Verfall des Milchpreises: Das dicke Ende für die heimischen Bauern

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Während sich die Einzelhandelsketten mit Tiefstpreisen unterbieten, kommt für die heimischen Milcherzeuger das dicke Ende erst noch. Der Kiersper Bauernvorsitzende Reiner Grafe befürchtet ein großes Sterben der Landwirtschaftsbetriebe.

Kierspe - Binnen weniger Wochen ist der Preis für einen Liter Milch um weitere 30 Prozent gefallen und liegt damit auf einem Rekordtief. Auch die heimischen Bauern bekommen den Preisdruck zu spüren.

Dies erklärt Reiner Grafe, der als Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Ortsverbandes 17 Vollerwerbsbetriebe in Kierspe vertritt.

Herr Grafe, in manchen Regionen bekommen die Bauern für einen Liter Frischmilch nur noch rund 19 Cent? Wie viel bekommen die Kiersper Landwirte derzeit für ihr Produkt? 

Das ist abhängig von den Molkereien. Die Kiersper Bauern beliefern zwei Betriebe, die derzeit noch zwischen 23 und 24 Cent pro Liter bezahlen. Im Norden Deutschlands gibt hingegen nur noch rund 20 Cent.

Ist dieser Preis für Sie und Ihre Kollegen noch rentabel? 

Nein, er ist derzeit absolut nicht rentabel. Viele Betriebe versuchen das Defizit über die Menge auszugleichen. Aber es ist einfach zuviel Milch auf dem Markt. In Deutschland liegen wir noch mit fünf Prozent drüber, aber zum Beispiel in Holland liegt die Überproduktion bereits bei 20 Prozent. Zudem versuchen die Einzelhändler auf dem globalen Markt den Preis zu drücken und der Export für Milch läuft wegen des Russland-Embargos und der schwächelnden Wirtschaft in China schlecht. Außerdem haben die Schwellenländer wegen des niedrigen Ölpreises wenig Geld für Milchprodukte.

Wo müsste der Preis liegen, damit die Bauern wieder von der Milchproduktion leben können? 

Wir bräuchten einen Literpreis von 35 Cent, um Nachhaltigkeit erzeugen zu können. Derzeit schieben viele Landwirte Investitionen in modernere Maschinen vor sich her und versuchen über Arbeitskraft die Verluste abzufangen. Alleine auf meinem Hof fehlen bei 100 Kühen zwischen 8000 und 10 000 Euro Umsatz pro Monat. Die Bauern leben von ihrer Substanz. Es ist traurig aber wahr, dass sie jetzt Land und Wälder verkaufen müssen.

Bundesagrarminister Christian Schmidt (CSU) schlug vor, Ende des Monats auf einem „Milchgipfel“ mit der Politik, den Molkereien, Bauern und Einzelhändlern das Gespräch zu suchen. Was bringt so ein Treffen?

Nicht viel. Der Einzelhandel hat kein Interesse an niedrigeren Preisen. Teilweise kostet ein Becher Joghurt 19 Cent, die Ketten wollen sich bei den Preisen unterbieten. Auch der Konsument wird fast immer zum billigeren Produkt greifen, da Lebensmittel für ihn keinen Wert mehr haben. Das ist ruinös.

Der Minister schlug in der Debatte um den Milchpreis vor, mit Soforthilfen in Höhe von 60 bis 100 Millionen Euro die Landwirte zu unterstützen. Hilft das den Bauern wirklich? 

Nein. Da es sich bei den Subventionen schlichtweg um Kredite handelt, ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Bauern müssen es ja später zurück zahlen.

Was könnte den Landwirten Ihrer Meinung nach helfen? 

Die einzige echte Hilfe wäre, wenn der Milchpreis wieder steigen würde. Aber die „Geiz-ist-geil-Mentalität“ ist mittlerweile weit verbreitet. Die Deutschen geben im Vergleich etwa zu Frankreich oder den skandinavischen Ländern am wenigsten für Lebensmittel aus. Diese Haltung wird vom Einzelhandel noch unterstützt. Die großen Ketten können machen, was sie wollen. Da hat auch eine regionale Vermarktung keine Chance.

Wie sehen Sie die Perspektiven für die heimischen Milcherzeuger? Können strengere Marktregeln und ein von Schmidt vorgeschlagener Segmentwechsel etwas bewirken? 

Ich sehe die Situation für uns eher negativ. Es hat nichts mit der Größe der Betriebe zu tun. Es geht uns allen an den Kragen. Die Produktionsstätten im Kreis sind „gehandicapt“. Bei uns stehen immer noch 50 Prozent der Kühe auf der Weide. Wir haben nicht die Möglichkeiten wie im Münsterland oder in der Kölner Bucht. Zudem ist beispielsweise die Direktvermarktung an hohe Auflagen gebunden. Das kann nicht jeder machen. Strengere Marktregeln funktionieren nur global. Ich befürchte ein großes Sterben der regionalen Landwirtschaftsbetriebe.

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