Neue Forschungsergebnisse

Corona-Forscher entdecken gefährliche Virus-Mutation - Erreger könnte weitaus mehr Zellen infizieren

Sind Coronavirus-Mutationen möglicherweise noch gefährlicher als die Ursprungsform? Diese Frage beschäftigt zahlreiche Experten - und sie kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen.

Berlin - Vor etwa einem halben Jahr tauchte das Coronavirus erstmals auf, mittlerweile hat es laut Daten der Johns-Hopkins-Universität mehr als neun Millionen Menschen weltweit infiziert. Nun lässt eine Analyse aus den USA aufhorchen: Sars-CoV-2* könnte zu einer noch gefährlicheren Variante mutiert sein, heißt es da. Forscher des amerikanischen Scripps Research Institutes schließen in einer noch nicht begutachteten Preprint-Veröffentlichung aus Genomanalysen, dass eine Mutation mit der Bezeichnung D614G das Coronavirus infektiöser macht. Unter Laborbedingungen könne der Erreger mehr Zellen infizieren, berichtete das Team kürzlich.

Coronavirus: In Europa und der US-Ostküste kursiert eine Mutation des Erregers

In den europaweit und an der US-Ostküste kursierenden Virusstämmen sei die D614G-Mutation tatsächlich stark präsent, erklärt Richard Neher von der Universität Basel dazu. „Aus dieser Dominanz lässt sich aber nicht schließen, dass sich das Virus mit der Mutation schneller verbreitet.“ Die Dominanz sei nicht zwingend auf eine höhere Übertragungsrate oder Virulenz zurückzuführen, sondern den Zufall, erklärt der Leiter der Forschungsgruppe Evolution von Viren und Bakterien: Die D614G-Virusvariante habe am Beginn einzelner größerer Ausbrüche* gestanden und sich in der Folge stärker ausgebreitet als andere Varianten. „Zufälle spielen gerade am Anfang eine unglaublich große Rolle“, betont Neher.

Im US-Ostküstenstaat New York wütete das Coronavirus vor einigen Wochen noch extrem. Offenbar kursierte auch eine mutierte Variante des Erregers.

Mutationen seien beim Coronavirus generell absolut nicht ungewöhnlich, erklärt Neher. Im Mittel komme es in seinen 30.000 Basen alle zwei Wochen zu einer Mutation. Damit sei die Mutationsrate pro Base etwas niedriger als etwa bei Influenza oder HIV, wegen des größeren Genoms von Sars-CoV-2 sei der Wert aber letztlich in etwa gleich. Durch Mutationen könne man darauf schließen, ob zwei Ausbrüche zusammenhängen - Infektionsketten von Mensch zu Mensch seien darüber aber nicht nachzuvollziehen. Beim jüngsten Ausbruch in der chinesischen Hauptstadt Peking zum Beispiel lassen Genomvergleiche demnach darauf schließen, dass der Erreger von außen ins Land eingeschleppt wurde - woher genau, sei nicht zu sagen.

Coronavirus: Mutation verleiht dem Erreger laut Experten mehr Stabilität

Andere Wissenschaftler denken, dass das Virus eine Mutation salopp gesagt gar nicht nötig habe: Sars-CoV-2 sei schon sehr gut an den Menschen angepasst, sagt Friedemann Weber, Direktor des Instituts für Virologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen. „Da frage ich mich schon erst mal: Was braucht es mehr?“ Laut einer aktuellen Studie verleihe die D614G-Mutation allerdings etwas mehr Stabilität, dies könne für die Partikel durchaus vorteilhaft sein. Dass eine einzelne Mutation einen großen Unterschied mache, sei vor allem bei einem auf nur ein bestimmtes Enzym wirkendes Medikament denkbar. Viele Medikamente und auch Impfstoffkandidaten* seien jedoch auf breiterer Basis aufgestellt und daher zumeist unempfindlich gegenüber Einzelmutationen.

Weltweit sei derzeit kein einziges Virus-Isolat mit veränderter Pathogenität bekannt, betont Neher auch. „Wir können nicht ausschließen, dass es sie gibt“, räumte er ein. Dies sei aber eher unwahrscheinlich. Sein Team hat gemeinsam mit US-Kollegen die Webanwendung „Nextstrain“ entwickelt, mit der sich über eingespeiste Genomsequenzen verfolgen lässt, über welche Wege sich Viren ausbreiten. Die Software analysiert, wie sich ein Erreger verändert, also welche Mutationen er während der Ausbreitung* ansammelt - eine Art Stammbaum entsteht.

Das Coronavirus wurde in viele Länder mehrmals eingeschleppt

So lasse sich aus den gesammelten Daten zum Beispiel ablesen, dass Sars-CoV-2 nicht nur einmal in Ländern wie Deutschland, Österreich oder den USA landete, sondern mehrfach eingeschleppt wurde, erläutert Andreas Bergthaler vom Forschungsinstitut für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (CeMM) in Wien. Nach einem halben Jahr Pandemie seien Rückschlüsse zu den Folgen erfasster Mutationen noch nicht möglich. Sehr wohl aber könnten Genomvergleiche dabei helfen, zu bestimmen, woher das Virus hinter einem bestimmten Ausbruch stamme. Das wiederum nütze beim Unterbrechen von Infektionsketten*.

Zudem lassen die Informationen von „Nextstrain“ auch Rückschlüsse auf den Ursprung von Sars-CoV-2 zu. „Wir gehen mit großer Sicherheit davon aus, dass das Virus in China von Tieren auf den Menschen übergesprungen* ist“, so Neher. Das sei einmal und in der Region Wuhan geschehen. Auf künftige Anpassungen und Veränderungen hingegen lässt sich aus den Daten nicht schließen. Bergthaler dazu: „Die Zeit wird zeigen, in welche Richtung sich das Virus entwickelt.“

Mutationen haben natürlich auch Auswirkungen auf Impfstoffentwicklungen - doch für eine Impfstoffart sind diese nicht drastisch.

Eine ganz andere These zu Coronavirus-Mutationen äußerte in der Vergangenheit bereits der Berliner Virologe Christian Drosten*: Er zeiht in Betracht, dass Mutationen das Virus auch abschwächen könnten. Weitere Informationen dazu erhalten Sie im nachfolgenden Video.

(dpa)

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Rubriklistenbild: © dpa / Uncredited

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