Kritischer Richtwert in Teilen gesenkt

Corona: Nach Merkels-Debatte mit Ministerpräsidenten - mehr als 50 Kreisen drohen strengere Regeln

51 deutschen Stadt- und Landkreisen drohen strengere Corona-Regeln. Aufgrund steigender Infektionszahlen kurbelt die Politik den entscheidenden Richtwert herunter.

  • Die Corona-Zahlen in Deutschland steigen rasant*.
  • Bund und Länder haben den kritischen Inzidenz-Wert* in Teilen heruntergeschraubt - damit vor Ort strengere Regeln greifen können.
  • Insgesamt 51 Stadt- und Landkreise sind von der Anpassung betroffen.

Berlin - Die Corona-Zahlen in Deutschland steigen und steigen. Am Mittwoch verzeichnete die Bundesrepublik mehr als 5000 Neuinfektionen und immer mehr Stadt- und Landkreise überschreiten die kritische Marke von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner. Diese Entwicklung ist besorgniserregend, da Covid-19 damit nicht mehr auf einzelne Hotspots wie Gütersloh oder Hamm beschränkt ist, sondern sich in der ganzen Bundesrepublik ausbreitet.

Corona in Deutschland: Warum zählt Niedersachsen zu den am stärksten betroffenen Orten?

Beim Blick auf die Fallzahlen fällt dennoch auf, dass gewisse Bundesländer stärker von Covid-19 betroffen sind. Im Gegensatz zu Pandemiebeginn trifft es nun etwa Niedersachsen immer stärker. Die Stadt Delmenhorst sowie die Landkreise Cloppenburg, Emsland, Oldenburg und Vechta überschreiten die Corona-Warnstufe.

Doch warum ist die Lage im nach Bayern größten Bundesland so angespannt? Seit Sommer ist in Niedersachsen - wie in vielen anderen Ländern - ein Anstieg der Infektionszahlen zu erkennen. Es ist zu beobachten, dass kleinere lokale Ausbrüche in Betrieben oder Pflegeeinrichtungen wie in einer Bäckerei in Bentheim zu flächendeckenden Neuinfektionen führen. Das die Zahlen in einem eher ländlich geprägten Gebiet aber so rasant steigen, ist etwas diffus.

Darüber hinaus liegt mit Bremen ein Corona-Hotspot in unmittelbarer Nähe. Die Hansestadt kommt derzeit auf einen Inzidenzwert von 79,3. Womöglich spielt auch die gemeinsame Grenze zu den Niederlanden eine Rolle. Die angrenzenden Provinzen Drenthe, Groningen und Overijssel gelten aufgrund hoher Fallzahlen aktuell als Risikogebiet. Die erhöhten Werte im Emsland sowie in Cloppenburg lassen sich indes durch Ausbrüche in Schlachtbetrieben erklären. Beide betroffene Firmen gehören zur Tönnies-Gruppe.

Corona in Deutschland: Berlin agiert „am Rande der Nicht-mehr-Kontrollierbarkeit“

Höchst prekär ist die Lage unterdessen in Berlin. Am Dienstag wurde mit 706 neuen Fällen ein Rekordwert an Neuinfektionen gemeldet. Vor allem die Bezirke Neukölln und Mitte bereiten im Moment Sorge. Inzidenzwerte von bis 161,1 zu lassen die Hauptstadt in ein ungutes Licht rücken. Die Kritik an den verantwortlichen Politikern wächst. CSU-Chef Markus Söder sagte bereits letzte Woche, die Situation sei „am Rande der Nicht-mehr-Kontrollierbarkeit“. Das „seltsame System“ von Bezirksregierungen erschwere eine einheitliche Corona-Strategie.

Corona in Deutschland: Jede(r) Dritte in NRW lebt in einem Risikogebiet

Am schlimmsten scheint die Lage im Moment in Nordrhein-Westfalen zu sein. Fast ein Dutzend Städte des Ballungsraumes NRW überschreiten die Corona-Warnstufe. Die Lage in den Großstädten um Köln oder Düsseldorf spitzt sich immer weiter zu. Weil immer mehr Orte die Corona-Warnstufe knacken, leben von den rund 18 Millionen Einwohnern Nordrhein-Westfalens aktuell fast 6,2 Millionen, also quasi jede(r) Dritte, in einem Risikogebiet. Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) zeigt sich dennoch optimistisch, dass sich ein Herunterfahren des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens vermeiden lässt. „Es kann gelingen, dass wir Weihnachten ohne Lockdown erleben können“, sagte er gegenüber ntv.

