Wohngruppe: Hier ist Integration mehr als ein Wort

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Einen Vormittag alleine in der Wohngruppe, das kommt selten vor. Doch Mahmoud hatte an diesem Tag seine Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hatte, genießt die Ruhe im Haus mit seinem Betreuer bei einem Kartenspiel.

Kierspe - Wenn Mahmoud die Haustür aufschließt, dann sind die Räume dahinter das, was einem Zuhause am nächsten kommt. Sein eigentliches Zuhause, seine Eltern und seine Geschwister hat der 15-Jährige vor mehr als einem Jahr hinter sich gelassen, auf der Suche nach einem Leben jenseits von Tod, Leid und Krieg.

Der junge Syrer ist einer von derzeit sieben Bewohnern der Sieben-Tage-Wohngruppe in Kierspe. Hätte die evangelische Jugendhilfe Iserlohn-Hagen ihr ursprüngliches Konzept für die Wohngruppe in der Volmestadt umsetzen können, hätte Mahmoud (Name von der Redaktion geändert) sie wohl nie kennengelernt. Denn als die Wohngruppe im Ortsteil Bahnhof vor drei Jahren eröffnet wurde, sollte sie den jugendlichen Bewohnern eigentlich nur an fünf Tagen in der Woche offen stehen, die Wochenenden sollten die Kinder in ihren Familien verbringen.

Innerhalb der Woche sollten die pädagogischen Mitarbeiter der Wohngruppe dann nicht nur für die jungen Bewohner zwischen sechs und 18 Jahren zur Verfügung stehen, sondern auch mit den Familien arbeiten. Aufgrund eines großen Einzugsgebietes im Märkischen und Oberbergischen Kreis und zu geringer Nachfragen für dieses Angebot, entschloss sich die Evangelische Jugendhilfe Iserlohn-Hagen zu einer Konzeptveränderung und stellte von fünf auf sieben Tage um.

Gudrun Limberg leitet die Wohngruppe in Kierspe.

Kaum war der Wechsel vollzogen und die neuen Dienstpläne geschrieben, kamen auch schon die ersten drei unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge (siehe Info-Kasten unten) im Alter von 14, 15 und 16 Jahren. Ein Jahr ist das her. Heute wohnen zwei Jungen aus Syrien noch in der Wohngruppe, dazu derzeit fünf weitere Kinder, von denen nach wie vor vier die Wochenenden in ihren Familien verbringen.

„Gerade durch die Flüchtlinge, aber auch durch die anderen Bewohner, die hier dauerhaft leben, haben wir einen ganz anderen Auftrag zusätzlich bekommen. Denn diesen Bewohnern müssen wir ein Zuhause bieten“, erzählt Gudrun Limberg, die Leiterin der Sieben-Tage-Wohngruppe.

Vor allem in der Anfangszeit, als die Syrer gerade angekommen waren, mussten Sprachschwierigkeiten überwunden und auch kulturelle Grenzen überschritten werden. Doch auch für die anderen Kinder und Jugendlichen in der Wohngruppe gilt es am Anfang, sich zu integrieren. „Natürlich müssen alle im Haushalt mithelfen, an den Wochenenden kochen wir auch gemeinsam und ein Teil der Freizeitgestaltung findet ebenfalls in der Gruppe statt. Gerade die Älteren nutzen auch gerne ihr Fun-Ticket und fahren mit Bussen und Bahnen zu ihren Freunden in anderen Städten, doch vor allem am Wochenende unternehmen wir auch gemeinsam etwas“, sagt Limberg.

Ziel sei es schließlich, so nah wie möglich an ein Familienleben heranzukommen. Dazu gehöre auch, dass die jungen Bewohner bei Freunden außerhalb der Gruppe übernachten könnten – oder diese in der Einrichtung in Kierspe. Limberg: „Ein Kind wollte unbedingt mal ein Heimspiel von Bayer Leverkusen besuchen, das hat dann ein Erzieher möglich gemacht. Wenn Geburtststage gefeiert werden, sind auch möglichst immer die Eltern eingeladen, „denn wir wollen zu diesen nicht in Konkurrenz treten, sondern sie bei dem Miteinander unterstützen.“

Überforderung, Schulprobleme, psychische Probleme

Vielfältige Gründe für Unterbringung Als Ursache, die zu einer Unterbringung in der Wohngruppe führt, nennt Limberg in erster Linie Trennungsprobleme. Aber auch Überforderung, Schulprobleme, psychische Probleme oder ein fehlender geregelter Tagesablauf könnten zu der Entscheidung des Jugendamtes führen.

„Trotz der unterschiedlichen Herkunft, der großen Spannbreite beim Alter der Bewohner und der unterschiedlichen kulturellen Hintergründe leben wir hier ein gutes Miteinander. Vor allem als die Flüchtlinge in die Gruppe kamen, zeigte sich das starke Interesse der bisherigen Bewohner an dem Schicksal der jungen Syrer und des Afghanen, der damals noch bei uns wohnte“, freut sich Limberg.

Mahmoud, der an diesem Morgen der einzige Jugendliche ist, da er eine Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hatte, bestätigt das aus ganzem Herzen. Für ihn ist das Haus in Kierspe längst ein Stück Heimat – und die Betreuer viel mehr als nur professionelle Ansprechpartner.

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