Klinik räumt Fehler ein - und macht Vorschlag

„Will nur ihre Hand halten“: Hilflose Frau (85) soll wegen Corona allein in Reha-Klinik - Tochter kämpft verzweifelt um Besuch

Helga Bell liegt in einem Krankenhausbett in Ebersberg.
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Helga Bell nach ihrer OP im Ebersberger Krankenhaus. Sie wird in Kürze eine Reha in Niederbayern antreten.

Doris Wierers Mama (85) sollte ganz allein eine Reha antreten, obwohl sie Angst hat und sehr unselbstständig ist. Unmenschlich, findet das die Tochter - und hat gekämpft.

  • Helga Bell (85) aus Anzing muss nach einer Hüft-OP auf Reha nach Niederbayern.
  • Wegen der Corona-Pandemie darf sie auf der Reha eigentlich keinen Besuch empfangen - und ist deshalb voller Angst.
  • Ihre Tochter ging auf die Barrikaden, weil sie die Regelung unmenschlich findet - mit Erfolg.

Anzing - Bis Montagabend war Doris Wierer (52) sehr wütend. Ihre Mama Helga sollte an diesem Dienstag ihre Reha antreten. Drei Wochen lang wird die 85-Jährige in der Asklepios-Klinik in Aidenbach leben, soll dort nach einer OP gesund werden. Das Problem: Die betagte Dame muss das allein meistern, ohne ihre Tochter. So die Ansage der Klinik.

Wegen der Corona-Pandemie ist jeder Besuch in der geriatrischen Reha-Klinik verboten. „Ich würde gerne am Anreisetag dabei sein, ihr ihren Koffer auspacken und ihr das Gefühl geben, dass sie nicht alleine ist“, sagte Wierer im Gespräch mit Merkur.de*. Doch das darf sie offiziell nicht. Drei Wochen lang darf sie den Bestimmungen nach ihre Mutter nicht besuchen, auch nicht im Freien. „Was man da mit den alten Menschen macht, ist unmenschlich“, findet die Forstinningerin - und kämpft um ein Besuchsrecht.

Besuchsbeschränkung in der Corona-Pandemie in Bayern: Die Mama weinte, wenn die Tochter abends ging

Wer in der Corona-Pandemie alt und dann auch noch krank ist, hat es schwer. Das hat Doris Wierer schon gemerkt, als ihre Mama Helga vor einigen Wochen ins Ebersberger Krankenhaus musste. Sie war zuhause gestürzt, hatte sich den Oberschenkelhals gebrochen. Im Wechsel mit ihrem Bruder besuchte Wierer ihre Mutter jeden Tag, kümmerte sich, wusch sie auch mal, um das Pflegepersonal zu unterstützen, cremte ihr die Beine ein. Sie wolle das Krankenhaus nicht kritisieren, aber natürlich erfülle man der Mutter dort nicht alle Wünsche. „Als Tochter macht man das halt.“ Am Abend weinte die Mama jedes Mal und fragte, ob sie auch bald wiederkäme.

Reha in der Corona-Pandemie: 85-Jährige ist völlig unselbstständig

Dieses Mal wird es ihre Mutter allein schaffen müssen, hat man Wierer immer wieder gesagt. Reha-Kliniken können derzeit selbst entscheiden, ob und in welcher Form sie Besuche zulassen. Die Klinik in Aidenbach erlaubte keinerlei Besuch - zunächst. Ein Unding, findet Wierer. Ihre Mutter sei nicht selbstständig, höre sehr schlecht trotz Hörgerät. „Seit dem Tod meines Papas ist meine Mama fast lebensunfähig.“

Fünf Jahre ist dieser Schicksalsschlag nun her, die Mutter schaffe es seitdem nicht einmal, irgendwo anzurufen. „Mit ihr zu telefonieren ist eine Katastrophe, sie versteht mich einfach nicht.“ Dazu kommen weitere körperliche Gebrechen. „Sie kann eine Flasche nicht selbst öffnen, hat keine Kraft in den Händen.“ Ihre Beine juckten stark, müssten zweimal täglich eingecremt werden. Jetzt nach der OP? Unmöglich für die 85-Jährige.

Reha in Corona-Zeiten in Bayern: „Ich würde ihr gern Mut machen.“

Vor allem aber habe ihre Mama große Angst vor der Reha. Vor der ungewohnten Umgebung, den fremden Menschen. Sie habe große Probleme mit Veränderungen. „Ich würde gerne ihre Hand halten und ihr Mut machen“, sagt Wierer. Das mache sie wütend, hilflos. Und „unendlich traurig“.

