Wärmebildkamera filmt Festnahme

Boston: Verdächtiger kann nicht sprechen

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Der mutmaßliche zweite Bombenleger von Boston hatte sich unter einer Bootsplane versteckt, bevor er festgenommen wurde.

Boston - Eine flatternde Bootsplane führte zur dramatischen Festnahme des Terrorverdächtigen. Dieser ist so schwer verletzt, dass er nicht sprechen kann. Dabei gibt es "eine Million Fragen".

In einem Großeinsatz, der die gesamte Stadt in Atem hielt, hatte die Polizei den 19-jährigen Dschochar Zarnajew am Freitagabend (Ortszeit) im Vorort Watertown aufgespürt und überwältigt. Er liegt schwer verletzt im Krankenhaus.

Er wird im streng bewachten Beth Israel Deaconess Medical Center in Boston behandelt. Der Zustand des 19-jährigen war am Sonntag weiter ernst. Er habe eine Verletzung am Hals erlitten und sei noch nicht in der Lage zu sprechen, berichtete der Nachrichtensender CNN unter Berufung auf einen Bundesbeamten. Die US-Ermittlungsbehörde FBI wies das Krankenhauspersonal an, keine näheren Auskünfte über seinen Zustand oder die Art seiner Verletzungen zu machen.

Wir hoffen, dass der Verdächtige überlebt, denn wir haben eine Million Fragen“, sagte der Gouverneur von Massachusetts, Deval Patrick. Wann gegen Dschochar Zarnajew Anklage erhoben wird, war am Sonntag noch unklar.

Bei dem Anschlag auf den Boston-Marathon waren am Montag drei Menschen getötet und 180 verletzt worden. Auf der Flucht sollen die Brüder einen Wachmann am Massachusetts Institute of Technology (MIT) erschossen haben.

Video zeigt Verdächtigen Zarnajew mit Bombentasche

Auf den Videos der Überwachungskameras vom Bostoner Marathon ist der Verdächtige beim Abstellen seines Rucksacks mit der Bombe deutlich zu erkennen, bestätigte der Gouverneur von Massachusetts. In einem Interview mit dem Fernsehsender NBC sagte Deval Patrick die Aufnahmen zeigten, wie der 19-jährige Dschochar Zarnajew seinen Rucksack mit der darin befindlichen Bombe abstelle und dann seelenruhig weggehe.

„Es scheint ziemlich klar, dass er den Rucksack vom Rücken nahm, ihn hinstellte, nicht reagierte, als die erste Bombe hochging und sich dann rechtzeitig vor der zweiten Explosion vom Tatort entfernte“, sagte Patrick.

Flatternde Bootsplane verriet ihn

Dass der zweite mutmaßliche Bombenleger von Boston gefunden wurde, ist nach Medienberichten einer flatternden Bootsplane zu verdanken - und David Henneberry. Tausende schwer bewaffnete Polizisten hatten Dschochar Zarnajew stundenlang ohne Erfolg gejagt. Henneberry, bislang unbekannter Einwohner des Vorortes Watertown, hatte wie viele andere den ganzen Tag wegen des Polizei-Großeinsatzes im Haus bleiben müssen. Als die Ausgangssperre endlich aufgehoben wurde, ging er mit seiner Frau nach draußen, um frische Luft zu schnappen und sich die Beine zu vertreten, wie sein Stiefsohn Robert Duffy dem Nachrichtensender CNN berichtete.

Im Garten hinterm Haus fiel ihm etwas auf: „Die Plane seines winterfest gemachten Bootes flatterte im Wind.“ Was merkwürdig war - denn selbst den Winterstürmen hatte sie standgehalten. Henneberrys erster Gedanke war, dass sich ein Tier dort verkrochen haben könnte, vielleicht ein Eichhörnchen. Aber aus der Nähe sah er, dass einer der Haltegurte durchgeschnitten war. Er kletterte auf eine Leiter, um einen Blick hinein zu werfen. „Er steckte seinen Kopf unter die Plane und sah eine Blutlache“, erzählte Duffy weiter. Dann erkannte er im Dunkeln, dass dort jemand oder etwas zusammengekauert lag.

Der Rest ist Geschichte: Henneberry wählte die 911 und alarmierte die Polizei. Dass er nicht losgeschrien habe, mache ihn zum Helden, sagte Duffy. Die Beamten brachten zunächst Henneberry und seine Frau bei Nachbarn in Sicherheit - alles ging so schnell, dass sie ihre Handys zurückließen. Duffy und seine Schwester machten sich große Sorgen, denn sie sahen die Bilder vom Haus im Fernsehen und hörten Schüsse, konnten Henneberry und die Mutter aber nicht erreichen. Erst rund 40 Minuten später erfuhr Duffy, dass alles okay war.

Der 19-Jährige habe nach langer Verfolgung letztlich aufgegeben, so die Polizei. „Schließlich tat er, was wir ihm befohlen hatten, stand auf und hob sein Hemd hoch“, sagte der Polizeichef von Watertown, Edward Deveau, in einem CNN-Interview. Deveau sprach von „20 Minuten Verhandlungen“ mit dem Schwerverletzten. Er räumte allerdings ein, dass Zarnajew dabei „nicht viel gesagt“ habe. Er habe aber noch um sich geschossen.

Sehen Sie hier das Video der Festnahme, aufgenommen von Wärmebildkameras

Welche Höchststrafe Dschochar Zarnajew droht, hängt davon ab, ob er nach Landes- oder Bundesrecht angeklagt wird: Massachusetts kennt keine Todesstrafe, die USA als Bundesstaat aber schon. CNN zitierte einen Beamten aus dem Justizministerium mit den Worten, Zarnajew werde nach Bundesrecht angeklagt und müsse sich wohl wegen Mordes verantworten.

Vater des Bombenlegers will Sohn in Russland beerdigen

Der Vater der mutmaßlichen Terrorbrüder von Boston will seinen getöteten Sohn in der Heimat, im russischen Konfliktgebiet Dagestan im Nordkaukasus, beerdigen lassen. Allerdings fehle ihm dafür das nötige Geld, sagte Ansor Zarnajew der Staatsagentur Ria Nowosti am Sonntag. Er könne auch weder eine Reise in die USA bezahlen noch einen Anwalt. „Leider können weder Verwandte noch Freunde finanziell helfen“, sagte Zarnajew, der sich derzeit in der dagestanischen Hauptstadt Machatschkala aufhält. „Natürlich würde ich gerne meinen Sohn abholen, falls seine Leiche freigegeben wird und ihn hier begraben.“

dpa / AP

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