Dort stehen, wo kein Mensch zuvor war

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Bei einer Expedition in eine Höhle in Laos im vergangenen Jahr entstand diese Aufnahme von Stefan Voigt.

Kierspe - Wenn man mit Stefan Voigt über die Wildenkuhle, die neuentdeckte Kiersper Höhle spricht, dann hört man die Begeisterung in seiner Stimme. Der Ennepetaler hat in seinem Leben bereits so manche Höhle gesehen, hat rund 100 selbst entdeckt und auf der ganzen Welt die Unterwelt erkundet.

Umso erstaunlicher, dass ihn das Erdloch im Sauerland so begeistert. „Bis jetzt haben wir 250 Meter Höhlengänge erkundet und 200 davon bereits vermessen. An der Stelle, an der wir jetzt angekommen sind, gibt es einen derart starken Luftzug, wie ich ihn nur ganz selten in einer Höhle erlebt habe. Das gibt Hoffnung, das noch einiges vor uns liegt“, erklärt Stefan Voigt.

„Es handelt sich bereits jetzt um eine halbe Großhöhle“, versucht der Höhlenforscher dem Laien die Dimensionen näher zu bringen. Meist seien die Höhlen, die man entdecke, deutlich kleiner. Ab 500 Metern Gangsystem spreche man von einer Großhöhle, bringen die Gänge gar mehr als fünf Kilometer Strecke ist Riesenhöhle der richtige Begriff.

Mit einer solchen Riesenhöhle fing bei Voigt alles an. Denn die Kluterthöhle mit ihrem sechs Kilometer langen Gangsystem ist eine Riesenhöhle und liegt in der Heimatstadt des Forschers, der im Hauptberuf selbstständiger Landschaftsbauer ist.

Die fast durchsichtigen Speläotheme faszinieren die Höhlenforscher. Genauer erkundet werden diese erst nach dem Ende der Vermessung.

Mit seinen Eltern sei er durch Deutschland gereist, dabei habe man auch immer wieder Höhlen besichtigt. Voigt: „Diese haben mich so fasziniert, dass ich dort immer wieder hineinwollte.“ Mit 14 Jahren erkundet er mit einem Freund die Bismarckhöhle in seiner Heimatstadt – ganz alleine und ohne jede Erfahrung. Als das die Eltern hören, ist der Schreck groß. Sie überreden den Filius, sich im Verein „Arbeitskreis Kluterthöhle“ anzumelden. Damals kümmerte sich der Verein ausschließlich um die Riesenhöhle der Heimatstadt.

Das hat sich in den vergangenen Jahrzehnten und dem Vorsitz von Voigt grundlegend geändert. Mittlerweile betreut der Verein rund 200 Höhlen. „Dabei sind wir vom Land Nordrhein-Westfalen, dem Ennepe-Ruhr-Kreis, dem Oberbergischen Kreis, sowie von den Städten Ennepetal, Hagen, Schwelm, Wuppertal und Engelskirchen offiziell beauftragt, die Betreuung und Erforschung ganzer Karstgebiete und einzelner Höhlen durchzuführen. Zusätzlich bestehen viele Betreuungsverträge mit Firmen und Privatpersonen“, sagt Voigt.

Dazu kam es unter anderem, weil dem jungen Forscher die eine Höhle viel zu wenig war. Bereits kurz nachdem er dem Verein beigetreten war, erkundete er die Höhlen seiner Heimatstadt – und entdeckte eine Höhle in Hagen als erster. „Wenn man so etwas einmal erlebt hat, dort gestanden hat, wo noch kein Mensch zu vor war – das lässt einen nie wieder los“, erzählt Voigt.

Stefan Voigt ist von Jugend an begeisterter Höhlenforscher. 100 der unterirdischen Gebilde hat er in all den Jahren selbst entdeckt.

Nach der Bundeswehrzeit startet er mit einem Freund in einem umgebauten Nutzfahrzeug eine Abenteuerreise, die ihn unter anderem nach Syrien führt. „Dort glauben die Menschen, dass böse Geister in den Höhlen leben. Als wir in der Nähe von Rakka eine Höhle erkundeten und entgegen der Annahme der Einheimischen unbeschadet herauskamen, wurde ein Riesenfest gefeiert“, erinnert sich der Ennepetaler. Später folgten Erkundungen in Rumänien, Kambodscha, Italien und Oman. In den Wüstenstaat reiste er auf Einladung der Regierung. Diese plante die Errichtung einer Schauhöhle und suchte den Rat von Voigt.

Auf die Höhle in Kierspe wurde er vom Bodendenkmalamt aufmerksam gemacht, denen ein Erdfall gemeldet worden war. „Das war schon ein ziemlich gefährliches Loch, da hätte jederzeit von oben viel Lehm nachrutschen können.“

Diese Gefahr ist mittlerweile gebannt, so dass die Forscher nun ohne Bedenken ein- und aussteigen können. Rund 50 Meter können an einem Tag mit drei Leuten vermessen werden, vorausgesetzt es muss nichts freigegraben werden. „Dabei beseitigen wir nur den Lehm und lose Steine. Höchstens eine Felsnase wird mal mit dem Elektromeisel abgetragen, wenn klar ist, dass es dahinter noch weitergeht. Aber irgendwann einmal hat jede Höhle ein Ende“, sagt der Ennepetaler.

Auch in der Wildenkuhle gibt es schöne Überraschungen.

Wann dieses Ende in der Wildenkuhle erreicht ist, weiß er nicht. Doch der Hoffnung einiger Kiersper, dass diese Höhle eine Verbindung zum Hülloch hat, erteilt er eine Absage: „Das wäre schon ein Sechser im Lotto. Die Entfernung zwischen den Höhleneingängen ist schon sehr groß.“ Zur Verdeutlichung erklärt er, dass das Sechs-Kilometer-Gangsystem der Kluterthöhle auf einer Grundfläche von 450 mal 250 Metern liege.

Doch auch wenn das Gangsystem der Wildenkuhle irgendwann einmal ein Ende findet und alles vermessen ist, endet die Arbeit der Forscher noch nicht. „Dann erkunden wir das Gestein, das dort extrem unrein ist, die Tierwelt und die Tropfsteine.“ Der Hoffnung, dass irgendwann einmal Besucher in die Höhle gelangen können, erteilt Voigt eine Absage: „Dazu ist es dort unten viel zu eng.“ Hoffnung macht er dagegen den Grundstückinteressenten, die auf dem Gelände bauen möchten: „Da sehe ich keine Probleme. Überall wird auf Karstgestein gebaut. Und nach unserer Vermessung ist der Gangverlauf und der Abstand zur Oberfläche ja auch bekannt.“

Der Höhleneingang selbst wird auch weiterhin dem Grundstückseigentümer, mit dem der „Arbeitskreis Kluterthöhle“ einen Vertrag hat, gehören. Voigt: „Das Stück gibt er auch nicht her. Denn wer hat auch schon eine Höhle auf dem eigenen Grundstück?!“

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