Opfern bleibt Aussage erspart

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Vor dem Landgericht Hagen wurde am Freitag der Prozess gegen den 77-Jährigen fortgesetzt.

Kierspe - Der Prozess gegen einen 77-jährigen Kiersper wegen sexuellen Missbrauchs vor dem Landgericht Hagen wurde am Freitag fortgesetzt. Die beiden Geschädigten müssen nicht vor Gericht aussagen.

Ein urologisches Gutachten und die Prostataprobleme des Angeklagten nahm die 1. große Jugendstrafkammer des Landgerichts zur Kenntnis. Nach dem Verzicht auf die Vernehmung der beiden Geschädigten wurden die Protokolle ihrer Aussagen bei der Polizei aus dem Jahr 2013 verlesen. Während die Jüngere detailliert das ganze Grauen eines jahrelangen sexuellen Missbrauchs schilderte, berichtete die Ältere von ihrer Widerständigkeit gegenüber den Avancen des Stiefopas. Sie hatte sich im Alter von etwa sechs Jahren zu wehren gewusst: „Ich konnte damit nichts anfangen, aber ich wusste, dass das falsch war.“

Familie nahm Hinweise nicht ernst

Es blieb deshalb bei einem einzigen Ereignis, bei dem der Angeklagte sie „umfassend“ angefasst habe. Das Kind fand sogar Wege, sein Unbehagen gegenüber der Familie zu äußern. Doch ihr Hinweis, dass der Opa „ein böser Opa“ sei, wurde sanktioniert. Das Kind hielt auch dann noch Stand, als die Familie von ihm eine Entschuldigung verlangte. „Ich habe ihm deutlich gemacht, dass er kein guter Mensch war, was aber nicht jeder gemerkt hat“, erinnerte sich die Zeugin bei der Polizei.

Wäre die Familie damals schon den Hinweisen des Kindes nachgegangen, so hätte sie sich viel Leid ersparen können. Stattdessen bekam der Angeklagte die Gelegenheit, es bei der kleineren Schwester erneut und mit mehr „Erfolg“ zu versuchen: „Ich glaube, der hat bei meiner Schwester so früh angefangen, weil er wusste, dass er sie besser manipulieren kann“, gab die Ältere zu Protokoll und erinnerte sich an ihre Gedanken, als sie – viel später - von den Übergriffen auf ihre Schwester erfuhr: „Ich war nicht überrascht, ich wusste ja, wozu er fähig ist.“

Angeklagter spricht zum ersten Mal länger

Der – bisher unbestrafte – Angeklagte sprach am Freitag zum ersten Mal etwas länger – allerdings nur, um seinen Lebenslauf zu schildern. Als Spross von Ostpreußen, die es in die Ukraine verschlagen hatte, wurde er 1938 in der Nähe von Kiew geboren und kam 1992 als Russlanddeutscher nach Deutschland, wo er 1998 „nach 45 Versicherungsjahren“ in Ruhestand ging.

Der Vorsitzende Richter Marcus Teich stellte ein Ende des bleiern auf allen Beteiligten liegenden Verfahrens für den 10. Oktober in Aussicht. Nach den Plädoyers soll an diesem Tag dann auch voraussichtlich das Urteil gesprochen werden.

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