Anne und Nikolaus Schneider: Die schwerste Zeit ihres Lebens

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Der frühere Präses der Evangelischen Kirche in Deutschland Nikolaus Schneider und seine Frau Anne berichteten über die schwerste Zeit ihres Lebens.

Kierspe - Auf Einladung der Kiersper Selbsthilfegruppe "Leben ohne dich" sprachen Nikolaus Schneider, der frühere Präses der EKD, und seine Frau Anne in der Margarethenkirche über etwas, das allen Eltern unter die Haut geht.

Es war still in der Margarethenkirche, als Sabine Langenbach die Podiumsdiskussion mit Anne und Nikolaus Schneider begann. Wie es den beiden jetzt gehe, elf Jahre nach dem Tod ihrer Tochter, wollte die Radio-MK-Moderatorin wissen. Meike Schneider starb 2005 an Leukämie – im Alter von 22 Jahren.

Mit dem Tod eines Kindes gerät das Leben aus den Fugen und wird nie wieder so, wie es einmal war. Anrührend und sehr persönlich erzählten Schneider und seine Frau von der wohl schwersten Zeit ihres Lebens, von der Krebsdiagnose bis zum Tod ihres Kindes.

Während dieser Zeit habe sie lange nicht mehr beten können, sagte Religionslehrerin Anne Schneider. „Welchen Sinn hat beten, wenn Gott offensichtlich nicht vorhat, meinen größten Wunsch zu erfüllen?“ Sie habe zwar nie an der Existenz Gottes und seiner Allmacht gezweifelt, wohl aber an seiner Güte.

Moderatorin Sabine Langenbach (Radio MK).

Auch ihr Mann hatte keine Antwort. Er glaube an die Auferstehung und daran, dass er seine Tochter eines Tages wiedersehen werde, sagte Schneider. Ihren Tod aber habe er als gewaltsam erlebt: „Sie wollte leben.“

„Welchen Wert der Glaube hat angesichts von Schicksalsschlägen?“, lautete eine weitere Frage an diesem Abend. „Der Glaube ist keine Garantie für Glück“, stellte Anne Schneider klar. Wer von Gott Glück erwarte, werde enttäuscht werden. „So ein Glaube trägt nicht.“

Im Laufe der Zeit stellte sich bei den Eltern ein anderes Gefühl ein, das der Dankbarkeit. Sie empfanden es als Resultat der Trauer. Ohnehin sei die Fähigkeit zu trauern ja auch ein Zeichen von Lebendigkeit und Liebe. „Trauer ist ein Band der Liebe. Solange wir trauern, solange lieben wir.“

Anne und Nikolaus Schneider gaben sich gegenseitig Trost und Halt, ihre Ehe hatte der Belastung stand gehalten. Selbstverständlich ist das nicht. Er habe großes Verständnis für Paare, die ihren Schmerz nicht teilen könnten und dadurch einander fremd würden, sagte Nikolaus Schneider.

Uwe Crone von der Selbsthilfegruppe „Leben ohne Dich.

Die beiden leben ihre Trauer öffentlich. Sie schrieben gemeinsam zwei Bücher, auf zahllosen Lesungen und Veranstaltungen sprechen sie sowohl mit Medien als auch mit Betroffenen.

Ihre beiden älteren Töchter lehnen diese Form der Schmerzbewältigung ab, sagten sie auf Nachfrage aus dem Publikum. Und: „Sie haben recht, die Geschwister kommen zu kurz.“ Auch bei Familie Schneider hatte sich in der Zeit von Meikes Krankheit alle Kraft der Eltern auf das kranke Kind konzentriert.

Das Modell der verschiedenen Phasen von Trauer lehnt Nikolaus Schneider ab: „Es suggeriert einen Anfang und ein Ende. Aber so ist das nicht.“ Seine Trauer verlaufe eher in Wellen, „es gibt helle und dunkle Farben.“

Die Veranstalter hatten eine Wohnzimmer-Atmosphäre simuliert und im Altarraum zwei rote Sofas aufgestellt. In Verbindung mit dem sehr persönlichen Gespräch, behutsam gelenkt durch die Moderatorin, fanden auch mehrere Zuhörer den Mut nachzufragen.

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