Corona in Deutschland: In elf Bundesländern gibt es Corona-Hotspots

NRW, Berlin, Niedersachsen und weiterhin Bayern: Die Lage ist besonders in diesen Gebieten angespannt, wie der Blick auf die Stadt- und Landkreise zeigt, welche die kritische Marke von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner im Moment überschreiten. Deutschlandweit liegt die Inzidenz übrigens bei 31,0.

Stadt- und Landkreise, in denen die Sieben-Tages-Inzidenz über 50 liegt (Quelle: RKI-Dashboard, Stand: 14. Oktober, 17.30 Uhr)**

Nordrhein-Westfalen: SK Herne (95,2), SK Solingen (71,0), LK Recklinghausen (70,7), SK Köln (70,4), SK Leverkusen (67,4), SK Hamm (66,1), SK Wuppertal (63,4), SK Hagen (56,2), SK Düsseldorf (55,6), SK Duisburg (55,5), LK Mettmann (54,4), LK Unna (54,4), LK Olpe (53,7), SK Essen (51,1)

Bayern: LK Regen (84,0), LK Berchtesgadener Land (72,7), SK Rosenheim (67,7), LK Fürstenfeldbruck (62,0), LK Rottal-Inn (57,6), SK Schweinfurt (52,4), SK Memmingen (52,2), SK München (52,1)

Berlin: Neukölln (161,1), Mitte (112,5), Tempelhof-Schöneberg (93,9) Reinickendorf (73,9), Spandau (67,4), Charlottenburg-Wilmersdorf (61,0), Steglitz-Zehlendorf (51,0)

Niedersachsen: LK Cloppenburg (99,0), SK Delmenhorst (96,7), LK Vechta (58,8), LK Emsland (51,7), LK Oldenburg (50,4)

Hessen: SK Offenbach (84,4) SK Frankfurt am Main (71,0,) LK Groß-Gerau (61,7), LK Main-Taunus-Kreis (53,7)

Baden-Württemberg: LK Esslingen (77,6), SK Stuttgart (69,7)

Rheinland-Pfalz: LK Eifelkreis Bitburg-Prüm (115,1), SK Mainz (54,9)

Saarland: LK Sankt Wendel (97,7)

Sachsen: LK Erzgebirgskreis (52,2)

Thüringen: LK Eichsfeld (54,0)

Bremen: Hansestadt Bremen (79,3)

Corona in Deutschland: Bundesregierung verhandelt um Inzidenz-Richtwert - 51 Kreisen drohen strengere Regeln

Die Zeiten, in denen die Corona-Hotspots im Land an einer Hand abzuzählen waren, sind definitiv vorbei. Die aktuelle Entwicklung stellt die Politik vor große Herausforderungen. Wie kann ein weiterer Anstieg vermieden werden? Die Antwort sieht der Bund im Moment in zusätzlichen Restriktionen für besonders gefährdete Gebiete. Die kritische Grenze, ab der bei privaten Feiern und öffentlichen Veranstaltungen Einschränkungen gelten, wurde am Mittwoch von Bund und Ländern neu definiert. Bereits bei 35 Fällen pro 100.000 Einwohnern könne es zu neuen Maßnahmen kommen, bei 50 Fällen dann zu entsprechend strengeren Maßnahmen.

Einige Corona-Maßnahmen gelten nun bereits ab einem Grenzwert von 35 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern in sieben Tagen. Das gab Merkel nach dem Corona-Gipfel in Berlin bekannt. So etwa die Maskenpflicht. Sie soll bereits ab der 35er Marke überall da gelten, wo Menschen dichter beziehungsweise länger zusammenkommen. Auch private Feiern sollen dann bereits auf 25 Teilnehmer im öffentlichen und 15 Teilnehmer im privaten Raum begrenzt werden.

