Nicht nur eine medizinische Krise

Philosoph mahnt Merkel-Regierung: „Wir können nicht der gesamten jungen Generation sagen, dass...“

Der Philosoph Julian Nida-Rümelin.
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Der Philosoph Julian Nida-Rümelin (Archivbild).

Er gilt als kritischer Begleiter der Pandemie von Beginn an: Der Philosoph Julian Nida-Rümelin will ein Umdenken in der Corona-Krise und ganz andere Maßnahmen.

  • Experten mahnen immer wieder, dass Politiker alleine auf Virologen hören.
  • Dabei sei die Corona*-Krise auch eine gesellschaftliche, nicht nur eine medizinische Krise.
  • Kritik gegenüber den allgemeinen Maßnahmen äußert etwa der Philosophie-Professor Julian Nida-Rümelin.

München - Wie blicken andere Wissenschaftler als Virologen auf die Pandemie? Der Philosophie-Professor Julian Nida-Rümelin ärgert sich über die Ausrichtung der Maßnahmen auf die Zahl der Neuinfektionen - und würde sich einen differenziertere Ausrichtung der Maßnahmen und eine klarere Kommunikation wünschen. Er sorgt sich besonders um das Wohlergehen der jungen Generation - sieht aber auch Verbesserungsbedarf, was den Schutz der Risikopatienten* angeht.

Schon Anfang April gab Nida-Rümelin Interviews, in denen er mahnte, dass die Gesellschaft die Maßnahmen auf Dauer nicht aushalten würde - zum Beispiel im Bayerischen Rundfunk.

Zusammenleben mit dem Virus: Nida-Rümelin vergleicht Corona mit HIV

In einem Interview mit dem Focus vergleicht Nida-Rümelin das Coronavirus mit dem HI-Virus. Auch bei HIV habe es anfangs „eine enorme Hysterie“ gegeben. Doch man habe dazu gelernt - die Zahl der monatlichen Toten sei keine Zeitungsnotiz mehr wert. Ähnlich müsse man auch Corona betrachten - denn es sei „gut möglich, dass das Virus nicht mehr verschwindet.“

Auch wenn er die Maßnahmen der Regierung um Bundeskanzlerin Angela Merkel zu Beginn der Pandemie für sinnvoll hielt, müsse „Panikmache“ und ein zweiter Lockdown unbedingt vermieden werden. Denn der Lockdown habe - etwa in afrikanischen Ländern oder Indien - gerade zu vermehrtem Elend geführt und sei auch in Europa nicht finanziell zu stemmen.

Bessere Schutzkleidung und mehr Testmöglichkeiten würden jetzt erlauben, dass die Maßnahmen* zum Schutz der Risikopatienten besser greifen könnten - etwa, indem Klinikpersonal häufiger getestet wird.

Zusammenleben während Corona: Philosophie-Professor fordert generationenübergreifende Solidarität

So sieht seine Vorstellung für ein Zusammenleben mit dem Virus dann auch aus: „Jede Person, auch aus Hochrisikogruppen, sollte selbst entscheiden können, ob und in welchem Umfang sie sich einem Infektionsrisiko aussetzen möchte, zumindest, solange wir nicht auf einen Gesundheitsnotstand zusteuern.“ Das bedeutet für ihn nicht nur Schutz der Menschen in Pflegeeinrichtungen - ohne Isolierung - sondern auch die Unterstützung besonders Gefährdeter im Alltag. Generationenübergreifende Solidarität bedeutet für ihn aktuell auch, dass sich Junge - etwa als Lehrer oder Kindergärtner - häufiger dem Risiko aussetzen, selbst zu erkranken.

Nida-Rümelin geht nicht davon aus, dass sich junge Menschen - die sich aktuell noch besonnen verhalten würden - auf Dauer einschränken lassen würden: „Wir können nicht der gesamten jungen Generation sagen, dass es in den kommenden Jahren keine Umarmungen und keine Partys geben soll.“ Und er fügt hinzu: „Nicht als Philosoph, aber als erfahrener Vater mit drei schulpflichtigen Kindern, bin ich da skeptisch.“  (kat) *Merkur.de ist Teil des deutschlandweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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