Der Wunsch nach Sicherheit und einem Familienleben in Kierspe

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Elona und Dashnor Malecka haben Angst vor der Ausweisung. Sie wünschen sich für ihre dreijährige Tochter einen Ort, an dem diese ohne Armut aufwachsen kann.

Kierspe - Genau ein Jahr lebt die Familie Malecka mittlerweile in Kierspe. Doch ein Grund zum Feiern ist das nicht.

Weder für den deutschen Staat, der so schnell wie möglich alle Albaner loswerden möchte und ihnen vorhält, Wirtschaftsflüchtlinge zu sein und deshalb keinen Schutzstatus zu „genießen“, noch für die Familie, die kaum dass die ein bisschen Sicherheit und soziale Wärme gefunden hat, nun täglich mit dem Ausweisungsbescheid rechnet.

Es sind keine Bomben auf das Dorf von Dashnor Malecka gefallen. Weder er noch seine Frau Elona oder Töchterchen Leandora gehören einer verfolgten ethnischen Minderheit an und auch aus religiösen Gründen mussten sie nicht das Land verlassen. Sie wollten schlicht der Armut entfliehen und ein besseres Leben haben – irgendwo auf der Welt.

Doch weder der griechische, noch der italienische und wohl auch nicht der deutsche Staat wollen den drei Menschen die Chance auf ein besseres Leben geben. Gerade einmal acht Jahre hatte Dashnor Malecka die Schule besucht, als für ihn aufgrund des Geldmangels in seiner Familie jede Chance auf weitere Bildung ein Ende fand. 1993, der Albaner war gerade 16 Jahre alt, beschloss Malecka nach Griechenland zu gehen, um dort Arbeit zu suchen.

Als Schwarzarbeiter Geld für ein paar Monate verdient

Diese fand er auch in der Landwirtschaft. Als Schwarzarbeiter baute er Tabak an und erntete diesen. „Arbeit gab es immer nur für ein paar Monate“, erzählt er. Doch das Geld reichte, um in der Fremde zu leben – und die Monate ohne Arbeit im Heimatdorf in Albanien abwarten zu können. Er konnte sich sogar öffentliche Verkehrsmittel leisten und musste nicht mehr zu Fuß gehen, wie bei seiner ersten Einwanderung in Hellas.

Vier Versuche, um Italien zu erreichen Fünf Jahre „pendelte“ er so zwischen den Ländern, bis seine Eltern schwer erkrankten und er diese pflegen musste. „Ein Leben in Albanien ist kaum möglich, wenn man keine gute Ausbildung hat – und im Staatsdienst findet man nur Arbeit, wenn man dort sehr gute Beziehungen hat“, schildert es der heute 38-Jährige.

Nach einem Jahr in der Heimat und nachdem alle Finanzreserven aufgebraucht waren, ging es erneut in die Fremde. Vier Versuche benötigte er, um mit dem Schlauchboot nach Italien zu kommen, dreimal waren die Flüchtlinge an der Küste aufgegriffen und zurückgeschickt worden. Als es dann klappte, fand der Emigrant wieder Arbeit in der Landwirtschaft. Wieder pflanzte und erntete er Tabak, später auch Gemüse. Immer, wenn es nichts zu tun gab, kehrte er in seine Heimat zurück. Bei einem dieser Aufenthalte lernte er Elona kennen und lieben.

Gesundheitliche Probleme zwingen zur Rückkehr nach Albanien

Doch in den kommenden Jahren sollte sich das junge Paar nur einmal im Jahr sehen, denn immer zu Weihnachten kam der Albaner in sein Dorf, verlebte ein paar glückliche Wochen mit seiner Frau, die er nach sechs Monaten gemeinsamer Beziehung heiratete. In der Nähe von Neapel, wo der Albaner arbeitete, bekam er gerade einmal 45 Euro für die elf Stunden Arbeit, die er jeden Tag ableistete. Die Sehnsucht nach seiner Frau war so groß, dass die beiden sogar von dem kärglichen Lohn eine kleine Wohnung in Italien bezogen, um zusammensein zu können.

