Anzeichen verdichten sich

Deutschland vor der zweiten Welle? Lauterbach fürchtet deutlich mehr als 5.000 Fälle pro Tag

Oft wird über die sogenannte zweite Corona-Welle gesprochen. Steuert Deutschland im Moment genau auf diesen Punkt zu? Die Anzeichen verdichten sich.

  • Die Corona-Zahlen* in Europa waren zuletzt gestiegen - so auch in Deutschland.
  • Droht daher nun die zweite Welle*?
  • Es gibt bereits Indidzien, die einen weiteren Anstieg der Infektionszahlen nahelegen.

München - Als Europa die Corona-Pandemie in den Griff zu bekommen schien, warnten Virologen bereits vor einer zweiten Infektionswelle. Im Herbst, wenn sich die Menschen vermehrt in geschlossenen Räumen aufhalten und die Erkältungs- und Grippesaison startet, sei ein Anstieg zu erwarten, hieß es damals. Nun ist diese Phase des Jahres noch nicht vollends erreicht - die Corona-Zahlen aber dennoch bereits in die Höhe geschnellt.

Corona in Deutschland: Fallzahlen steigen in ganz Europa - Bundesrepublik steht ordentlich da

Egal ob in Spanien, Frankreich, Kroatien, Tschechien, Österreich, Ungarn oder Großbritannien - vielerorts waren die Corona-Zahlen zuletzt deutlich gestiegen. In Deutschland ist die Situation zwar weniger prekär als in weiten Teilen Europas, wie etwa der Blick auf die 14-Tages-Inzidenzen der WHO zeigt (siehe Infobox). September-Werte um die 1.500 bis 2.300 Infektionsmeldungen pro Tag bereiten dennoch Sorge. Denn vergleicht man die aktuellen Daten mit denen von vor zwei Monaten, als konstant weniger als 500 neue Fälle hinzukamen, zeigt sich: Es infizieren sich wieder deutlich mehr Menschen mit Covid-19.

14-Tages-Inzidenz europäischer Länder (Quelle: WHO, Stand: 20. September)

1. Andorra: 452 Fälle pro 100.000 Einwohner

2. Montenegro: 400

3. Spanien: 243

4. Tschechien: 192

5. Frankreich: 191

14. Österreich: 100

32. Italien: 33

37. Schweden: 27

39. Deutschland: 26

Corona in Deutschland: Die Anzeichen für die zweite Welle

Rückt die befürchtete zweite Welle damit also immer näher? Es gibt durchaus gute Gründe für eine Verschlechterung der Corona-Lage.

  • Der 7-Tages-Schnitt: Momentan liegt der Wochen-Schnitt in Deutschland bei 1.712 Fällen. Bezieht man die Reproduktionszahl* mit dem aktuellen Wert von 1,27 mit ein, könnte es binnen vier Wochen nahezu 7.000 Neuinfektionen pro Tag geben, wie der Welt-Journalist Olaf Gersemann auf Twitter in Anlehnung an RKI-Angaben erklärt. Höchstwert gemessener neuer Corona-Fälle waren übrigens 6.294 am 28. März.

Corona in Deutschland: Nur zehn Kreise sind aktuell corona-frei

  • Wenige Hotspots: Laut RKI-Corona-Dashboard gibt es im Moment (Stand 20. September) nur drei von insgesamt 401 deutschen Stadt- und Landkreisen, in denen in puncto Sieben-Tages-Inzidenz* die kritische Marke von 50 überschritten wird: Landkreis Cloppenburg (57,3), Stadt Würzburg (55,4), Stadt München (50,4). Diesen Fakt kann man positiv sehen, er ist gleichzeitig aber auch ein Indiz dafür, dass sich das Virus wieder im ganzen Land ausbreitet. Beleg: In den zurückliegenden sieben Tagen wurden laut RKI aus zehn Kreisen keine Fälle übermittelt, am 16. Juni waren es noch 139 corona-freie Kreise.

Die zehn am stärksten von Corona betroffenen Stadt- und Landkreise Deutschlands nach Sieben-Tages-Inzidenz (Quelle: RKI, Stand: 20. September)

Landkreis Cloppenburg: 57,3

Stadt Würzburg: 55,5

Stadt München: 50,4

Landkreis Kulmbach: 48,7

Stadt Gelsenkirchen: 44,1

Stadtkreis Berlin-Friedrichshain-Kreuzberg: 43,9

Stadt Hamm: 43,0

Stadt Remscheid: 36,9

Landkreis Weimarer Land: 36,6

Landkreis: Wunsiedel im Fichtelgebirge: 35,5

Corona in Deutschland: Kommt die zweite Welle? Aktuelle Dynamik besorgniserregend

  • Aktuelle Dynamik: Der Sieben-Tages-Schnitt der neuen Corona-Fälle liegt 25 Prozent über der Vorwoche, die Zahl der aktiven Fälle ist um 17 Prozent höher als vor einer Woche. Ob und wann diese Dynamik abflacht sei unklar, so Gersemann.