Der „neue Inzidenz-Wert“ hat derweil prompt Auswirkungen auf das ganze Land. Viele Stadt- und Landkreise bewegen sich momentan zwischen 35 und 50 Fällen pro 100.000 Einwohnern. Laut neuer Definition gelten auch sie als Corona-Hotspot. Konkret betroffen sind laut aktuellen Angaben des Robert-Koch-Instituts* mehr als 50 Kreise.

Stadt- und Landkreise, in denen die Sieben-Tages-Inzidenz zwischen 35 und 50 liegt (Quelle: RKI-Dashboard, Stand: 14. Oktober: 17.30 Uhr)**

Nordrhein-Westfalen: LK Rhein-Erft-Kreis (49,3), SK Gelsenkirchen (48,1), LK Städteregion Aachen (47,7), SK Bochum (47,6), SK Remscheid (46,7), SK Mühlheim an der Ruhr (44,5), SK Dortmund (42,8), LK Rhein-Sieg-Kreis (41,9), SK Bonn (38,5), LK Rheinisch-Bergischer Kreis (38,1), LK Warendorf (37,4), LK Gütersloh (36,2),

Bayern: LK Schweinfurt (48,5), LK Ebersberg (48,0), SK Augsburg (45,9), LK Rosenheim (42,1) SK Nürnberg (40,3), SK Weiden in der Oberpfalz (39,8), SK Ingolstadt (39,3), LK Unterallgäu (38,5), LK München (37,9), LK Tirschenreuth (37,5), SK Regensburg (35,9)

Baden-Württemberg: SK Mannheim (48,3), LK Tübingen (47,7), SK Heilbronn (47,4), SK Baden-Baden (47,1), LK Tuttlingen (45,5), LK Schwäbisch Hall (42,2), LK Ludwigsburg (45,1), SK Pforzheim (38,1), LK Reutlingen (36,6)

Hessen: LK Marburg-Biedenkopf (46,1), SK Wiesbaden (43,1), LK Offenbach (43,0), SK Darmstadt (42,5), LK Hochtaunuskreis (39,3), SK Kassel (37,1), LK Werra-Meißner-Kreis (35,8)

Niedersachsen: LK Grafschaft Bentheim (49,6), LK Wesermarsch (47,4), LK Osnabrück (42,2), LK Leer (39,8)

Rheinland-Pfalz: LK Neuwied (49,8), LK Mainz-Bingen (40,7), LK Kaiserslautern (37,7), LK Bad Dürkheim (35,4)

Saarland: LK Merzig-Wadern (46,5), LK Neunkirchen (45,7)

Berlin: Pankow (45,3)

Brandenburg: LK Oder-Spree (43,1)

Die Bundesländer Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Hamburg und Bremen (Bremerhaven) wären von der Anpassung des kritischen Wertes nicht betroffen. Insgesamt 51 weitere Stadt- und Landkreisen droht allerdings eine Verschärfung der Maßnahmen. In entsprechenden Gebieten kommt es etwa zu einer früheren Sperrstunde für Bars mit möglichem Alkoholverbot sowie eine Ausweitung der Maskenpflicht. Sie gilt nun auch überall da, wo Menschen dichter beziehungsweise länger zusammenkommen. Auch strengere Kontaktbestimmungen gehen mit der Anpassung einher. Der 35er-Wert solle gewissermaßen als neuer Frühwarnpunkt fungieren - und damit gleichzeitig dafür sorgen, dass weniger Kreise die 50er-Marke überschreiten. (as) *Merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks

** Die Angaben beziehen sich auf das Dashboard des Robert-Koch-Instituts. In seltenen Fällen kann es dazu kommen, dass sich die von den jeweiligen Städten gemeldeten Zahlen von denen des RKI unterscheiden. Die Stadt Bonn bezifferte die Inzidenz etwa auf 43,0 statt 38.5. Das liegt an unterschiedlichen Zählweisen und teils verzögerten Abläufen auf dem Meldeweg.

Rubriklistenbild: © Screenshot RKI-Dashboard

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