Gregor Gysi zu Gast in Meinerzhagen

Zu Beginn ließ MZ-Lokalchef Frank Zacharias den prominenten Gast ein Kissen aussuchen: Die möglichen Farben konnten durchaus politisch gedeutet werden: Grün, gelb und schwarz. In knalligem Rot erstrahlten die beiden Sessel für den Moderator und seinen Gast.

Meinerzhagen - Auf großes Interesse stieß am Mittwochabend der Besuch von Gregor Gysi in der Stadthalle: Mehr als 500 Besucher kamen, um den prominentesten Politiker der Partei „Die Linke“ zu erleben. „Sie werden immer noch als Sprachrohr der Linken gesehen, wie auch die volle Stadthalle deutlich macht“, begrüßte MZ-Lokalchef Frank Zacharias den Gast.

Was durfte das Publikum erwarten? „Ich bin jetzt in meinen Äußerungen freier. Ich rede noch mehr, wie mir der Schnabel gewachsen ist“, machte Gregor Gysi gleich eingangs klar und begründete minutiös, warum er als Fraktionsvorsitzender der Linken nicht erneut angetreten war. Dass er dieses freie Wort auch gegenüber seiner Partei pflegt, machten die Meldungen der vergangenen Tage über seine Kritik am Zustand seiner Partei deutlich: „Saft- und kraftlos“ habe er die Linken genannt, hieß es da – ein Vorwurf, den sein Nachfolger Dietmar Bartsch pflichtgemäß und umgehend zurückwies.

Doch den Linken die Leviten zu lesen, war nicht das Programm in der Stadthalle. „Ich bleibe politisch wahrnehmbar“, versprach Gysi und lieferte einen Rundumschlag durch die politische Großwetterlage, die sich zweifelsfrei dramatisch eingetrübt hat. Themen waren die soziale Ungerechtigkeit weltweit, die „brandgefährliche“ Rechtsentwicklung in Europa, die deutschen Waffenexporte, das Verhältnis zu Russland, das Scheitern der Afghanistan-Mission und natürlich der Nahe Osten. „Die USA müssen den IS zerstören, weil der IS das Ergebnis ihres Irakkrieges ist“, stellte Gysi fest. Angela Merkel dürfe sich vom türkischen Regierungschef Tayyip Erdogan weder demütigen, noch erpressen lassen. Es sei problematisch, wenn eine Regierung sich mit Flüchtlingen drohen lasse: „Wenn er merkt, dass wir immer nachgeben wegen seiner Drohungen, wird er immer mehr verlangen.“

Der bekannte Reflex vieler Menschen, einfache Antworten auf komplexe Herausforderungen zu verlangen, war Anlass für eine ausführliche Erörterung der Themen „Sozialneid“ und „AFD“. „Wenn eine Regierung überfordert wirkt, dann suchen sich die Leute Alternativen – in diesem Fall die AFD.“ Viele ihrer Wähler hätten allerdings noch nicht gemerkt, dass die Partei die neoliberalen Wirtschaftsthesen ihrer Gründungsväter noch nicht über Bord geworfen habe. Vielen seien die möglichen Konsequenzen dieser unsozialen Steuer- und Wirtschaftsprogrammatik nicht klar.

Das alles ist in dieser oder anderer Form auch in diversen Talkshows zu hören. Dass Gregor Gysis klar formulierte Botschaften ankommen, machte der immer wieder aufbrandende Zwischenapplaus deutlich. Spannend wurde der Abend, als Moderator Frank Zacharias den Politiker nach seiner Kindheit und Jugend sowie seinem Leben als Rechtsanwalt in der DDR befragte. Der Gast verblüffte mit einem Satz, der zunächst stutzen ließ: „Ich bin einer der wenigen im Saal, die künstlich besamen können.“ Kühe nämlich, mit denen es der jugendliche Gregor Gysi während seiner Ausbildung als Facharbeiter für Rinderzucht zu tun bekam. Die Zeit sei auch in anderer Hinsicht hilfreich gewesen, scherzte der Gast: Er könne melken, was steuerpolitisch natürlich eine sehr hilfreiche Fertigkeit sei, und „mit Hornochsen umgehen“. Als Rechtsanwalt habe er einen „absoluten Nischenberuf“ ausgeübt. Spielräume für einen Anwalt habe es auch in der DDR gegeben – außer in Fällen des politischen Strafrechts: „Da kam ich mit dem Recht keinen Millimeter weiter.“ Für den Regimekritiker Robert Havemann etwa habe er dennoch etwas erreicht – allerdings auf anderen Wegen.

All das trug Gregor Gysi in den gewohnt prägnanten Sätzen vor, für die er von vielen Menschen geschätzt wird. Um die Bedeutung klarer Sprache zu unterstreichen, verwies er auf die Verkäuferin, die etwas davon haben sollte, wenn sie sich nach einem Achtstundentag tatsächlich noch die Nachrichten anschaut. Zu viele politische Äußerungen, auch im Bundestag, litten an Unverständlichkeit: „Übersetzen – das findet in der Politik viel zu wenig statt.“

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