Corona-Experte Lauterbach: „Wenn man die zweite Welle möglichst flach halten will, sollte man folgendes tun“

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sieht die oben genannten Indizien ähnlich kritisch und meint auf Twitter als Reaktion auf die Schilderungen Gersemanns: „Ungefähr so sehe ich die Lage auch. Klar ist, dass wir ohne schnelle Maßnahmen in wenigen Wochen deutlich mehr als 5.000 Fälle pro Tag haben werden.“ Darüber hinaus erklärt der Politiker, was gegen den Ausbruch der zweiten Welle, die auch laut US-Wissenschaftlern deutlich stärker werden könnte, helfen könnte. Lauterbach spricht dabei von Maßnahmen wie Maskenpflicht oder weniger Privatfeiern sowie einer Verkürzung der Quarantänezeit.

Kürzlich sorgte ein an Karl Lauterbach adressiertes Paket im Bundestag für einen Einsatz von Bombenentschärfern. Das Paket war in der Poststelle aufgefallen und hatte verdächtig gewirkt.

Corona in Deutschland: Auch diese Faktoren könnten eine Rolle spielen

Darüber hinaus spielen womöglich auch andere Aspekte eine Rolle, durch die eine zweite Welle begünstigt werden könnte.

  • Großveranstaltungen: Am 1. Spieltag der Bundesliga waren fast überall Zuschauer zugelassen. In Wolfsburg 500, in Dortmund 9.300. Im August noch stellte der Leipziger Epidemiologe Markus Scholz allerdings klar, dass solch gut besuchte Veranstaltungen eigentlich tabu sein sollten, denn „die zweite Welle zeichnet sich deutlich ab, da wir nun über mehrere Wochen einen Anstieg der aktiven Infektionszahlen feststellen“, wie Scholz der Deutschen-Presse-Agentur sagte. „Ich sehe daher aktuell keinerlei Spielraum für weitere Lockerungen - auch und gerade nicht für Großveranstaltungen.“ Wird die zweite Welle nun durch Großveranstaltungen wahrscheinlicher?
  • Corona-Comeback im Ausland: Es gibt immer mehr Länder, die die Pandemie eigentlich schon in den Griff bekommen hatten, jetzt aber wieder stärker mit Corona zu kämpfen haben: Tschechien etwa galt als beispielhaft in puncto Covid-19-Bekämpfung, nun gilt für Prag eine Reisewarnung, in Neuseeland gibt es nach mehr als 100 Tagen ohne Corona-Infektion wieder Covid-19-Fälle und Israel befindet sich bereits im zweiten Lockdown. In Deutschland sollte also alles daran gesetzt werden, ein Covid-19-Comeback zu verhindern.
  • Der Virologe Christian Drosten ist in dieser Hinsicht allerdings wenig optimistisch - auch, wenn er nicht explizit von einer zweiten Welle spricht. „Ich glaube, es sind eigentlich zwei Dinge, die dazu führen werden, dass die Allgemeinheit sich wieder mehr auch dieser Coronavirus-Thematik zuwendet und den Maßnahmen“, sagte er der dpa. Zum einen sei sorgfältige Kommunikation von Politik und Wissenschaft wichtig. „Der andere Effekt wird leider durch das Virus selbst kommen: Das Virus wird sich die Aufmerksamkeit wieder holen, weil einfach wieder Fälle kommen werden.“
  • Nachlassen in der Bevölkerung: Die Politik mahnt immer wieder zum Wahren der Abstands- und Hygieneregeln. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte im Sommer etwa: „Nehmen Sie das Virus ernst, denn es ist ernst.“ Wenn man zurzeit aber das Verhalten in der Bevölkerung beobachtet, ist oftmals ein gewisser Leichtsinn zu erkennen. Wilde Partys in Münchner Geheimclubs* oder Berliner Parks sind dahingehend kein gutes Vorbild.

Corona in Deutschland: Fazit - keine Panik, aber Vorsicht

Allerdings gibt es weiterhin auch gute Gründe für die Annahme, dass eine zweite Welle nicht, beziehungsweise in abgeschwächter Form, auftritt. So müssen im Moment beispielsweise nur 149 Corona-Patienten invasiv beatmet werden (Stand: 20. September). Die Kapazitäten liegen bei 6.800. Laut DIVI-Intensivregister sind derzeit in Bayern etwa 28,2 Prozent der Intensivbetten frei, in Nordrhein-Westfalen 29,3 Prozent und in den neuen Bundesländern zwischen 31,3 (SH) und 42,4 Prozent (MV). Die aktuellen Entwicklungen müssen dennoch aufmerksam beobachtet und die Maßnahmen gegebenenfalls angepasst werden - damit es nur bei Anzeichen für eine zweite Welle bleibt. *Merkur.de und tz.de sind Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

Rubriklistenbild: © Kay Nietfeld/dpa

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