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Corona-Zahlen sinken weiter - Experten erklären, warum manche Menschen noch nie infiziert waren

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Von: Alexander Kaindl

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Die Corona-Zahlen in Deutschland gehen weiter zurück. Manch eine Person war scheinbar noch nie infiziert - Wissenschaftler haben dafür verschiedene Erklärungsansätze.

Berlin - Das Coronavirus ist weiterhin da, aber: Die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz befindet sich nach wie vor im freien Fall. Das Robert Koch-Institut (RKI) gab den Wert am Mittwochmorgen mit 407,4 an. Das geht aus Zahlen hervor, die den Stand des RKI-Dashboards von 05.00 Uhr wiedergeben. Am Vortag hatte der Wert der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche bei 437,6 gelegen (Vorwoche: 507,1; Vormonat: 808,8).

Coronavirus in Deutschland: Zahlen sinken weiter, sind aber nicht mehr verlässlich

Diese Zahlen sind inzwischen aber mit Vorsicht zu genießen, denn: Die Inzidenz liefert kein vollständiges Bild der Infektionslage. Experten gehen seit einiger Zeit von einer hohen Zahl nicht vom RKI erfasster Fälle aus - wegen überlasteter Gesundheitsämter und weil nicht alle Infizierte einen PCR-Test machen lassen. Nur diese zählen in der Statistik. Zudem können Nachmeldungen oder Übermittlungsprobleme zu einer Verzerrung einzelner Tageswerte führen.

Die Gesundheitsämter in Deutschland meldeten dem RKI zuletzt 72.051 Corona-Neuinfektionen (Vorwoche: 97.010 registrierte Ansteckungen) und 174 Todesfälle (Vorwoche: 231) innerhalb eines Tages. Vergleiche der Daten sind auch hier wegen des Testverhaltens, Nachmeldungen oder Übermittlungsproblemen nur eingeschränkt möglich. Generell schwankt die Zahl der registrierten Neuinfektionen und Todesfälle deutlich von Wochentag zu Wochentag, da insbesondere am Wochenende immer mehr Bundesländer nicht ans RKI übermitteln und ihre Fälle im Wochenverlauf nachmelden.

Corona-Infektionen in Deutschland: Fast 26 Millionen nachgewiesene Fälle

Das RKI zählte seit Beginn der Pandemie 25.890.456 nachgewiesene Infektionen mit Sars-CoV-2. Die tatsächliche Gesamtzahl dürfte deutlich höher liegen, da viele Infektionen nicht erkannt werden. Allerdings: Es gibt viele Menschen, die noch nie einen positiven Test hatten. Woran mag das liegen? Es gibt viele verschiedene Erklärungsansätze für die scheinbar corona-immunen Menschen. Einhalten der AHA-Regeln, kaum Kontakte zu infizierten Personen, falsche Tests, leichte Infektionen, die unbemerkt mitliefen - oder einfach nur Glück, sich noch nicht angesteckt zu haben.

Wissenschaftliche Erkläransätze zu der Frage gehen tiefer. Die eine definitive Antwort, die Nicht-Ansteckungen erklärt, gibt es aber nicht. Vielmehr kann der Schlüssel in einer Kombination verschiedener Umstände liegen. „Es gibt einige Hypothesen, die plausibel erscheinen“, sagt Leif Sander, der die Klinik für Infektiologie an der Berliner Charité leitet.

Medizinische Maske
Ein Mund-Nasenschutz liegt im Regen auf der Strasse. © Christoph Schmidt/dpa/Symbolbild

Corona-immun? Experten erklären, warum manche Menschen offenbar noch nie infiziert waren

Zunächst einmal muss man bedenken, dass ein gar nicht mal kleiner Teil der Fälle weitgehend oder völlig unbemerkt verläuft. In einer Überblicksarbeit von Ende 2021 im „Jama Open Network“ bilanzierten die Autoren, dass sogar bei bestätigten Corona-Infizierten rund 40 Prozent zum Testzeitpunkt keine Krankheitsanzeichen hatten. Grundlage waren knapp 100 verschiedene, internationale Studien mit Daten von insgesamt rund 30 Millionen Menschen.

Klar ist: Die Testhäufigkeit spielt vor diesem Hintergrund eine Rolle beim Erkennen von Infektionen. Wer sich eher unregelmäßig testen lässt, hat eine höhere Wahrscheinlichkeit, eine sehr milde oder asymptomatische Infektionen zu übersehen. Bei häufigen Tests spürt man eher auch milde Fälle auf.

Gene und Blutgruppen als Schlüssel für Corona-Immunität?

Abgesehen davon können auch die Gene eine Rolle spielen. „Es gibt Menschen, die aufgrund genetischer Merkmale zum Beispiel schlecht mit Malaria oder HIV infiziert werden können. In gewissen Abstufungen wird es das auch bei Sars-CoV-2 geben“, sagt Sander. Komplett verstanden seien die genetischen Faktoren aber nicht.

Wie Ulf Dittmer, Direktor des Virologie-Instituts am Uniklinikum Essen, erklärt, spielt die genetische Ausstattung des Immunsystems - sogenannte HLA-Moleküle - für den Schutz vor Covid-19 eine wichtige Rolle. Und Blutgruppen beeinflussten nicht nur die Schwere der Erkrankung, sondern vielleicht auch die Übertragung von Sars-CoV-2.

Corona-Impfung: „Der Schutz bleibt über Monate signifikant“

Vermutlich oft unterschätzt wird der Impfschutz: Die Spiegel der Antikörper im Blut, die in den Körper eindringende Coronaviren unschädlich machen können, sinken in der Zeit nach der Impfung zwar ab. „Der Schutz bleibt aber trotzdem über Monate signifikant. Auch das reduziert immer noch Ansteckungen“, sagt Sander.

Immunantworten auf die Impfung unterscheiden sich darüber hinaus von Mensch zu Mensch. „Wenn die Antwort besonders gut ausfällt, kann auch die Kombination aus Impfung und einer vorherigen Infektion mit einem der vier normalen Erkältungscoronaviren eine Rolle spielen“, gibt der Charité-Professor zu bedenken.

„Dass man Corona bisher nicht hatte, heißt nicht, dass man für alle Zeit safe ist“

Virologe Dittmer sagt, man wisse mittlerweile, dass eine besondere Subklasse von Antikörpern einen besonders guten Schutz gegen eine Corona-Infektion vermittle. „Die Messung ist aber kompliziert, daher wird vorerst auch weiterhin niemand wissen, ob er diese Antikörper hat oder nicht.“

Was folgt daraus? Wer glaubt, bisher verschont geblieben zu sein, könnte die Infektion doch schon hinter sich haben. Oder von bestimmten vorübergehenden Effekten, noch unbekannten genetischen Faktoren und Zufällen profitiert haben. Sanders Fazit: „Dass man Corona bisher nicht hatte, heißt nicht, dass man für alle Zeit safe ist. Das kann schon mit einer neuen Virusvariante oder situationsabhängig ganz anders aussehen.“ (akl/dpa)

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