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Ein Jahr nach der Flut: Bei einigen Häusern ist noch immer nichts passiert

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Von: Jens Greinke

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Ein Jahr nach der Flut im Ahrtal sind viele Menschen weiter traumatisiert an Körper, Geist und Seele. Manche haben Angst vor ihrer eigenen Heimat. Ein Besuch.

Ahrtal - Entlang der Bundesstraße 275, die parallel zum Flüsschen Ahr verläuft, prägen auch zwölf Monate später noch Ruinen, Baufahrzeuge, Dixie-Klos, Behelfs-Straßenlaternen und provisorische Geschäfte in Containern das Bild.

StadtBad Neuenahr-Ahrweiler
BundeslandRheinland-Pfalz

Bad Neuenahr, Kurpark: Die „Ahrthermen“ sind längst kein Spaßbad mehr. Es ist ein bisschen so wie in diesen dystopischen Endzeitfilmen, nur ohne Zombies. An die Duschen im Außenbereich haben die Spinnen ihre Netze geheftet, aus den Kachelfugen wächst Gestrüpp, auf der Liegewiese ist das wilde Gras in Brusthöhe gewachsen.

Schaut man durch die verschlammte Glaskuppel der einst modernen „Ahrthermen“ in den Innenbereich, sieht man verschmutzte Schwimmbecken und vertrocknete, braune Pflanzen, die ihren letzten Kampf längst verloren haben. Die „Ahrthermen“ sind zu einem dieser „Lost Places“ geworden, verfallen und schaurig. Das findet auch Maria Sievers. Die rüstige Seniorin aus dem niederländischen Apeldoorn war vor Corona im Ahrtal und hatte sich in die Gegend verliebt. „Das war so schön hier“, sagt sie, während ihre Promenadenmischung „Cora“ an einer lehmverschmierten Teekanne schnüffelt, die die Flut hierher gespült hat. Jetzt ist Sievers zurückgekehrt, um ihren 70. Geburtstag hier zu feiern. Und sagt im holländischen Akzent: „Ich finde nichts mehr zurück. Es ist so viel kaputt.“

Einen kurzen Fußmarsch weiter im benachbarten Kurpark hat man es sich mittlerweile immerhin „ein bisschen schön gemacht“, wie Anna Henseler-Pivelja sagt. Gut, früher hätte hier jeder Grashalm so ausgesehen „als sei er mit der Nagelfeile bearbeitet worden“, sagt sie. Jetzt sind die Rasenflächen zumindest mit dem Aufsitzmäher gestutzt und auch das ein oder andere Blumenbeet angelegt. Der Wiederherstellung dieser Grünanlage hatte die Stadt eine gewisse Priorität eingeräumt, „damit die Menschen sich ein bisschen erholen können von dem Schrecklichen“, so Henseler-Pivelja. Die Medizinerin ist Mitglied des Vereins „Spenden-Shuttle“, der seit Beginn der Katastrophe 400.000 Euro Spenden verteilt und einen Shuttle-Service für die vielen freiwilligen Helfer organisiert hat. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hatte bei seinem Besuch im Oktober 2021 zu den Leuten von „Spenden-Shuttle“ gesagt: „Da wo ihr seid, ist Zuversicht.“ Anna Henseler-Pivelja blinzelt in die Sonne und lächelt. Einen Steinwurf weiter plätschert die Ahr.

Ein Jahr nach der Flut: Wiederaufbau mit Versicherungsgeldern

Bad Neuenahr, Schützenstraße: „Drei Wochen noch“, sagt Klaus Geck, während er überlegt, wo wohl noch eine Steckdosenleiste fehlt im frisch renovierten Wohnzimmer. Seit fast einem Jahr wohnen der 65-Jährige und seine zehn Jahre jüngere Frau in rund 50 Kilometer Entfernung bei Mayen zur Miete, jetzt können sie bald wieder in das Haus in der Schützenstraße zurück. „Ich habe mittlerweile ein Boschhammer-Syndrom“, sagt Geck und zeigt seine krummen Finger. Doch die ganze Arbeit habe sich gelohnt, in wenigen Tagen kann das Ehepaar wieder einziehen in sein Zuhause, das es wie viele andere in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 innerhalb weniger Stunden verlor.

