Die Welt ohne Netz – was passiert bei einem Blackout im Hier und Jetzt?

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Stromleitungen gibt es im Grunde überall - doch was passiert, wenn sie versagen?

In der Vergangenheit haben große Stromausfälle in Europa und Nordamerika bereits mehrfach deutlich gezeigt, wie verletzbar die moderne und hochtechnisierte Gesellschaft ist.

Fällt heutzutage einmal der Strom aus, so springen in der Regel zwar ein paar Notaggregate an und fürs Erste sind Überleben und Komfort weiterhin gesichert. Doch anders sieht es hingegen aus, wenn auch diese versagen und ein Stromausfall über ein paar Tage hinausgeht – viele Experten sind der Meinung, dass nur eine sofortige Evakuierung helfen könne, wenn der Strom eines Tages gänzlich ausbliebe.

Der Blackout – wie gefährlich ist er wirklich?

Der sogenannte Blackout, also das vollständige Versagen des Stromnetzes, gehört zu den unterschätzten Gefahren der Neuzeit. In Europa gewährleisten Tausende Kraftwerke, Solaranlagen und Windräder, die mithilfe eines komplexen Systems für eine permanente Energiezufuhr sorgen, dass der Strom stetig fließt. Allein der Stromkreislauf in Deutschland ist bereits fast zwei Millionen Kilometer lang, die Leitungen würden theoretisch 45-mal um die Erde reichen. Damit die Leitungen verlässlich funktionieren, muss der Druck im Inneren immer gleich sein – konkret bedeutet das, dass die darin befindlichen Elektronen 50-mal pro Sekunde die Richtung wechseln müssten. Und zwar unabhängig davon, ob eine bestimmte Menge an Windparks vielleicht gerade keinen Strom produziert oder ein großer Anteil der Konsumenten zeitgleich die Klimaanlage startet. Generell sind der weltweite Stromverbrauch und damit auch der allgemeine nötige Strom enorm hoch. Knapp 21 Billionen Kilowattstunden Strom werden jährlich verbraucht. Private Haushalte haben daran aber nur einen geringen Anteil, Hauptverantwortlicher ist die Industrie, aber auch Handel und Gewerbe haben ebenfalls großen Einfluss. Den weltweiten Stromverbrauch beeinflussen aber noch viele weitere Faktoren, etwa die vorhandenen Wirtschaftszweige in einem Land und der allgemeine Wohlstand – große Teile Afrikas sind beispielsweise gar nicht ans Stromnetz angeschlossen, dementsprechend gering liegt der Pro-Kopf-Verbrauch in diesen Nationen. Das bedeutet im Umkehrschluss: Industrieländer, die derzeit stark auf das Stromnetz angewiesen sind, hätten bei einem Blackout auch entsprechend stärker darunter zu leiden.

Theoretisch könnte eine passend programmierte Software ganze Kraftwerke über 24 Länder hinweg abschalten. Das wäre beispielsweise über das sogenannte "Synchronous Grid of Continental Europe" möglich, welches das größte einheitlich getaktete Netz der Erde darstellt. Die Folgen wären teilweise verheerend, insbesondere für die schwächsten Glieder in der Kette: Die knapp 100 Atomkraftwerke in Europa. Tatsächlich belegte ein länderübergreifender Stresstest bereits, dass fast alle Atomkraftwerke in der EU Sicherheitsmängel aufweisen. Notstromaggregate stehen zwar bereit, fraglich ist jedoch, ob das Umschalten im richtigen Moment ohne Probleme funktioniert. In einigen Kraftwerken haben die Mitarbeiter dafür gerade einmal eine Stunde und weniger Zeit.

Die Folgen eines Blackouts wurden beim Hurrikan Katrina bereits ersichtlich

Als im August 2005 der Hurrikan Katrina über die Südstaaten der USA hereingebrochen ist, löste dies eine handfeste Katastrophe aus. Innerhalb kürzester Zeit waren mehr als 10.000 Menschen obdachlos und mehr als eine Million musste auf Strom verzichten. Auch in den Krankenhäusern wurde zunächst auf Notstromaggregate umgestellt, die Reserven gingen jedoch zur Neige und wichtige Maschinen (etwa zur Beatmung) schalteten sich nach und nach ab. Medikamente gingen zur Neige, Rettungsmannschaften konnten nicht mehr durch die überfluteten Straßen gelangen und letztendlich brachen erste Unruhen aus. Neben bewaffneten Überfällen sorgten fehlende Toiletten und Medikamente außerdem dafür, dass Krankheiten um sich griffen. Nach gerade einmal drei Tagen durfte die Polizei Plünderer offiziell erschießen – und machte von diesem Recht auch Gebrauch. Die Lage eskalierte also bereits nach kürzester Zeit.

