Selbst Rekordhalter setzt Kunden nicht unter Strom

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Karl-Friedrich Bengelsträter ist begeistert von dem Elektroauto Leaf, doch die Kunden wollen sich davon nicht so recht anstecken lassen. Daran ändert auch die Prämie von Bund und Hersteller nichts.

Rönsahl - Das erfolgreichste Elektroauto der Welt kommt weder aus den USA noch aus Deutschland. Erdacht und gebaut wird der Wagen in Japan bei Nissan. Leaf nennt sich das Modell, das in seiner neusten Variante stolze 250 Kilometer Reichweite hat und damit gleich einen weiteren Rekord aufstellt. Die höchste Reichweite aller nicht geförderten Elektroautos. Doch diese Förderung, die es seit einigen Monaten gibt, hat keinen Boom ausgelöst – auch nicht in Rönsahl, wo die Firma Bengelsträter das Auto im Sortiment hat.

Eigentlich müsste Karl-Friedrich Bengelsträter jedem potenziellen Kunden das Auto ausreden. Denn an ein Nachfolgegeschäft in der Werkstatt ist nicht zu denken. „Einmal im Jahr überprüfen wir Bremsen und Klimaanlage, außerdem tauschen wir den Pollenfilter. Das war’s“, erklärt Bengelsträter. Doch wer ihm zuhört, ist überrascht. Der Autoprofi schwärmt geradezu von dem elektrisch angetriebenen Wagen, berichtet begeistert von dem entschleunigten Fahren, den niedrigen Kosten pro Kilometer und der Ruhe hinter dem Steuer.

Doch all das und auch der Wagen, der für Probefahrten an der werkseigenen Stromtankstelle steht, haben sich genauso wenig auf den Verkauf ausgewirkt wie der Zuschuss von 5000 Euro (2000 Euro gibt’s vom Staat, weitere 3000 zahlt Nissan). „Gerade einmal drei Autos habe ich auf die Straße gebracht“, sagt Bengelsträter und verschweigt auch nicht, dass eines der drei sein Vorführwagen ist. Einer der beiden anderen Kunden sei ein Berufspendler, dessen Firma die Stromkosten übernimmt und den Mitarbeiter gratis laden lasse, der andere sei ein Rentner, der sich auskenne, wie kaum ein zweiter, zumindest wenn es ums elektrische Fahren gehe.

Es sei die Reichweite, die die Kunden schrecke, sagt Bengelsträter. Doch dieses Argument will er nicht gelten lassen. „Die angegebenen 250 Kilometer sind auch die, die tatsächlich zur Verfügung stehen. Und im Winter wenn es kalt ist, kommt man mit dem Wagen immer noch gut 200 Kilometer weit. Wer fährt schon weiter im täglichen Gebrauch?“, fragt Bengelsträter. Unterwegs könne man ja auch noch nachtanken, schließlich gebe es Milliarden von Steckdosen in Deutschland.

Rund sechs bis acht Stunden dauert das Tanken mit dem Leaf an einer Haushaltssteckdose – an einer Schnellladesäule sind es gerade einmal 30 Minuten. Mithilfe des Navigationssystems, in dem alle Ladestationen zu finden sind, lässt sich die Route also ohne lange Stopps planen. Bengelsträter: „Außerdem darf jeder, der ein Elektroauto fährt, bei einem Nissan-Händler an die Ladesäule – egal welches Fabrikat er besitzt.“

Wer länger mit dem Verkäufer über das Auto spricht, sollte Zeit mitbringen, denn ohne Probefahrt führt kaum ein Weg wieder vom Hof. In dem Wagen beschreibt er dann noch einmal die Vorzüge, die der Kunde meist aber auch schnell selbst erkennt. Bengelsträter animiert den Kunden, kleine Bäumchen zu bauen. Die wachsen im Display bei besonders energiesparender Fahrweise. „Ich habe schon mal fünf geschafft“, erklärt der Rönsahler stolz.

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