Ein Jahr nach der Flutkatastrophe: Klaus Geck in seinem frisch renovierten Haus in Bad Neuenahr.
Ein Jahr nach der Flutkatastrophe: Klaus Geck in seinem frisch renovierten Haus in Bad Neuenahr. © Ina Fassbender/dpa

Eine unvergessliche Nacht, auch für die Gecks. Um kurz vor 22 Uhr sei das Wasser der Ahr so hoch gewesen, dass er sich auf den Weg zum Bauhof machte, um mehr Sandsäcke zu holen. Sein Handy vergaß er. „Dann hatte ich den Kofferraum voller Sandsäcke und kam nicht mehr heim zu meiner Frau“, erzählt Geck. Irgendwann gegen 23.30 Uhr hätte diese die ersten Schreie gehört: „Achtung, weg, das Wasser kommt!“ In Form einer regelrechten Flutwelle.

Geck: „Meine Frau ist erst auf die Garage geklettert, da schwammen bereits die ersten Autos und zischenden Gastanks vorbei. Es war stockdunkel, es hat nur gerauscht, es hat gestunken, einfach bestialisch. Von der Garage aus stieg sie auf den Balkon.“ Er zeigt mit seiner Boschhammer-Hand auf die 1. Etage. Dort habe sich seine Frau mit einem Tisch und einem Stuhl eine Behelfsleiter gebaut, sich an der Dachrinne hochgezogen und sei dann über das Dach in ein Dachgeschosszimmer geklettert. „Sie wiegt nur 53 Kilo und ist sportlich“, sagt Geck: „Sie hat in der Nacht aus der Blumenvase Wasser getrunken, weil nichts mehr da war.“ Er selbst habe am nächsten Tag um 9.30 Uhr erfahren, dass seine Frau noch lebt. „Sie hat um 15.30 Uhr die Info bekommen, dass ich lebe.“

Kürzlich hätten die beiden sich eine Arte-Dokumentation über die Katastrophe angeschaut, da sei alles wieder hervorgebrochen. Seine Frau sei in Tränen ausgebrochen und habe gesagt: „Stell dir mal vor, wir hätten das auch nicht geschafft.“ Geck: „Bei uns in der Straße sind sieben Leute gestorben.“

In der Schützenstraße kann man sehen, wer gut versichert war und wer nicht. Während die Gecks bald zurückkehren, ist bei anderen Häusern noch nichts passiert. Klaus Geck hatte nach drei Tagen 100.000 Euro für den Hausrat auf dem Konto. Von der Wohngebäudeversicherung gab es nach einer Woche 150.000 Euro und es hieß: Damit kannst Du erst mal arbeiten. Später kamen noch einmal 100.000, mittlerweile müsse er Angebote vorlegen, die aber fast alle genehmigt und von der Versicherung bezahlt würden. Der Gesamtschaden belaufe sich auf 350.000 bis 400.000 Euro. Weil er schnell an Geld kam, hatte er auch schnell die Handwerker im Haus.

Angst, hier weiter zu wohnen, habe er nicht. „Ich bin ein Stehaufmännchen.“ Aber: „Wenn das Wasser nochmal kommt, dann ziehen wir hier weg.“ 120 Meter entfernt plätschert die Ahr.

