Bewusste Desinformation?

Impfstoffproduktion in China: Staatsmedien verbreiten falsche Schreckensgeschichten über Deutschland

Die chinesische Impfstoffentwicklung läuft schlechter als anderswo. Greifen die Staatsmedien deshalb zu Fake News?
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Die chinesische Impfstoffentwicklung läuft schlechter als anderswo. Greifen die Staatsmedien deshalb zu Fake News?

Immer wieder wird China wegen staatlicher Propaganda kritisiert. Zuletzt verbreitete eine Journalistin des Regierungssenders Horrorgeschichten über Deutschland.

  • Seinen Ausbruch hatte das Coronavirus* in China.
  • Während die Regierung die Epidemie dort durch sehr strenge Regeln in den Griff bekommen hat, läuft es bei der Impfstoffentwicklung nicht so gut wie anderswo.
  • Hat dieser Rückstand dazu geführt, dass Falschmeldungen über Impfungen in Deutschland verbreitet wurden?

Peking - „Ich kann es nicht unabhängig bestätigen, aber es ist beunruhigend: Zehn Menschen starben in Deutschlands einige Tage nach einer Impfung mit dem Biontech-Pfizer-Stoff“, schrieb Liu Xin am 16. Januar bei Twitter. Die Journalistin und Moderatorin, die für den chinesischen Staatssender China Global Television Network (CGTN) arbeitet, verwies auf zwei Nachrichtenartikel mit dieser Schreckensmeldung aus Deutschland. Zudem rief sie internationale Medien, wie CCN, dazu auf, der Meldung nachzugehen.

Chinesische Staatssender-Journalistin verbreitet Falschmeldungen über Deutschland auf Twitter

Der chinesische Staat ist bekannt dafür, bewusst Wahrheiten zu verdrehen oder gezielt Falschmeldungen zu verbreiten. Auch in der Corona-Pandemie, die allem Anschein nach im chinesischen Wuhan ausbrach, sollen die Behörden nicht immer völlig transparent kommuniziert haben. CNN veröffentlichte vor kurzem die sogenannten „Wuhan Akten“. Sie beschreiben beschönigte Infektionszahlen, langsame Behörden und eine damals parallel laufende, bisher nicht gemeldete, Grippewelle. Zudem gibt es in China staatliche Zensur und einen eingeschränkten Zugang zum Internet.

Auch hinter dem Tweet der CGTN-Moderatorin wird Falschinformation vermutet. Der Spiegel sieht darin ein Ablenkungsmanöver: Die chinesische Impfstoffproduktion soll glänzen, so die Schlussfolgerung, während die Stoffe aus dem Westen schlecht gemacht werden.

Aber was steckt wirklich hinter der Meldung? Tatsächlich wurde auch in Deutschland zuletzt über Todesfälle nach Impfungen* geschrieben und gesprochen. Ende Dezember wurde ein Fall aus der Schweiz bekannt. Eine 91-Jährige war nach der Impfung gestorben. Untersuchungen der Schweizer Behörden ergaben jedoch, dass kein Zusammenhang zwischen dem verabreichten Vakzin und dem Tod der Pflegeheimbewohnerin bestand.

Todesfälle nach Corona-Impfungen in Deutschland: Behörden finden keine Zusammenhänge

Mitte Januar gab es eine ähnliche Meldung aus dem niedersächsischen Landkreis Diepholz: Nur wenige Stunden nach der Impfung mit dem Biontech-Präparat starb eine 90-Jährige. In diesem Fall untersuchte das deutsche Paul-Ehrlich-Institut, kam aber zum selben Fazit wie die Schweizer Behörden: Es konnte kein Zusammenhang festgestellt werden.

Bisher gibt es keine Fälle, bei denen eine Biontech-Impfung* nachweislich zum Tod geführt hat. Warum also verbreitet die chinesische Journalistin diese These? Im internationalen Vergleich liegt China in der Impfstoffproduktion* hinterher. Der Stoff Coronavac des Herstellers Sinovac wies Studien zufolge eine geringere Wirksamkeit auf. Dem Spiegel zufolge gelten die Studienergebnisse aber als weniger valide. Denn: Mehrere Studien wurden unter unterschiedlichen Voraussetzungen in mehreren Ländern durchgeführt. Daher waren auch die Ergebnisse abweichend. Der Impfstoff hat in Indonesien eine Wirksamkeit von 65 Prozent gezeigt, in Brasilien 78 Prozent und in der Türkei 91 Prozent, berichtete die dpa.

Video: Ein Jahr Wuhan-Abriegelung: Einwohner erinnern sich an ihre Ängste

Chinesische Behörden lassen Impfstoff innerhalb eines Tages offiziell zu

Zudem wurde der Impfstoff erst am 30. Dezember vorgestellt, rund eineinhalb Monate später als das Biontech-Präparat. Gleich am nächsten ließen die Behörden den Stoff zu. Unabhängig davon erhielten Menschen in China schon vor der offiziellen Prüfung eine Dosis verabreicht.

Gemessen an den bisher geimpften Menschen je 100 Einwohner liegt China laut Our World in Data im internationalen Vergleich letzten Viertel. 1,04 Dosen je 100 Einwohner wurden bereits verimpft. Israel führt die Liste mit einer Quote von 38,83 noch immer an. Doch auch in Deutschland scheint es immer wieder Probleme zu geben. Zuletzt kam es zu Lieferengpässen. (lb) *Mekur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks

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