Rether beeindruckt Publikum und stimmt es zugleich nachdenklich

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Noch ein Medium für medial überfüllte Heime? Hagen Rether diskutierte lange mit sich selber über die Frage, ob es ratsam sei, seine CDs mitzunehmen und signierte sie um kurz vor Mitternacht.

Meinerzhagen - Wer viel gefragt wird, beginnt nach Antworten zu suchen. Und weil man diese nicht immer gleich findet, konnte es nicht überraschen, dass die Besucher am Samstagabend nach dreieinhalb Stunden mit dem Kabarettisten Hagen Rether nachdenklich die Stadthalle verließen.

Dass ein bemerkenswerter Abend ein bisschen länger dauerte, war auch dem ungewöhnlichen Zeitmanagement des Künstlers zuzuschreiben: Wer nach einer Stunde und 40 Minuten Programm feststellt, dass „nach ein bisschen Begrüßung“ zwei Stunden weg sind, hat keinen Anlass, sich zu wundern, dass man erst kurz vor Mitternacht auseinandergeht.

„Ich muss einfach irgendwann aufhören“, stellte er weitere zwei Stunden später fest und lobte das Publikum: „Ich finde es schön, dass Sie so lange und so konzentriert zuhören können.“ Wie auch hätte ein umfassender Durchgang durch die Weltlage anders als durch eine beliebige Setzung enden können? Und auch wenn der Kritiker „unseren“ moralischen Bankrott beklagte, sah er weniger ein Denk- als ein Handlungsproblem. Ein Fall von Zynismus also: „Wir wissen genau, was wir tun – deshalb vergibt uns ja auch keiner!“

Breitgestreut und hochpolitisch waren entsprechend die Themen eines Abends, an dem die Schenkelklopfer eher Gewürz als Hauptspeise waren. Und Hagen Rether wurde nicht müde, sich zu wundern: über Rüstungsexporte und „nackten, ekligen Kapitalismus“, Kaltduscher und Schweinemast, Frühaufsteher und Frauendiskriminierung.

Dazu kam die Verwunderung über vielfache Formen sexueller Ausbeutung, bei denen gerne mit zweierlei Maß gemessen werde. Natürlich sei die Geschichte rund um Sebastian Edathy unschön, aber: „Geht’s ’ne Nummer kleiner?“ – in einer Gesellschaft, die nicht aufschreie, wenn „ukrainische Nymphen“ unter deutschen Freiern landen und geschätzte 1,2 bis 1,5 Millionen Kunden täglich zu Prostituierten gehen. Medien, die Leuchtturmsündenböcke aufbauen und durchs Dorf treiben statt massenhafte gesellschaftliche Probleme zu thematisieren – aus diesem Winkel kann auch ein kritischer Blick auf die vierte Gewalt nicht schaden.

Und so wunderte sich Hagen Rether in Form von vier Fragen über ein Kollektiv, das er hartnäckig mit einem vereinnahmenden „Wir“ ansprach: „Warum machen wir das?“ „Was ist los mit uns?“ „Haben wir sie noch alle?“ „Warum ist das alles so?“ Dieses „Wir“ schien nicht bei jeder Schweinerei angemessen zu sein, doch wer denken kann und Bürger einer Wahldemokratie ist, hat mehr Verantwortung, als vielen lieb ist.

Was kann in solcher Lage und kurz vor dem Auseinanderfliegen der irdischen Biosphäre und vieler Gesellschaften helfen? Hagen Rether riet davon ab, die Bibel um Rat zu fragen und erinnerte stattdessen an Vernunft und Aufklärung, an „Voltaire, Lessing, Kant“.

In deren Tradition forderte er dazu auf, die Folgen des Handelns zu bedenken und nicht zu resignieren. „Herr Rether, wir können doch nicht die Welt retten“, zitierte der kluge Spötter eine ratlose Stimme und gab eine klare Antwort: „Ja, wer denn sonst?!“

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