Wenn das Erreichte nicht reicht: Wegebau wird zur Chance

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Freuen sich über die gelungene Weiterbildung: Hans Dieter Storzer, Geschäftsführer bei Schröder Kunststofftechnik, „Umschüler“ Patrick Zlotosch, Regina Linek vom Arbeitgeberservice der Arbeitsagentur, und Lena Draxler Pressesprecherin der Agentur (von links).

Kierspe - Lebens- und Arbeitswege sind immer seltener gradlinig. Es gibt kaum noch einen Mitarbeiter, der im erlernten Beruf ein ganzes Arbeitsleben tätig ist – so auch Patrick Zlotosch. Der 30-Jährige hatte ursprünglich Metzger gelernt und ist seit wenigen Tagen Verfahrensmechaniker.

Dass er sich die „Umschulung“ überhaupt leisten konnte, verdankte er seinem Ehrgeiz, einem Arbeitgeber mit Weitblick und einem maßgeschneiderten Programm der Arbeitsagentur. „Es ist nicht alltäglich, dass ein Mitarbeiter mit der Bitte, sich weiterbilden zu können, auf die Geschäftsleitung zukommt. Doch wir sind da sehr offen und gerne bereit, die Mitarbeiter zu unterstützen“, sagt Hans Dieter Storzer von der Geschäftsführung der Firma Schröder Kunststofftechnik, die zur EBG-Gruppe gehört. Dass das nicht nur Plattitüden sind, zeigt sich an Patrick Zlotosch.

Dieser hatte ursprünglich Metzger gelernt, konnte aber nach der Ausbildung in dem kleinen Familienbetrieb nicht beschäftigt werden. Danach ging der junge Kiersper zur Bundeswehr und später zu einer Leiharbeitsfirma. Durch Bekannte erfuhr er von einer freien Stelle bei Schröder Kunststofftechnik. Seit 2011 ist er in dem heimischen Unternehmen als Werker angestellt. „Das ist schon ein sehr interessantes Arbeitsumfeld. Schnell war mir klar, dass ich in diesem Bereich mehr machen wollte“, erinnert sich Zlotosch. Nach dem Gespräch mit seinen Vorgesetzten war auch klar, dass ihn seine Firma auf dem Weg unterstützen würde.

Im Kontakt mit der Arbeitsagentur erfuhren dann Arbeitgeber und Arbeitnehmer von einem Programm, das wie maßgeschneidert für den Kiersper klang. Wegebau ist der treffende Name der Förderung, dahinter verbirgt sich der etwas sperrigere Begriff „Weiterbildung Geringqualifizierter und beschäftigter älterer Arbeitnehmer in Unternehmen“.

Nach seiner Ausbildung zum Verfahrensmechaniker warten sehr viel anspruchsvollere Aufgaben auf Patrick Zlotosch als zu seiner Zeit als Werker.

Das Programm soll den Weg zur Qualifizierung frei machen, vorausgesetzt, die Arbeitnehmer sind nur gering qualifiziert, haben keinen Berufsabschluss oder üben trotz eines Abschlusses seit mindestens vier Jahren eine an- oder ungelernte Tätigkeit aus. Zusätzlich darf das Unternehmen, bei dem sie beschäftigt sind, nicht mehr als 250 Arbeitnehmer beschäftigen.

 All diese Voraussetzung waren bei Patrick Zlotosch erfüllt. Als die Maßnahme vor zwei Jahren begann, hatte der Kiersper einen langen Weg vor sich. Zuerst musste eine neunmonatige Schulung bei der SIHK bewältigt werden, anschließend ging es in die praktische Phase im „eigenen“ Unternehmen – mit einem Schulungstag bei der SIHK pro Woche. Am Ende stand die Prüfung und, für Zlotosch ganz wichtig, das Umschreiben seines Arbeitsvertrags zum 1. Juli. Als Facharbeiter kann er ganz andere Aufgaben im Unternehmen wahrnehmen. Trotz des enormen Aufwands hat der Verfahrensmechaniker Lust auf mehr. „Ich kann mir gut vorstellen, den Weg weiterzugehen und weitere Fortbildungen zu machen“, erzählt er.

Dass die Weiterbildung mit finanziellen Einschnitten verbunden war, hat es für Zlotosch nicht leichter gemacht. Doch da sich Arbeitgeber und Arbeitsagentur das reduzierte Gehalt teilten, war es für den Kiersper möglich, diesen Weg zu gehen. Dabei verschweigt Storzer nicht, dass die Weiterbildung für das Unternehmen nicht nur Kosten verursacht hat: „Wir mussten die Arbeitsabläufe ändern. Da mussten die Kollegen mitspielen, damit Zeit zum Lernen blieb und die Schulungstage in den Arbeitsablauf passten. Doch letztlich hat alles gut geklappt.“

Finanzielle Einbußen schrecken Weiterbildungswillige oft ab

Regina Linek vom Arbeitgeberservice der Arbeitsagentur ist auf jeden Fall voll des Lobes für Firma, Mitarbeiter und Programm: „Die finanziellen Einbußen schrecken viele ab. Doch letztlich ist das ein guter Weg, um dem Facharbeitermangel zu begegnen und dem Mitarbeiter eine Perspektive zu geben.“ Die Agentur-Mitarbeiterin betont, dass es oft Monate dauern könne, um freie Positionen in den Unternehmern mit Fachkräften zu besetzen.

Eine Erfahrung, die Storzer teilt: „Für uns ist es aufgrund der komplexen Arbeitsprozesse im Unternehmen extrem schwierig gute Leute zu bekommen. Und die, die wir einstellen, müssen wir trainieren, damit sie einsetzbar sind.“ Der Geschäftsführer betont, dass das Unternehmen sich mehr Mitarbeiter wünsche, die mit großem Interesse auch Weiterbildungen absolvieren möchten.

An dem Weiterbildungsprogramm Wegebau gibt es jedenfalls Interesse, wie Regina Linek ausführt: „Derzeit befinden sich in Kierspe noch zwei weitere Mitarbeiter in der Förderung. Es können aber ruhig noch mehr werden.“

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