30 Jahre nach der Reaktorkatastrophe

Ein Atomkraftgegner der ersten Stunde

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Strahlende Aussichten für die Umwelt ganz ohne Kernkraft: Matthias Kretschmer wirbt im wald- und umweltpädagogischen Zentrum Heed seit Jahren für die Nutzung regenerativer Energien. Hier zeigt er die Herstellung von Wasserstoff in einem normalen Glas.

Meinerzhagen - Zum 30. Mal jährt sich am Dienstag eine Katastrophe, die sich in das Gedächtnis einer ganzen Generation eingebrannt hat: Am 26. April 1986 explodierte Block vier des Atomreaktors in Tschernobyl. Während die einen damit erstmals mit den Gefahren der Kernkraft konfrontiert wurden, sahen sich die Atomkraftgegner in ihrer Ablehnung nur bestätigt. Zu dieser Gruppe zählte auch der Meinerzhagener Matthias Kretschmer.

Wie viele andere Zeitzeugen kann er sich genau an die ersten Tage nach der Katastrophe erinnern. „Damals leitete ich noch eine Jugendherberge in Ostholstein und konnte meinen Kindern, die drei und fünf Jahre alt waren, eigentlich nicht so recht erklären, was eigentlich geschehen war“, sagt Matthias Kretschmer. „Radioaktivität sieht man nicht – und lässt sich Kindern daher schwer vermitteln.“

Als Atomkraftgegner, der bereits vor Tschernobyl einen Ausstieg aus der Kernkraft gefordert hat, sei ihm aber klar gewesen, dass dieses Unglück das Denken vieler Menschen nachhaltig verändern würde. Schließlich waren die Auswirkungen der Vorsichtsmaßnahmen auch in Deutschland spürbar: Spiel- und Sportplätze waren gesperrt, Kinder durften bei Regen nicht ohne Begleitung ihrer Eltern die Schulen verlassen.

Düstere Vorahnung hat sich bewahrheitet

Allerdings bewahrheitete sich, was Matthias Kretschmer kurz nach dem Unfall vermutete: „Ich habe schon damals gesagt, dass das sicher nicht das letzte Mal ist, dass wir es mit so einer Katastrophe zu tun haben werden. Siehe Fukushima.“ In der japanischen Stadt kam es infolge eines Erdbebens vor fünf Jahren zu einer Nuklearkatastrophe. Dass daraufhin der Abschied Deutschlands von der Kernkraft folgte, begrüßt Kretschmer ausdrücklich. Doch auf einer Insel der Glückseeligen könne man dennoch nicht leben: „Jetzt ist das Thema Belgien in den Mittelpunkt gerückt. Wenn das Kraftwerk in Tihange hochgeht, sind wir betroffen – und zwar noch viel mehr als nach Tschernobyl“, betont Matthias Kretschmer und weiter: „Das Problem sind eben nicht nur die deutschen, sondern alle Kernkraftwerke!“

Lesen Sie hier "30 Jahre Tschernobyl: Eine Katastrophe, die niemals endet"

Wasserstoff als Energiespeicher der Zukunft

Daher sieht er einen seiner Schwerpunkte bei der Arbeit mit Gruppen im umwelt- und waldpädagogischen Zentrum auch in der Aufklärung über alternative Energiequellen. „Die Sonne schickt uns keine Rechnung“, zitiert der Meinerzhagener den Journalisten und Umweltaktivisten Franz Alt. Mit der Kraft der Sonne sollte Kretschmers Meinung nach auch eine weitere Technologie weiter vorangetrieben werden: die Nutzung von Wasserstoff als Energiespeicher. Denn für ihn ist der Trend zum Elektroauto nur eine Übergangslösung. „Das Problem sind die Lithium-Ionen-Akkus – auch Lithium ist ein endlicher Rohstoff und Batterierecycling sehr wichtig“, sagt der Umweltschützer aus Heed.

Anschauungsunterricht in Heed

Und so zeigt Matthias Kretschmer seinen Gästen mitunter auch, wie viel Energie eine Photovoltaikanlage liefern und wie einfach damit Wasserstoff produziert werden kann. Den positiven Rückmeldungen zu alternativen Energiequellen würden manchmal aber auch besorgte Nachfragen nach den Kosten folgen: „Atomstrom ist natürlich billiger“, räumt Kretschmer ein, der für eine gelungene Neuordnung des Energiemarktes aber auch nicht den Bürger, sondern die Konzerne in die Verantwortung nehmen will. „Die haben in den vergangenen Jahrzehnten prächtig verdient. Jetzt müssen sie ihren Beitrag leisten.“

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