  • In Deutschland ist ein solches Szenario zwar nicht unbedingt wahrscheinlich, allerdings gab es auch hierzulande bereits besorgniserregende Stromausfälle. Ein Beispiel dafür wären die heftigen Schneefälle im Münsterland 2005, bei denen 50 Hochspannungsmasten abknickten und eine Viertelmillion Menschen zum Teil für fünf Tage vom Stromnetz abgetrennt war. Da das Katastrophengebiet relativ klein war, kam es nicht zu Unruhen, zudem strömte Hilfe aus dem ganzen Land herbei. Tatsächlich hatte der Katastrophenschutz damals jedoch bereits seine Maximalkapazität erreicht: Das heißt, die Notversorgung der Bevölkerung gelang nur um Haaresbreite, obwohl nahezu alle bundesweit verfügbaren Notstromaggregate zum Unglücksort geschafft wurden. Und hierbei handelt es sich wohlgemerkt um gerade einmal 0,3 Prozent der deutschen Bevölkerung.

Die Kosten eines Blackouts sind immens

Wäre ganz Deutschland von einem Stromausfall betroffen, käme dies einer Katastrophe gleich, insbesondere in volkswirtschaftlicher Hinsicht. Laut Schätzungen des Hamburger Weltwirtschafts-Instituts (HWWI) käme es bereits bei Stromausfällen von nicht mehr als einer Stunde zu beträchtlichen Kosten. Dies gilt vor allem für Kreise mit hoher Bevölkerungszahl, dort könnten die Kosten schnell über zehn Millionen Euro pro Stunde betragen.

  • Berlin ist Spitzenreiter – ein einstündiger Blackout in der Hauptstadt zur Mittagszeit würde Kosten von knapp 22,74 Millionen Euro verursachen. Grund dafür sind die Produktionsausfälle während der allgemeinen Arbeitszeiten.
  • Dementsprechend variieren die Kosten je nach Uhrzeit: Um sechs Uhr morgens lägen die Kosten in Berlin beispielsweise „nur“ bei 10 Millionen Euro.
  • Ein Kollaps in ganz Deutschland würde pro Stunde knapp 430 Millionen Euro verschlingen. Die Ergebnisse der Studie waren bereits nach acht bis zehn Tagen so katastrophal, dass nur noch ein notdürftiger Ausblick auf die weitere Zukunft gegeben werden konnte.
  • Die Folgen eines Blackouts wären nicht beherrschbar, auch wenn sämtliche interne und externe Kräfte mobilisiert werden. Nach 24 Stunden gäbe es laut Studie kein Geld, keine Nahrung und keinen Verkehr mehr, auch die Wasserversorgung und sämtliche Kommunikationsmittel würden innerhalb kürzester Zeit zusammenbrechen.

Blackout – zurück zur Normalität?

Bei diesem düsteren Szenario stellt sich die Frage, wann die Menschen nach einem solchen Kollaps wieder zurück zur Normalität finden würden. Der Stromexperte Leitert sagt in einem Beitrag von Welt der Wunder, dass es Wochen dauern kann, das Stromnetz wieder vollständig in Gang zu setzen – falls es denn überhaupt möglich ist. Zudem warnt er, dass Stromnetze heutzutage durchaus ein potenzielles Ziel von Sabotageaktionen werden können. So könne man Berlin beispielsweise komplett von der Versorgung abschneiden, indem lediglich drei unterschiedliche Stellen rund um die Stadt mit entsprechend schädlicher Software attackiert werden. Das System wäre daraufhin so instabil, dass sich Kettenreaktionen durch die Leitungen ziehen würden und immer größere Teile deaktivieren. Im schlimmsten Fall könnte es so nicht nur zu einem bundesweiten, sondern sogar europaweiten Super-GAU kommen.

Die Nutzung von Smart Grid ist zwar komfortabler, bringt jedoch auch Gefahren mit sich.

Zukünftig womöglich ebenfalls problematisch: Der Ausbau und Umbau des Netzes zum sogenannten Smart Grid, also der Zusammenschluss vieler kleiner Erzeugungseinheiten statt der zentralen Steuerung weniger Kraftwerke. Dies könnte Anfälligkeit und Angreifbarkeit noch weiter steigern. Gerade die sogenannten Smart Meter eröffnen Hackern zudem viele neue Möglichkeiten, sind sie doch nichts anderes als kleine Computer, die ohne menschlichen Ableser mit dem Stromversorger kommunizieren.

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