Rettungskräfte schildern ihre Erfahrungen mit Gaffern am Einsatzort

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Unfälle ziehen oft neugierige Blicke an. Doch wer in Gefahrensituationen die Einsatzkräfte behindert oder sogar angreift, der muss mit hohen Strafen rechnen.

Kierspe - Geschieht ein schwerer Unfall, dann zieht das oft neugierige Blicke an. Doch nicht immer bleibt es nur beim Zuschauen. Immer wieder werden Rettungskräfte am Unfallort behindert, angepöbelt oder sogar angegriffen. Auch in Kierspe gibt es solche Vorfälle.

Fallzahlen zu Übergriffen lägen der Polizei derzeit noch nicht vor, erklärt Pressesprecher Dietmar Boronowski. „Da die Vorfälle aber seit einiger Zeit wieder verstärkt auftreten und darüber berichtetet wird, verschließen auch die zuständigen Stellen nicht die Augen davor und werden sicher für die nächste Polizeiliche Kriminalitätsstatistik auch Zahlen dazu erheben.“

Grundsätzlich sei es bei Einsätzen schwieriger geworden, bestätigt Georg Würth, Leiter der Kiersper Feuerwehr. Die Menschen seien aggressiver. Handgreiflichkeiten habe es im Stadtgebiet gegenüber seinen Kollegen noch nicht gegeben, aber banale Sprüche gäbe es häufiger zu hören. „Anders als in Großstädten leben wir hier noch auf einer Insel der Glückseligkeit. Ich hoffe, das bleibt auch noch lange so. Zwar werden wir auch angemacht. Doch da versuchen wir drüber zu stehen“, sagt Würth. Einige Verkehrsteilnehmer reagieren, so zeigt es die Erfahrung des Wehrleiters, mit Unverständnis etwa auf Straßensperrungen bei Verkehrsunfällen. „Oft versuchen wir vernünftig zu erklären, warum wir die Fahrbahn sperren. Wir möchten die Bürger nicht dumm stehen lassen. Das nimmt bei vielen den Druck raus.“

Einsatzkräfte müssen manchmal mit Nachdruck agieren

Manchmal müsse man aber auch mit Nachdruck seine Anliegen durchsetzen und etwa einfach ein Einsatzfahrzeug quer über die Straße stellen, damit nicht doch Unbelehrbare versuchen, an der Unfallstelle vorbeizukommen. Seit 1. Januar dieses Jahres ist die Feuerwehr sogar befugt, Platzverweise gegen „Störenfriede“ zu erteilen. Von diesem Recht habe die heimische Wehr aber noch nicht Gebrauch machen müssen, sagt Würth.

Auch das Deutsche Rote Kreuz in Kierspe sei sich der Problematik bewusst, erklärt Jochen Reiffert, DRK-Notarzt und -Vorstandsvorsitzender. Zwar komme es noch eher selten zu Vorfällen, aber nachdem ein ehrenamtlicher Helfer bei einer Sanitätswache im Rahmen einer Veranstaltung angegangen wurde, habe man reagieren müssen. „Seitdem lassen wir uns von Veranstaltern vertraglich zusichern, dass unsere Kollegen von den zuständigen Sicherheitsleuten begleitet werden.“ Noch sei nichts schlimmeres passiert, doch in Fortbildungen versuche man die Rotkreuz-Helfer auf eventuelle Situationen vorzubereiten.

Fotos und Videos von Unfällen sind eine "Seuche"

Viel schlimmer als Rempeleien oder Beschimpfungen empfinden Würth und Reiffert das Fotografieren oder Filmen von Unfällen oder sogar von Opfern. Würth: „Das ist eine Seuche. Das lässt sich kaum verhindern. Zwar versuchen wir dann einen Sichtschutz aufzubauen. Doch das kostet Personal, das an anderer Stelle gebraucht wird.“ Das Verhalten dieser Gaffer werde nach Meinung des Wehrleiters auch durch die großen Medien gefördert. Sie wollen die Sensationslust ihrer Leser oder Zuschauer befriedigen und schaffen deshalb Anreize, damit die Bürger ihnen Bildmaterial liefern.

Diese „Gaffer-Kultur“ hat auch Reiffert häufiger beobachtet. „Hierbei handelt es sich oft um eine Übersprungshandlung, bei der die Menschen nicht wissen, was sie machen sollen und dann – um Zeit zu gewinnen – anfangen zu filmen anstatt zu helfen. Wenn man diese dann dabei stört, dann muss man vorsichtig sei, da sie in ihrer Unsicherheit auch aggressiv werden können. Doch ich habe wenig Verständnis dafür, wenn Retter angegriffen werden.“

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