Wütend war Wierer vor allem, weil doch seit dem ersten Lockdown monatelang Zeit gewesen sei, sich Gedanken über solche Fälle zu machen. Es sei doch klar gewesen, dass die Zahlen im Herbst wieder steigen. Warum hat die Klinik kein Konzept entwickelt, um Besuche möglich zu machen? „Ich würde mir so sehr wünschen, meine Mama am ersten Tag begleiten zu dürfen.“ Und sie danach wenigstens ein Mal in der Woche zu besuchen. „Ich mache auch jedes Mal einen Schnelltest, wenn es sein muss. Oder ziehe mir einen Schutzanzug an.“ Aber man sei nicht mal bereit, ihre Mutter für eine Besuch ins Freie vor die Klinik zu bringen. Auf eine weitere E-Mail habe man ihr gar nicht mehr geantwortet.

Gesundheitsministerium nimmt Stellung zu Reha-Besuchen in Corona-Pandemie

Und das, obwohl Wierer eine klare Stellungnahme vom bayerischen Gesundheitsministerium zu dem Thema bekommen hat (diese liegt der Redaktion vor). Auf Nachfrage hat man ihr mitgeteilt, dass es „spezielle Besuchsregelungen“ für Reha-Klinken gibt, „in denen eine den Krankenhäusern vergleichbare medizinische Versorgung erfolgt“. Unter bestimmten Bedingungen seien dort dann Besuche möglich.

Nach einigen Tagen zähen Ringens und der Nachfrage seitens Merkur.de* lenkt die Asklepios-Klinik Aidenbach jetzt ein. Doris Wierer darf ihre Mama zum Reha-Start begleiten und sie dann ein Mal in der Woche besuchen. Zuvor muss sie jedes Mal einen Schnelltest machen, wie Asklepios-Pressesprecher Mathias Eberenz erklärt. Möglich sei dies als sogenannte Härtefallregelung.

Doch warum hat man Wierer tagelang im Ungewissen gelassen? „Das ist nicht glattgelaufen, das gebe ich“, sagt Sprecher Eberenz. Sehr viele Angehörige versuchen „verständlicherweise“ zur Zeit, Ausnahmen für Patienten zu erwirken. Das sei immer eine Einzelfallentscheidung seitens der Leitung der jeweiligen Klinikabteilung. „Wir sind am Limit“, so Eberenz. Man habe einen immensen Fachkräftemangel und die Herausforderungen in der Pandemie zu meistern, da entstehe enormer Stress. „Und unter Stress passieren Fehler.“

Tochter darf Mutter auf Reha besuchen - ein Ausnahmefall in Corona-Zeiten

Eberenz betont, dass es sich im Fall von Helga Bell um eine Ausnahme handelt. „Wir können nicht alle Angehörigen hereinlassen, damit würden wir ein hohes Risiko für die anderen Patienten eingehen.“ Hier gelte es immer abzuwägen, auch anhand der aktuellen Zahlen vor Ort.

Wie dynamisch die Situation in der Corona-Pandemie im Moment ist, zeigt sich dann am Dienstagmorgen, dem Tag, an dem Doris Wierer ihre Mutter nach Aidenbach bringen wollte. „Aufnahmestopp“, heißt es seitens der Klinik. Man habe einen Corona-Fall unter den Patienten, jetzt müssen erst einmal Reihentests durchgeführt, die Lage eruiert werden.

Helga Bell wird voraussichtlich erst in ein paar Tagen in Aidenbach ihre Reha antreten. Wann genau, ist unklar. Nur eines ist sicher in diesen Tagen: Ihre Tochter Doris Wierer wird an ihrer Seite sein. Weil sie darum gekämpft hat.

Krankenhäuser und Reha-Kliniken in der Corona-Pandemie: Immer wieder Fälle

In einer geriatrischen Fachklinik in Lenggries hat nicht ein Besucher, sondern ein Pfleger das Coronavirus in die Einrichtung getragen. Auch im Krankenhaus Schongau hat es einen großen Coronavirus-Ausbruch gegeben, auch hier gelten Mitarbeiter als die Infektionsüberträger. In einem Pflegeheim in Bayern haben sich fast alle Bewohner mit dem Coronavirus infiziert. Es gab acht Tote. Nun ermittelt die Kriminalpolizei. *Merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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