Im Tragschrauber über Meinerzhagen

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Fluglehrer André Jonas (rechts) und sein Schüler Jochen Selbach besprechen den anstehenden Flug. ▪

MEINERZHAGEN ▪ „Ach du meine Güte, mit dem Ding soll ich jetzt fliegen?“ – Das ist der erste Gedanke, der mir beim Anblick des Tragschraubers, mit dem ich gleich abheben soll, durch den Kopf schießt.

Im Gegensatz zu den meisten Menschen bin ich noch nie geflogen. Zudem beschleicht mich auf hohen Gebäuden oder am Rand von Abgründen ein starkes mulmiges Gefühl. Und jetzt soll ich in so ein kleines Fluggerät einsteigen, das eher an ein Spielzeug erinnert und in meinen Augen zunächst einmal nicht gerade vertrauenserweckend wirkt.

Dabei begann alles ganz harmlos: Ich hatte ein Treffen mit André Jonas von der Flugschule „Flugluft“ vereinbart, damit er mir etwas über die ungewöhnlichen Vehikel erzählt, mit denen bei ihm Rundflüge unternommen oder das Fliegen erlernt werden kann. Seit Anfang 2010 betreibt er die Flugschule mittlerweile. Meinerzhagen und Umgebung bieten in seinen Augen viel für Freunde des Flugsports. Ausgedehnte Wälder, Talsperren, Landwirtschaft und auch die Städte machen den Blick von oben so abwechslungsreich.

Das besondere an „Flugluft“: Wer hier abheben will, tut dies mit einem Tragschauber, auch Gyrokopter genannt. Zwar sind die Ähnlichkeiten zu einem Hubschrauber unverkennbar, die Funktionsweise unterscheidet sich aber. Der Rotor des Drehflüglers dreht sich nicht mit Hilfe eines Triebwerks, sondern durch den Fahrtwind. „Es ist also kein Sicherheitsrisiko, wenn der Motor ausfällt“, beruhigt mich André, der mir sofort das „Du“ anbietet – „Wie unter Fliegern üblich.“ Erst seit 2003 wird dieses Fluggerät vermehrt auch in Deutschland genutzt. Erfunden wurde der Gyrokopter aber schon 1923 vom Spanier Juan de la Sierva.

In der Meinerzhagener Flugschule kommen zwei unterschiedliche Varianten des Tragschraubers zum Einsatz: Ein geschlossener, in dem die beiden Flieger nebeneinander Platz nehmen, und ein offener Gyrokopter. Die Passagier sitzen hier hintereinander und können sich den Flugwind um die Ohren wehen lassen.

Nachdem André mir das erzählt hat, macht er den Vorschlag, dass ich doch einmal eine Runde mit ihm fliegen könne. Zunächst wende ich noch zaghaft ein, dass ich doch noch nie geflogen sei und außerdem Höhenangst habe, aber das lässt André nicht gelten. Kurz darauf sitze ich in einem Gyrokopter. Da die Temperaturen um den Gefrierpunkt liegen, fliegen wir mit der geschlossenen Variante. Erst muss der Motor warmlaufen, dann rollen wir auch schon über die Startfläche und heben langsam ab. In der Kanzel ist es erstaunlich leise. Als es immer höher hinaus geht, beschleicht mich zunächst ein eher ungutes Gefühl.

André sitzt an meiner linken Seite und weist mich auf die Schönheit der Landschaft unter uns hin. Direkt neben mir bietet ein großes Fenster eine atemberaubenden Aussicht – aber ich starre erst einmal nur geradeaus und muss mich langsam daran gewöhnen, so weit über dem sicheren Boden zu schweben. Ich weiß, dass André bevor er seinen Lehrgang zum Fluglehrer machen durfte, fünf Jahre praktische Erfahrung vorweisen musste. Diese Tatsache beruhigt mich dann doch etwas.

Bald fliegen wir über eine der zahlreichen Talsperren in der Umgebung. Auf der Wasserfläche sind helle Flecken zu erkennen, eine Eisschicht hat sich aufgrund der Minusgrade gebildet. Dann entdecke ich die Autobahn, auf der ich jeden Tag zur Arbeit komme. Es stimmt schon, von hier oben sieht alles aus wie eine Spielzeugwelt. So langsam traue ich mich, aus dem Fenster neben mir zu blicken: Die hügelige Landschaft unter mir ist faszinierend. Einige Felder sind noch mit Schnee bedeckt, andere liegen grün oder bräunlich da. Schmalere und breitere Straßen führen durch die Gegend, nur am Horizont sind einige kleine Wolken zu entdecken. Im Tragschrauber hat man einen 280 Grad (fast) Rund-um-Blick. Andrés Worte von vor dem Flug, kommen mir in den Sinn: „Einen Tragschrauber fliegt man nicht, um von A nach B zu kommen. Der Weg ist das Ziel.“

Dann geht André noch einen Schritt weiter: Ich soll den Steuerknüppel in die Hand nehmen und eine Rechtskurve fliegen. Das klappt erstaunlich gut, als der Fluglehrer dann aber seine Hände komplett von der Steuerung nimmt, ist mir doch wieder unbehaglich zumute. Das steigert sich, als André erklärt: „Jetzt machen wir den Motor aus, damit du siehst, dass so ein Tragschrauber im Prinzip nicht abstürzen kann.“ Eigentlich hatte ich erwartet, dem Boden unter uns schnell näher zu kommen. Aber wir sinken langsam in Richtung Landebahn und bald hat mich die sichere Erde wieder.

Aus dem Gyrokopter ausgestiegen, muss ich erst einmal begreifen, dass ich gerade wirklich geflogen bin. Am Ende konnte ich den Ausblick sogar genießen und kann gar es nicht glauben, als André mir sagt, dass wir eine halbe Stunde in der Luft waren.

An der Landebahn treffen wir Andrés Schüler Jochen Selbach, der nach eigenen Angaben „alles fliegt, was ich fliegen kann“. Er schätzt am Flug mit dem Tragschrauber, dass er „intensiver ist, als ein normales Flächenflugzeug zu fliegen“. Vor allem mit der offenen Variante des Fluggeräts: „Dann kann man riechen, wenn der Bauer frisch gemäht hat.“ André stimmt ihm zu: „Für mich ist das einfach das Schönste und bedeutet mehr Freiheit.“

Wer Interesse an einem Rundflug hat, selbst einen Flugschein machen oder einen Gutschein für einen Flug mit dem Tragschrauber verschenken möchte, kann sich an André Jonas, Tel. (0 23 54) 90 88 64 40, Fax: (0 23 54) 90 88 64 49, Mobil: 01 72/ 2 45 43 81 oder per E-mail an info@FlugLuft.de wenden. Informationen im Internet gibt es unter der Adresse http://www.FlugLuft.de. ▪ mac

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