Mildes Urteil: Bewährung nach sexuellem Missbrauch

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Der 77-jährige Kiersper erhält ein mildes Urteil: Zweieinhalb Jahre auf Bewährung nach schwerem Missbrauch an seinen Stiefenkelinnen.

Kierspe - Zwei Jahre Haft auf Bewährung – mit diesem extrem milden Urteil ging am Montag das Strafverfahren gegen einen 77-jährigen Kiersper zuende, der zwei Stiefenkelinnen sexuell missbraucht hatte.

Damit blieb die 1. große Jugendstrafkammer des Landgerichts Hagen weit unter dem bei schwerem sexuellen Missbrauch üblichen Strafmaß. „Man muss sagen, dass eine Strafe von zwei Jahren bei der Schwere der Tatvorwürfe eigentlich nicht möglich gewesen wäre“, sagte der Vorsitzende Richter Marcus Teich in seiner Urteilsbegründung.

Dass sich die Kammer dennoch „schweren Herzens“ auf eine solche Regelung einließ, lag vor allem an dem Verständigungswillen des mittlerweile volljährigen Opfers. Der jungen Frau lag offenbar weniger Rache als eine juristische Klärung am Herzen, um nicht weiterhin als Lügnerin dastehen zu müssen.

Durch das Geständnis des Angeklagten blieb ihr eine Aussage erspart. Davor hatte sie furchtbare Angst gehabt. Statt der Begegnung im Gerichtssaal traf sie sich mit dem Angeklagten in einer Anwaltskanzlei. Die Entschuldigung des 77-Jährigen war dabei offenbar sehr mühsam vorgetragen worden, eine ergänzende Entschädigung kann die seelischen Schmerzen sicherlich nicht lindern.

Tatopfer wollte "das Ganze" zuende bringen

Das Tatopfer habe aber deutlich zum Ausdruck gebracht, dass es „dieses Ganze“ endgültig zuende bringen wolle – offenbar ohne Knast für den Stiefopa. Nach einem kleinen Anlauf, den auch die Kammer als einen Versuch wertete, das Ganze wieder in Zweifel zu ziehen, entschuldigte sich der Angeklagte in seinem Letzten Wort.

Weiteres sprach nach dem ersten Schritt einer zweijährigen, also noch bewährungsfähigen Haftstrafe dafür, diese auch zur Bewährung auszusetzen: Das Geständnis des Angeklagten, sein bisher unbescholtener Lebenswandel, sein Alter und der Umstand, dass die Taten bis zu 19 Jahren zurückliegen.

Rechtsbeistand hält milde Strafe für vertretbar

Die Kammer würdigte auch, dass der Angeklagte seine schwerkranke Ehefrau pflege. Ralf Nebel, Rechtsbeistand der Hauptgeschädigten, schloss sich der Bewertung des Urteils als „relativ mild“ an. Es sei aber vertretbar: „Trotzdem bereitet mir dieses Ergebnis einige Bauchschmerzen.“

Der Anwalt erinnerte daran, dass die dem Urteil zugrunde liegenden Zahlen von achtfachem sexuellen Missbrauch und zweifachem schweren sexuellen Missbrauch vermutlich nur die Spitze eines Eisberges waren: Seine Mandantin habe im Ermittlungsverfahren von Zeiten berichtet, in denen es zu zwei bis drei Übergriffen gekommen sei. „Ihr wurde vermittelt, das sei völlig normal – so wie vielleicht das Abendessen.“

Der Angeklagte habe Glück gehabt, dass das Opfer zum Zeitpunkt der Verständigung schon volljährig gewesen sei. „Ihre Eltern waren nicht dafür, dass der Täter-Opfer-Ausgleich stattfindet.“

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