Aber Hoffnung für den Sommer

Interview: Virologe Streeck findet Merkels neuen Plan „nicht logisch“ - und warnt vor „labiler Phase“

Hoffnungen im Sommer, mögliches Worst-Case-Szenario im Herbst: Virologe Hendrik Streeck blickt im Merkur.de-Interview auf das Corona-Jahr 2021 voraus und äußert Unverständnis, was die aktuellen Schritte der Politik angeht.

Prof. Dr. Hendrik Streeck* gilt unter den Corona*-Experten als streitbar, vertritt oft andere Ansichten als viele seiner Kollegen und häufig auch mutigere als das Kanzleramt und die Ministerpräsidenten. Dafür wird er öffentlich attackiert, muss sogar mit Morddrohungen leben. Dabei ist der Professor für Virologie seit Oktober 2019 Direktor des Institutes für Virologie und HIV-Forschung an der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn. Seine Expertise ist weiter gefragt, wenn auch nicht bei Kanzlerin Merkel.

Im Interview mit Merkur.de erklärt Streeck seine Sicht auf eigene Fehleinschätzungen, plädiert für eine neue Herangehensweise im Umgang mit der Bekämpfung des Coronavirus in Deutschland* und macht Hoffnung für den Sommer*.

Herr Streeck, Sie sind der Virologe in Deutschland, der immer schon Lockdown-Alternativen gefordert hat. Gehen Ihnen die beschlossenen Lockerungen aus der vergangenen Woche weit genug oder kommen die erst gar nicht, wie SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach erst vor Tagen sagte, weil die dritte Welle die Inzidenzen nach oben treiben wird?
Ich habe im Sommer letzten Jahres drauf hingewiesen, dass diese Pandemie ein Marathonlauf ist, bei dem man die Bevölkerung mitnehmen muss. Dazu muss man den Menschen auch die Möglichkeiten geben, sich daran zu beteiligen, Werkzeuge an die Hand geben, damit sie das Virus über den jeweiligen Moment hinaus ernst nehmen, aber ihr Leben nicht komplett einschränken müssen. Daher ist auch der Vorschlag vom NRW-Expertenrat (Anm. Streeck ist ein Mitglied) gewesen, dass man Öffnungskonzepte mit Hygienekonzepten verbindet. Wer das höchste Level an Hygienekonzepten hat, der sollte als erstes öffnen dürfen – unabhängig von der Branche. Es könnte dann am Ende so sein, dass ein Orchester ein besseres Konzept vorlegt als ein Baumarkt. Daher halte ich den neuen Stufenplan aus Berlin in dieser Hinsicht für verbesserungswürdig. Man darf sich Blumen im Gartenmarkt ansehen, aber nicht im Botanischen Garten. Das ist nicht logisch, und führt zu Unverständnis und geringerer Akzeptanz.
Konkret: Was hätten Sie gerne anders gehabt? Hätte man die Außengastronomie nicht schon sofort öffnen können – ohne Tests?
Man kann Hygienekonzepte und Öffnungen schon mit einer Teststrategie verknüpfen. Daran schließt sich an, dass man mehrere Faktoren mitberücksichtigen muss und sich nicht mehr nur auf die Infektionszahlen beziehungsweise die Inzidenz als einzigen Indikator verlässt. Wir sind in einer kritischen und dynamischen Phase durch Mutationen, Impffortschritt, Verhalten der Bevölkerung und immer mehr Tests, dass man sich nicht mehr nur auf diesen einen Indikator verlassen sollte. Das bedeutet aber nicht, dass man, wie Herr Lauterbach sagt, den Inzidenzwert dann außer Acht lässt, sondern im Gegenteil die Entscheidungen auf einer breiteren Datenbasis stehen. Es wird zwar öffentlich kommuniziert, dass man sich unterschiedliche Werte ansieht, aber am Ende steht und fällt doch alles in Stufenplan und Infektionsschutzverordnung mit der Inzidenz.
Aber ich stimme mit Ihnen überein und sehe es auch als sicherer, wenn sich Menschen im Freien mit einem guten Hygienekonzept treffen, sozusagen „unter Aufsicht“, als in Innenräumen, wo Aerosole eine weitaus gefährlichere Rolle spielen.

