Jazz aus dem Gesangbuch

Das Publikum war begeistert von diesem stimmungsvollen Abend in der Margaretenkirche. Tosender Applaus zum Abschluss war der Lohn für die Musiker, denn die Einnahmen wurden gespendet.

Kierspe - Pfingsten ist das Fest des Geistes, der bekanntlich weht, wo er will. Und das Fest der urplötzlich verstandenen Fremdsprache. Ganz in diesem Sinn brachte die heimische Jazz-Formation Elfland am Vorabend des Pfingstsonntags nur scheinbar weit entfernte Sprachen der Musik in einen fruchtbaren Dialog.

„Choräle aus dem evangelischen Gesangbuch für Jazzband arrangiert“ lautete der Titel des Konzertes in der Margarethenkirche, das Fritz Schmid (Saxophone), Thomas Wurth (Trompete), Christoph Steiner (Gitarre), Max Jalaly (Kontrabass), Guido Schlösser (Piano) und Oliver Ilgner (Schlagzeug) bestritten.

Die Anordnung der Choräle folgte dem Lauf des Kirchenjahrs – mit einer Ausnahme: Es bot sich an, am Anfang jene Kraft anzurufen, die das universelle Verstehen in die Welt bringt: „Komm, Heiliger Geist, erfüll die Herzen deiner Gläubigen und entzünd in ihnen das Feuer deiner göttlichen Liebe“, heißt es im Lied Nummer 156 des evangelischen Gesangbuches. Weiter ging es dann mitten im Mai mit Adventsliedern, da das Kirchenjahr bekanntlich mit dem 1. Advent beginnt: „Nun komm der Heiden Heiland“. „Die Nacht ist vorgedrungen“ wurde zum ersten Knaller des Abends auf der Grundlage eines mitreißenden Fünf-Viertel-Taktes frei nach Dave Brubecks „Take Five“. In melodischer Hinsicht wunderbares Material lieferte „O Come, o come Emmanuel“ – auf Deutsch: „O komm, o komm, du Morgenstern“.

Fritz Schmid spottete sanft über die englischen Methodisten, die das Lied als ihr eigenes ausgaben, anstatt ehrlich zuzugeben, dass sie eine uralte Melodie aus dem Frankreich des 15. Jahrhunderts in ein neues englisches Gewand gesteckt hatten.

Wer mochte, konnte nicht nur bei diesem Lied auf der Grundlage des Gesangsbuchs leise mitsingen, solange die Band die vertraute Melodie spielte und die Solisten noch nicht zu munteren Improvisationen abhoben. So auch bei „Korn, das in die Erde“ (Nr. 98), ein besinnliches Lied der Passionszeit, dessen Botschaft allerdings in der sehr flotten Jazz-Bearbeitung ein wenig unterging. Dass sich Jazz und christliche Choräle grundsätzlich aber erstaunlich gut vertrugen, erklärte das Programm: „Jazzmusiker müssen für ihre Improvisationen die Kirchenmusikarten kennen, in denen die traditionellen Choräle komponiert sind.“

Und so ging es munter weiter durch das Kirchenjahr mit Ostern („Christ ist erstanden“) zweimal Pfingsten („Komm Heiliger Geist“, Nr. 125 und „Komm, Gott Schöpfer“, Nr. 126) und dem Lobpreis auf den Herren, den mächtigen König (Nr. 317), das sich aufgrund großer Vertrautheit ebenfalls gut mitsingen ließ. Neben den Liedern des Kirchengesangbuches und weiteren vertrauten liturgischen Stücken spielte Elfland das Spiritual „Joshua fit the Battle of Jericho“ und eine Eigenkomposition von Oliver Ilgner, die dieser seiner Tochter gewidmet hatte: „Emma, die Entdeckerin“.

Natürlich versammelten sich die Scheine nach einem derart schönen Abend in den bereitgestellten Körben, deren Inhalt für die Flüchtlingsarbeit in Kierspe bestimmt war. Karin Schmid-Essing vom Verein „Menschen helfen“ rief zu weiterer Hilfe für die Flüchtlinge auf: „Es wäre gut, wenn mehr Kiersper sagen würden ‚Ich kann noch eine Familie betreuen’.“ Dass derzeit erheblich weniger Flüchtlinge kämen, bedeute keine Entwarnung und sei lediglich das Ergebnis der großen Politik. Schmid-Essing kritisierte in diesem Zusammenhang auch die durch Intoleranz und handfeste Gewalt vergiftete Atmosphäre in Deutschland.

Von Thomas Krumm

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