Urteil im Totschlagsprozess am Donnerstag

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Im Schalksmühler Totschlagsprozess soll am Donnerstag das Urteil verkündet werden.

Schalksmühle - Wie tief reichte die bewusstseinsmäßige Umnachtung des 42-jährigen Angeklagten, als er in den frühen Morgenstunden des 10. März seine 18-jährige Freundin mit zahlreichen Messerstichen tötete?

„53 Mal zuzustechen – ist das nicht ein Beweis, dass jemand völlig außer sich ist?“, hatte Verteidiger Ralph Giebeler mit einem gewissen Unverständnis auf das Gutachten des Psychiaters Pedro Michael Faustmann reagiert. Der Verteidiger folgerte aus der bei dem Totschlag zutage getretenen Gewalt, „dass der Angeklagte überhaupt nicht mehr wusste – in gewisser Weise –, was er tat“.

Die Einschränkung ging offenbar schon auf die Einschätzung des Gutachters zurück, der zuvor ausführlich begründet hatte, warum der Angeklagte noch in der Lage war, „das Unrecht seines Handelns einzusehen“. Bei der Strafzumessung spielt diese Frage der Zurechnungsfähigkeit bekanntlich eine wichtige Rolle.

Paragraph 20 und 21 des Strafgesetzbuches nennen die Voraussetzungen für eine umfassende oder teilweise Einschränkung der Schuldfähigkeit: „Ohne Schuld handelt, wer bei Begehung der Tat wegen einer krankhaften seelischen Störung, wegen einer tiefgreifenden Bewusstseinsstörung oder wegen Schwachsinns oder einer schweren anderen seelischen Abartigkeit unfähig ist, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln.“ Paragraph 21 beschäftigt sich mit eingeschränkten Schuldfähigkeit, die dann vorliegt, wenn „die Fähigkeit des Täters, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln (...) bei Begehung der Tat erheblich vermindert“ war. In diesem Fall kann die Strafe „gemildert“ werden.

Gutachter: Keine Bewusstseinsstörung

Gutachter Pedro Faustmann zeichnete mit Blick auf den Angeklagten aber das Bild einer Persönlichkeit, die zwar „unreife Anteile“ aufweise. Von einer tiefgreifenden psychopathologischen Bewusstseinsstörung könne aber keine Rede sein. Der Angeklagte sei zum Tatzeitpunkt weder in einem erheblichen Rauschzustand, noch krankheitsbedingt beeinträchtigt gewesen.

Der Psychiater verdeutlichte noch einmal an vielen Beispielen, wie sehr sich der Angeklagte in jener Nacht darüber im Klaren war, was passiert war und wie folgerichtig er noch zu handeln vermochte. Der Angeklagte habe bis auf ein ganz kleines Zeitfenster eine klare Erinnerung an das, was in jener Nacht geschah, argumentierte der Gutachter. Und diese Erinnerungsstörung sei weniger das Ergebnis einer wirklichen Erinnerungsstörung als vielmehr Ausdruck einer nachträglichen psychischen Bewertung des Geschehenen und der damit verbundenen Abwehr und Verdrängung.

Hände gewaschen und Zigarette geraucht

Nach der Tat habe der Angeklagte auf der Grundlage einer adäquaten Situationswahrnehmung durchaus angemessen gehandelt, er habe sich die Hände gewaschen, mit dem 20-jährigen Bekannten der jungen Frau eine Zigarette geraucht und diesen dann aufgefordert, ihn zur Polizei zu fahren. Erst im Präsidium habe er dann aufgrund des Geschehenen massiv abgebaut.

„Es war ein Ablauf, in dem ich keine Affektdominanz feststelle“, sagte der Gutachter. Das Ganze mache den Eindruck eines bewussten Vorgehens und nicht eines Automatismus, der Ausdruck nicht mehr steuerbarer psychischer Antriebe sei.

Natürlich habe sich der Angeklagte in einer Ausnahmesituation befunden. Er sei übernächtigt, angetrunken, wütend und schwer gekränkt gewesen. Sein Geisteszustand habe aber noch über eine erhebliche Handlungskontrolle verfügt. Dieser Angeklagte war eben nicht völlig desorientiert und ratlos über eine Tat, die ihm von anderen hätte geschildert werden müssen. Stattdessen tat er das Nötige und stellte sich der Polizei.

Das Urteil soll am Donnerstag ab 11 Uhr im Schwurgerichtssaal des Landgerichts Hagen verkündigt werden.

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