Virologe Streeck: Brandenburgs neue Corona-Notbremse „irritiert mich“

Sie haben Herrn Lauterbach angesprochen. Sie beide wirken als Gegenspieler unter den Experten, sind Sie Rivalen?
Karl Lauterbach und ich kennen uns und sprechen miteinander. Aber wir haben unterschiedliche Rollen - ich bin Arzt und Wissenschaftler und mache keinen Wahlkampf. Lauterbach nimmt eine Mehrfachrolle ein, bei der er Politiker und Mitentscheider ist, sowie sich im Wahlkampf befindet. Er ist ein gewählter Volksvertreter. Ich bin Wissenschaftler, der für seine Expertise gefragt wird.
Verschwimmen bei Ihnen die Grenzen nicht auch manchmal?
Ich wüsste nicht, wo. Ich habe keine Mandate, Entscheidungen zu treffen oder in Runden dabei zu sein, in denen Entscheidungen getroffen werden.
Sie sind bisher nicht als virologischer Berater der Merkel-Runde in Erscheinung getreten: Ist Ihr Eindruck, dass das Kanzleramt gerne der eigenen Meinung wohlgesonnene Experten hinzuzieht?
Ich kann darüber nur genauso wie Sie spekulieren, weil ich am Ende des Tages nicht wirklich weiß, wer insgesamt hinzugezogen wird. Ich weiß nur, dass ich nicht dazu gehöre.
Brandenburg will plötzlich die Notbremse von einer Inzidenz von 100 auf 200 verschieben. Ist das gefährlich?
Es irritiert mich. Aber, ich wiederhole mich, man darf sich aus meiner Sicht eben nicht nur nach Infektionszahlen richten. Ein weiterer Parameter ist etwa der prozentuale Anteil der Kontaktnachverfolgung. Es geht darum, pandemisch zu denken. Es geht nicht darum, jede einzelne Infektion zu verhindern, das ist nicht möglich, sondern es geht darum, große Hotspots zu verhindern.

Hendrik Streeck: Die aktuelle Corona-Lage „spricht nicht dafür, dass wir allzu schnell die Kontrolle verlieren“

Die Impfstoffe werden mehr und mehr, die Tests kommen. Müssen wir trotzdem nochmal zurück in den Lockdown?
Es gibt im Moment eine Stagnation oder einen leichten Anstieg in den Neuinfektionszahlen, das ist Fakt. Daraus kann sich schnell eine steigende Wellenbewegung entwickeln. Aber es ist wichtig, zu bedenken, dass die Veränderung, wie wir sie sehen, nicht durch die beschlossenen Lockerungen kommen. Das muss man jetzt beobachten. Der Anstieg ist immerhin bis jetzt nicht so extrem wie befürchtet. Ob er durch die Mutationen kommt, ist auch schwer zu sagen. Bis vor kurzem haben wir in den großen Hotspots in Bayern und Thüringen an der tschechischen Grenze gesehen, dass sind nicht die Orte wo bisher die häufigsten Mutationen auftreten.
Jetzt verschwimmt das Bild. Also: Wir können die Mutationen noch nicht so einschätzen, wie wir es gerne würden. Es gibt einfach noch keine guten epidemiologischen Studien dazu. Aber dass die Mutationen bereits bei 50 Prozent liegen und wir eine Stagnation der Infektionszahlen erleben, spricht nicht dafür, dass wir allzu schnell die Kontrolle verlieren. Mit Öffnungen müssen wir trotzdem vorsichtig sein.
Das Versprechen der Bundesregierung ist, dass jeder in Deutschland bis zum Herbst ein Impfangebot bekommt. Sind wir dann komplett durch oder müssen wir etwa aufgrund gefährlicher Mutationen aus Afrika oder anderswo eine erneute Welle befürchten?
Das ist so schwer zu sagen, auch weil man nicht weiß, welche Mutationen noch kommen könnten. Was aber elementar ist, ist dass man eine Pandemie global denkt. Wir tun gut daran, wenn weltweit gut geimpft wird. Im schlimmsten Fall sind wir gut geimpft und woanders auf der Welt entsteht eine neue Variante. Der Weg aus der Pandemie ist gemeinsam - weltweit. 
Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und einige andere wollen die Prioritäten bei den Impfungen neu definieren. Jüngere sollen eher geimpft werden, dazu in Hotspots. Ist das sinnvoll?
Das kann und sollte man zwingend diskutieren. Der erste Gedanke, die vulnerablen Gruppen zuerst zu schützen, war wichtig. Das war ein guter Schritt. Aber nachdem die Älteren geschützt sind - jetzt verlangsamen wir im nächsten Schritt die Pandemie am besten, wenn die sozialsten Menschen als nächstes geimpft werden. Man spricht immer von einem exponentiellen Wachstum, was nicht ganz stimmt. Natürlich hat das Infektionsgeschehen einen exponentiellen Anteil, aber wir sprechen von heterogener Verteilung, da es sich unterschiedlich schnell in sozialen Gruppen ausbreitet. 