Ein Jahr nach der Flut: Gelernt, worauf es wirklich ankommt

Dernau: Wer durchs Tal weiter in Richtung Westen fährt, bekommt den Eindruck, als seien gerade sämtliche Handwerker und Baufahrzeuge Deutschlands an die Ahr abkommandiert worden. Recht nah am Ortseingang von Dernau steht in der ersten Reihe zur Ahr das ehemalige christliche Gemeindezentrum. Von den Fenstern blieben nur noch die Rahmen, innen ist das Gebäude mittlerweile entkernt. Die weiße Fassade ist zu einer Art Leinwand geworden, viele Menschen haben mit bunter Farbe Zeichnungen und Sprüche auf den Putz gemalt. Initiiert hat das alles Rebecca Arnoldy-Heimannsfeld, die sich selbst als „Mixed Media-Künstlerin“ bezeichnet. Sie hat die Flutnacht in diesem Gebäude, das ihrem Vater Roland gehört, verbracht. Sie habe viel verloren in diesen Stunden, aber eines gelernt: „Worauf es zum Beispiel wirklich im Leben ankommt! Ich, meine Liebsten, Freunde und Bekannten haben nämlich überlebt.“

Engelsgleich: Die im Ahrtal aufgewachsene Schauspielerin Anna Mies posiert vor der von der „Mixed-Media-Künstlerin“ Rebecca Arnoldy-Heimannsfeld gestalteten Fassade des Flutkunsthauses in Dernau.
Engelsgleich: Die im Ahrtal aufgewachsene Schauspielerin Anna Mies posiert vor der von der „Mixed-Media-Künstlerin“ Rebecca Arnoldy-Heimannsfeld gestalteten Fassade des Flutkunsthauses in Dernau. © Ina Fassbender/AFP

„Zu retten ist das Gebäude nicht mehr“, sagt Roland Arnoldy, das Haus werde irgendwann abgerissen. Gegenüber hat ein Massivhaus-Hersteller einen Werbeanhänger aufgestellt mit dem Slogan: „Ihr Traum vom Haus“. Der 57-Jährige lächelt bitter. Vor der Flut hatte er drei Häuser, zwei weitere noch im nahen Altenburg, wo die Flut noch schlimmer gewütet hatte. Dort habe das Wasser bis Unterkante Dachboden gestanden, bei rund sieben Metern. Hier, am „Flutkunst-Haus“ stoppte sie bei gut 5,50 Metern. Von der Straße aus gemessen. Er habe materiell fast alles verloren, sagt Arnoldy. Nur sein Laptop und seine zwei Autos habe er retten können. Die habe er auf den Berg gefahren. Die Häuser in Altenburg könne man sanieren, immerhin. Allerdings hatte er keine Elementarversicherung. Deshalb sei er „sehr dankbar“, dass das Land Rheinland-Pfalz dennoch 80 Prozent seines Verlustes erstatten will. Einerseits.

Ein Jahr nach der Flut: Roland Arnoldy im sogenannten Flutkunsthaus in Dernau.
Ein Jahr nach der Flut: Roland Arnoldy im sogenannten Flutkunsthaus in Dernau. © Ina Fassbender/AFP

Andererseits ist Arnoldy ein wütender Mann geworden. Wütend auf die Regierung. Dabei geht es ihm um das erste halbe Jahr nach der Flut. Die spontane Hilfe aus der Bevölkerung sei unglaublich gewesen. Er hätte sich bereits am nächsten Tag neu einkleiden können, da es eine Kleidersammlung gegeben hätte. Und kurz darauf seien die ersten Helfer ins Tal gekommen. „Hunderte“, sagt Arnoldy. Auch Unternehmen seien gekommen, auf eigene Kosten. „Die kamen und haben gefragt: Was gibt‘s zu tun? Unglaublich.“ Irgendwann erschienen dann 30 Polizisten, um den Verkehr zu regeln. „30! Um den Verkehr zu regeln!“, sagt Arnoldy.