Doch lange ging das nicht gut. Malecka: „Es gab immer weniger Arbeit für immer weniger Geld.“ Als dann auch noch gesundheitliche Probleme dazu kamen, blieb nichts als die Rückkehr nach Albanien. Ein plötzlicher, fast vollständiger Verschluss einer Arterie im Unterschenkel machte eine Operation notwendig. Das Geld erbettelte sich der Albaner bei Verwandten und Freunden – und verbrauchte seine letzten eigenen Ersparnisse. In einem deutschen Krankenhaus in Tirana gelang der mehrere Tausend Euro teure Eingriff.

Nach der Genesung, aber ohne Perspektive im eigenen Land – der Durchschnittslohn als Hilfsarbeiter liegt bei 280 Euro – reifte der Entschluss, wieder ins Ausland zu gehen. Im Vergleich zu manch anderer Flucht, erscheint die Reise nach Deutschland fast unspektakulär. Mit dem gerade einmal zwei Jahre alten Töchterchen Leandra ging es mit der Fähre nach Italien und dann mit dem Bus bis Dortmund. Nach der Registrierung als Asylantragsteller ging es über Unna und Hemer nach Kierspe, wo die beiden am 13. Juli des vergangenen Jahres ankamen.

Hilfe vom und für den Arbeitskreis

In der Volmestadt konnten die drei in eine Wohnung des Bauvereins ziehen, die von dem Arbeitskreis Flüchtlinge eingerichtet wurde. Dort wurden und werden sie von Karin Schmid-Essing betreut, die sich mit dem Paar auf italienisch unterhalten kann, denn einen Deutschkurs bezahlt die Arbeitsagentur nicht für Albaner – zu gering die „Bleibeperspektive“. Ein bisschen hat er die Sprache dann in einem der von Ehrenamtlichen angebotenen Kurse des Arbeitskreises Flüchtlinge gelernt.

Ohne Chance auf eine Arbeitserlaubnis war die Familie zur Untätigkeit verdammt, keine gute Erfahrung für den 38-Jährigen, der sich seine Anerkennung immer nur mit körperlicher Arbeit verdiente. So half er mit, den Eingang zum sozialen Bürgerzentrum zu pflastern, half beim Arbeitskreis Flüchtlinge bei Möbeltransporten und auch beim Einrichten der Wohnungen für andere Geflüchtete.

Kaum Hoffnung auf ein Bleiberecht

In der vergangenen Woche hatte die Familie ihre Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Malecka: „Dort hat man mir bereits gesagt, dass ich keine Chance auf Asyl habe“, erzählt der 38-Jährige. Nun geht jeden Tag die Angst zum Briefkasten mit. Ist die Aufforderung zur Ausreise erst mal da, dann muss die Familie sich entscheiden, nutzt sie die Rückkehrhilfen des deutschen Staates oder verhält sie sich still und wird dann wohl bald zwangsausgewiesen.

Eines weiß Malecka genau: „Muss ich nach Albanien zurückkehren, muss ich das Land auch wieder verlassen, um mich im Ausland als Illegaler und Schwarzarbeiter zu verdingen.“ Doch dann wird er sich von Frau und Tochter trennen müssen. Denn auf einem Hof in Italien oder Griechenland wird kein Platz für alle sein. Dort ist es für einen schon schwierig, den Behörden aus dem Weg zu gehen und trotzdem Arbeit zu finden.

Doch einen kleinen Hoffnungsschimmer gibt es noch. Schmid-Essing: „Wenn er es schafft, einen Arbeitsvertrag zu bekommen und damit nachweisen kann, dass er sich und seine Familie versorgen kann, dann gibt es eine kleine Chance, dass er hierbleiben kann.“ Und Malecka ergänzt: „Ich möchte arbeiten und mit meiner Familie und den Freunden, die ich hier in Kierspe gefunden habe, zusammenleben.“ Doch diesem kleinen Glück wird wohl ein amtliches Schreiben im Wege stehen, das jeden Tag im Briefkasten stecken kann.

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