Streeck offen: „Ich habe das Coronavirus zunächst falsch eingeschätzt, aber dazu stehe ich“

Herr Streeck, Sie erleben viele Anfeindungen. Wie gehen Sie mit der Kritik an falschen Prognosen um, den Hass der Menschen, tut das manchmal weh?
Das Problem ist, dass Aussagen häufig verkürzt dargestellt werden und manche meine Aussagen einfach nicht verstehen, oder missverstehen wollen, um damit Politik zu betreiben. Die Problematik ist, sobald man differenziert, ist es schwerer, deutlich zu machen, wo die Grenzlinien verlaufen und dass man verschiedene Wege aufzeigen möchte. Es wäre tatsächlich viel einfacher, sich auf das Mahnen zu beschränken und möglichst radikale Maßnahmen zu fordern – doch ich bin und bleibe ein Verfechter des Weges, möglichst mit dem Skalpell denn mit dem Hammer zu arbeiten. Das ist ein Weg der Mitte, der zwar schwerer zu gehen ist, aber in meinen Augen erfolgreich sein wird.
Dennoch ist in der Öffentlichkeit der Eindruck entstanden, sie würden die Pandemie verharmlosen, twitterten Sie im Januar 2020 etwa, die drastische WHO-Warnung vor dem Virus sei „falsch“. Was entgegnen Sie Ihren Kritikern?
Ich finde den WHO-Tweet ein super Beispiel, den hätte ich ja auch irgendwann löschen können. Es war eine Fehleinschätzung, und dazu stehe ich. Ich habe das Virus am Anfang nicht so gefährlich eingeschätzt und habe es ein paar Wochen später revidiert. Auch Christian Drosten hat es als einfache Erkältung bezeichnet. Ich finde es aber auch nicht schlimm, wenn eine Ersteinschätzung anders ist als die Erkenntnis später. Wir sind Wissenschaftler. Wenn die Meinung am Ende revidiert wird*, ist das kein Zeichen von Scheitern, sondern von Fortschritt. Was manche Medien wie der Spiegel aber machen, ist absichtliches „Character killing“. Es wurde bewusst versucht, vermeintliche Falschaussagen zu finden und diese dann umzudrehen. Das ist etwas ganz anderes.
Ein Jahr beschäftigt uns das Virus jetzt: Was haben Sie persönlich gelernt und was sehen Sie – mit dem Wissen von heute – anders als vor einem Jahr?
Insbesondere den Einfluss von Masken sehe ich heute anders als vor einem Jahr. Als Virologe schaute man sich die Masken an und sagte, „ist nicht signifikant“, weil bis zu 80 Viren durch die Öffnungen auf einmal durchpassen. Aber: Die Masken haben sich anders herausgestellt in ihrer Wirkung, wir haben aus der Erfahrung gelernt.
Gibt es Fehler oder die eine Aussage, die Sie gerne rückgängig machen wollen würden?
Bei anderen – vermeintlichen Fehlprognosen – hätte ich wohl deutlicher machen sollen, was gemeint ist. Dass es beispielsweise keine zweite, dritte oder vierte Welle, sondern eine Dauerwelle* gibt, die auch jahreszeitenbedingt höher oder niedriger ist, das sehe ich weiterhin so, aber es ist absichtlich oder von bestimmten Medien falsch verstanden worden – unterstellt wurde mir, ich hätte die sogenannte zweite Welle nicht gesehen.

Corona in Deutschland: Das sind die Aussichten für Ostern, den Sommer und den Herbst 2021

Sie sagen immer, wir müssen mit dem Virus leben. Wie meinen Sie das konkret?
Ich bin müde dafür belächelt und angefeindet worden, aber inzwischen ist diese Beschreibung in der Politik angekommen und wird auch von Angela Merkel immer öfter ausgesprochen. Es ist nie eine Floskel gewesen, sondern ein Mittel zur Pandemiebekämpfung. Es geht darum: Wie können wir Leben ermöglichen, ohne die Infektionszahlen hochzutreiben? Dazu gehört zu lernen, wie Hygienekonzepte funktionieren, wie man Bereiche wieder öffnen kann oder offen lassen kann. Dazu gehört für mich ein interdisziplinärer Krisenstab, der aufgrund von Wirkung und Nebenwirkung Maßnahmen ableitet, der Plan B, C oder D entwirft. Bis jetzt ist dieses Prinzip „Mit dem Virus leben lernen“ noch nicht genug durchgedrungen, meine Hoffnung ist, dass sich dies jetzt beginnt zu ändern.
Zum Schluss: Wie wird Deutschland Ostern, im Sommer und Ende 2021 dastehen?
Wir sind in einer sehr labilen Phase mit den Öffnungen, eine Osterprognose könnte man heute zwar treffen, aber es gäbe dabei viele Unwägbarkeiten mit Mutationen und Impfungen zu berücksichtigen. Niedrige Infektionszahlen im Sommer dagegen sind auch jahreszeitbedingt realistisch, insbesondere dann, wenn wir die Zeit bis dahin nutzen, gut zu impfen. Wenn wir das schaffen, könnten die Infektionszahlen im Herbst und Winter 2021 nicht mehr so hoch sein, doch das Virus wird nicht verschwunden sein. Daher wird unser Fokus immer mehr dahingehen: Wie stark erkranken die Menschen noch durch das Coronavirus, und welche Maßnahmen müssen dann getroffen werden, um die Pandemie zu bekämpfen?

*Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Das Interview führte Maximilian Kettenbach

Rubriklistenbild: © Federico Gambarini/dpa

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