Die hätten am nächsten Tag gemerkt, dass sie an anderer Stelle besser gebraucht würden und hätten lieber geholfen, den Schutt aus den Häusern zu räumen. „Mit der Waffe am Gürtel. Und entgegen ihres Einsatzbefehls“, sagt Arnoldy. Hingegen seien beispielsweise Sanitäter erst acht Tage nach der Flutnacht ins Dorf gekommen. Sie hätten Arnoldy gesagt, dass sie bereits in der Flutnacht bereit gestanden hätten. „Aber sie hätten nicht gedurft, da sich erst ein Bild von der Lage gemacht werden sollte“, sagt Arnoldy und muss erst einmal tief durchatmen: „Da kommt Wut auf.“ Arnoldy führt noch andere Beispiele an, in denen Regierung und Behörden nach seiner Ansicht nach der Katastrophe „großflächig versagt“ hätten.

Letztlich erinnert sich Arnoldy lieber an eines der schönsten Erlebnisse: Einmal habe er einen Briefumschlag bekommen. In krakeliger Handschrift hätte ein Junge geschrieben. „Ich habe heute meinen 13. Geburtstag. Es tut mir so leid, was dir passiert ist. Ich schenke dir mein Geburtstagsgeld.“ Arnoldy bricht jetzt die Stimme. Auf der anderen Seite der B275 plätschert die Ahr.

Ein Jahr nach der Flut: Wasser wütete in Mayschoss - und in großer Weinhöhle

Mayschoss: Wenige Kilometer weiter in Mayschoss sieht es so aus, als sei ein tollpatschiger Welpe über eine in jahrelanger Kleinarbeit aufgebaute, riesige Märklin-Eisenbahnanlage getrampelt. Es heißt, viele Touristen seien nahe am Herzinfarkt, wenn sie in den einst malerischen Ort zurückkehren.

Von vielen Fachwerkhäusern steht – wenn überhaupt – nur noch das Fachwerk. Andere Gebäude sind halb eingestürzt, viele mittlerweile abgerissen. Einige Häuserreihen erinnern an ein fauliges Gebiss, aus dem Zähne herausgebrochen sind. Mayschoss war am Anfang komplett von der Außenwelt abgeschottet, hier hatte die Flut besonders erbarmungslos gewütet. Auch bei der 1868 gegründeten der Winzergenossenschaft Mayschoss-Altenahr. Das Wasser war in die große Weinhöhle vorgedrungen, wo bis zu 250.000 Liter Wein in unzähligen Holzfässern und rund 1,8 Millionen Liter in großen Edelstahltanks lagern. „Zum Glück hatten wir im Juli schon einen Großteil vom Wein herausgeholt“, erzählt der Weinbautechniker Reinhold Kurth. Bei der Flut hatten sich die großen Fässer verkantet, waren aber nicht kaputt gegangen. Nach der Katastrophe verkaufte die Genossenschaft den „Flutwein“, die Flaschen waren schmutzig, die Etiketten wellig. Heute läuft in der provisorischen Vinothek wieder ein einigermaßen normaler Verkauf. Auch Weinproben bis zu 40 Personen sind wieder möglich.

Dennoch wird sich künftig einiges verändern bei der Winzergenossenschaft. Das historische Hauptgebäude wird man wohl abreißen und ein neues bauen müssen. Doch die alte Weinhöhle, die wird bleiben. „Hier ist die Seele“, sagt Kurth 200 Meter weiter draußen plätschert die Ahr. Aber in der Weinhöhle, zwischen den Holzfässern, kann man sie nicht hören.

Ein Jahr nach der Flut: Viele Schäden beseitigt, Erlebnisse werden immer bleiben

Auch in vielen Teilen von NRW hat die Flut gewütet. Die Stadt Altena im Märkischen Kreis hat es schwer erwischt. Ein Jahr später sind viel Schäden in Altena beseitigt, aber noch ist längst nicht alles getan.

Ein Jahr nach der Flut hallen auch Geschichten nach, die von Selbstlosigkeit, Mut und Menschlichkeit zeugen. Das Haus der Casparis im Volmetal war vom Hochwasser umgeben, der Akku für das Beatmungsgerät der Tochter würde nicht mehr lange halten. Dann kam Dustin Raatz und rettete das Mädchen. Er bekam in dieser Woche die Rettungsmedaille des Landes NRW verliehen.

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