Ex-Profi Uli Borowka: „Alkohol ist heute ein Kulturgut“

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Der ehemalige Fußballstar Uli Borowka berichtete in der Stadthalle über seine Sucht. Anschließend signierte er gerne sein Buch.

Meinerzhagen - „Alkoholismus ist ein gesellschaftliches Problem. Ich wette, jeder hier im Saal hat in seinem Bekannten- und Freundeskreis ein bis zwei Abhängige“, sagt Uli Borowka, ehemaliger Fußballprofi, Deutscher Meister, DFB- und Europapokalsieger und seit seinem stationären Entzug und einer Therapie in Bad Fredeburg im Jahr 2000 trockener Alkoholiker. Am Donnerstag war er auf Einladung der Firma Otto Fuchs im Rahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements in der Stadthalle zu Gast.

„Die Axt“ oder „Eisenfuß“ wurde der Abwehrspieler in seiner aktiven Zeit genannt. Er galt als einer der besten und härtesten Verteidiger. Was ihm an Talent fehlte, machte er wett durch Ehrgeiz, Ausdauer und Härte. Die Wahl zum „unbeliebtesten Spieler der Bundesliga“ gewann er regelmäßig und erwarb sich damit ein zweifelhaftes Image.

„Ich steckte fest in einer Ritterrüstung. Da redet man nicht über seine Gefühle, über Leistungsdruck und Versagensängste“, sagt er im Rückblick und bekennt offen: „Ich war ein Arschloch. Nichts und niemand hat mich damals interessiert.“ Entspannung vom äußeren und inneren Druck und ein Ventil fand er im Griff zur Flasche. Eine Kiste Bier, je eine Flasche Whisky und Wodka sowie einige Schnäpse, dazu noch Tabletten waren nicht selten sein Tageskonsum. Trotzdem erschien er ohne dicken Kopf am nächsten Tag zum Training, denn er gehört zu den Menschen, deren Stoffwechsel Alkohol besonders schnell abbaut. Kam es doch mal zu Ausfällen, wurden diese von Trainern und Vereinen gedeckt, solange die Leistung stimmte, denn Fußball ist ein Milliardengeschäft. Hilfe gab und gibt es auch heute nicht, obwohl rund 19 Prozent der aktiven Sportler süchtig sind nach Alkohol, Drogen, Medikamenten und Spielen.

1996 ist er am Ende, will sich zu Tode saufen und wacht nach 14-stündiger Bewusstlosigkeit wieder auf. Allein auf seiner Matratze in einem leeren Haus, dass ihm nicht mehr gehört, mit einem sechsstelligen Schuldenbetrag, ohne Frau und Kinder, die nach einem gewaltsamen Übergriff geflohen sind.

Eine Szene, die er in seinem Buch „Volle Pulle. Mein Doppelleben als Fußballprofi und Alkoholiker“ beschreibt und aus dem er am Donnerstag vorlas. Einer der wenigen verbliebenen Freunde bringt ihn in die Fachklinik nach Bad Fredeburg, wo er seine Süchte, zu denen sich auch noch Spielsucht gesellt hatte, weiter leugnet, bis er sie schließlich mit dem gleichen Ehrgeiz bekämpft, der ihn schon als Fußballspieler auszeichnete.

Anschließend zieht er zu seinen Eltern, die im Sauerland eine Gaststätte betreiben. Am Zapfhahn widersteht er den Verlockungen und erkennt nüchtern, wie präsent Alkohol immer und überall im gesellschaftlichen Leben ist. „Wir leben in einer kranken Gesellschaft. Alkohol ist heute ein Kulturgut. Wer nicht mittrinkt, muss sich rechtfertigen, wird ausgegrenzt“, berichtet er. Von Menschen, die von seiner Krankheit wussten, wurde sogar schon ohne sein Wissen Alkohol in sein Getränk gegossen. „Eltern werden ihrer Vorbildfunktion für Kinder und Jugendliche nicht gerecht, wenn sie bei einem Spiel mit der Bierflasche am Spielfeldrand stehen“, betont Borowka. Mittlerweile hat er als Anlaufstelle für Betroffene einen Verein für Suchtprävention und -hilfe gegründet. Angehörigen und Freunden, die von Süchtigen, die meistens auf der Abwärtsspirale mitgenommen werden, rät er, die Betroffenen bei ihrem Weg aus der Sucht zu unterstützen, aber keine Verantwortung für ihr Tun zu übernehmen, denn, so Borowka; „Jeder ist für sich selbst verantwortlich und muss seinen eigenen Weg aus der Sucht finden.“

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