilegien, die man genießt, auch gute Arbeit leisten zu müssen, ist bei vielen Lehrern leider nicht vorhanden – allein wenn man sich die Pensionszahlen anschaut und mit den Rentenansprüchen ähnlicher Jobs vergleicht, könnte man weinen. Ich habe allerdings viel zu oft Lehrer erleben müssen, denen es irgendwann vollkommen egal war, wie viele ihrer Schüler fehlerfrei lesen können, den Dreisatz begreifen oder beim Abitur durchfallen. Ihr Job war ja sicher, das Gehalt stand fest – was also soll die ganze Aufregung? Hatten sie den Beamtenstatus erreicht, konnten sie "endlich den Ball flach halten, das Geld kommt ja ab jetzt auf dem Fließband", wie es einmal einer meiner Lehrerkollegen ausdrückte. 

Ob Menschen allerdings, die ihr Geld unabhängig von ihrer Leistung bekommen und die eine lebenslange Beschäftigung in ein und demselben "Unternehmen", also der Schule, anstreben, wirklich die richtigen sind, um die Kinder auf eine Arbeitswelt vorzubereiten, in der Flexibilität und Mobilität essenziell sind – die Frage kann sich jeder selbst beantworten. Natürlich ist es nicht verwerflich, sich Gedanken um seine berufliche Zukunft und die Jobsicherheit zu machen. Wer die Job-Wahl nur aus Sicherheitskalkül trifft, der gehört in meinen Augen nicht in den Schuldienst. Und mangelndes Engagement ist leider nicht das Ende der Fahnenstange. 

Lehrer mit unentschuldbarem Verhalten werden in vorzeitigen Ruhestand versetzt – bei vollen Bezügen

Sigrid Wagners Buch „Das Problem sind die Lehrer. Eine Bilanz“ ist am 21. August 2018 erschienen.

Unhaltbar wird es, wenn Lehrer wirklich schlechten Unterricht machen oder sich tatsächlich etwas zuschulden kommen lassen und sie wegen ihres Beamtenstatus nicht oder nur schwer entlassen werden können bzw. weich fallen, indem sie in den vorzeitigen Ruhestand versetzt werden – bei vollen Bezügen, versteht sich. Nicht nur einmal musste ich bei Gesprächen in Schulen wegen gravierender Verfehlungen von Lehrern den Satz der Schulleiter hören: "Tja, wenn wir das an die große Glocke hängen, könnte der Kollege unter Umständen seinen Beamtenstatus verlieren. Das können wir ja nicht machen." Im Gegenteil! Das können wir nicht nur, das müssen wir sogar! Wenn ein Lehrer zum Beispiel nachweislich der sexuellen Nötigung überführt wurde, dann hat sein Beamtenstatus überhaupt nichts bei der Betrachtung der Konsequenzen für diesen Lehrer verloren. Äußert sich ein Schulleiter dennoch in diese Richtung, dann gehört er meiner Ansicht nach sofort zusammen mit besagtem Lehrer vor das Schultor gesetzt. 

In Finnland können Lehrer jederzeit nicht nur bei grobem Fehlverhalten, sondern allein schon bei schlechten Leistungen aus dem Schuldienst entlassen werden. In Deutschland ist es anders. Leisten Lehrer schlechte Arbeit, werden sie durch das System der Verbeamtung im Schuldienst gehalten und bis zum bitteren Ende ihrer Dienstzeit mit durchgeschleppt, ohne dass jemand einen Nutzen davon hätte: Weder die Schüler und deren Eltern noch die Kollegen, ja noch nicht einmal die Lehrer selbst – außer in Hinblick auf finanzielle Absicherung vielleicht. Denn wer mit Unzufriedenheit am Arbeitsplatz zu kämpfen hat, kann ernsthaft an den Folgen steter Überforderung erkranken. Und so hangelt sich der ungeeignete Lehrer zwischen Alltagsfrust und Krankschreibungen wegen Burnout durch bis zur Pension, der Verbeamtung sei Dank. Fällt sie weg, nimmt auch das Interesse am Job ab, wie einige Bundesländer schmerzhaft erfahren haben und die Möglichkeit zur Verbeamtung wieder einführen mussten. [...] Aber sollte der Beamtenstatus tatsächlich nur aus diesem Grund erhalten bleiben? Weil man sonst keine Lehrer findet? Wie wäre es denn, an den richtigen Stellschrauben zu drehen? Zum Beispiel an der Attraktivität des Arbeitsplatzes und der Praxisnähe der Ausbildung, an Anerkennung und Wertschätzung, an der Förderung durch den Schulleiter, an der Entlastung durch zusätzliche Lehrer sowie durch pädagogisch und psychologisch geschultes Personal, um nur einige zu nennen? 

Großer Gehaltsunterschied zwischen verbeamteten und nicht-verbeamteten Lehrern: Unfair und nicht zu rechtfertigen

[...] Darüber hinaus ist es eine durch nichts zu rechtfertigende Ungerechtigkeit, dass angestellte und verbeamtete Lehrer für dieselbe Arbeit unterschiedlich hohes Gehalt bekommen: Verbeamtete Lehrer bekommen in vergleichbarer Position und mit ähnlicher Berufserfahrung bis zu 800 Euro netto mehr im Monat als Angestellte. Außerdem erhalten sie ihr Gehalt zu Beginn des Monats, während der angestellte Lehrer erst am Ende des Monats entlohnt wird. Letztere müssen im Gegensatz zu ihren Beamtenkollegen auch in die Rentenkasse einzahlen und haben kein Anrecht auf privatärztliche Behandlung. 

[...] Der Unmut darüber ist groß in den Lehrerkollegien. Arne Ulbricht hat aus diesen Ungerechtigkeiten eine persönliche Konsequenz gezogen: Der Lehrer verzichtete auf seinen Beamtenstatus. Er habe, so Ulbricht, nicht von einem System profitieren wollen, in dem Beamte und Angestellte für dieselbe Arbeit unterschiedlich viel Geld erhielten und lediglich die Dienstjahre, nicht aber die Leistung entscheidend für die Besoldung sei (Quelle: "Lehrer verzichtet auf Beamtenstatus", "Abendzeitung " vom 20. 1.2013) Tatsächlich gibt es keine. Tatsächlich gibt es keine Zulagen für besonderes Engagement. Es liegt schon eine gewisse Komik darin, wenn verbeamtete Lehrer ihren Schülern die Vorzüge der Leistungsgesellschaft predigen und selbst das Gegenteil leben. Daher meine klare und eindeutige Forderung: Schluss mit dem Beamtenstatus im Schuldienst! Meine Hoffnung wäre, dass dann diejenigen Menschen von dem Beruf angezogen werden, die wirklich etwas bewegen, wirklich unterrichten, Kinder wirklich auf ihrem Lebensweg begleiten wollen. 

Der Gastbeitrag ist ein Auszug aus Sigrid Wagners Buch „Das Problem sind die Lehrer. Eine Bilanz“, das am 21. August 2018 im Verlag Rowohlt Polaris erschienen ist. Das Buch hat 272 Seiten und kostet 12,99 Euro. 

Wagner wurde 1955 in Goslar geboren. Sie studierte an der Universität Hamburg Lehramt und war bis 2011 Lehrerin an allen Sekundarstufen in zwölf verschiedenen Fächern und in zwei Bundesländern, der Pfalz und in NRW. Zuletzt war sie an einer Förderschule in NRW tätig. Nach ihrem Spiegel-Artikel "Der große Frust" über das Thema erreichten Sigrid Wagner körbeweise Zuschriften von Eltern und Kollegen, zustimmende wie kritische gleichermaßen.

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