Gericht gibt Kiersper Internethändler "Hausaufgaben“ auf

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Berufung vor dem Landgericht in Hagen.

Kierspe - War der Kundenservice eines Internet-Anbieters aus Kierspe nur schlecht oder gar schlampig? Oder rechtfertigten seine Praktiken eine Betrugs-Anklage? Die Amtsgerichte in Meinerzhagen und Lüdenscheid verurteilten ihn wegen Betruges zu Geldstrafen von 2000 beziehungsweise 9600 Euro.

Dagegen wehrte sich der 33-Jährige am Freitag vor einer Berufungskammer des Landgerichts. Einen „Gemischtwarenladen hoch 3“ nannte der Vorsitzende Richter Dieter Krause das Internetkaufhaus des Angeklagten, das seine zahlreichen Artikel, vor allem aus dem Elektrobereich, über die Kleinanzeigen des Internet-Kaufhauses Ebay angeboten hatte.

Immer wieder kam es zu Lieferungsverzögerungen. Kunden, die bereits bezahlt hatten, bekamen ihre Sendungen gar nicht oder verspätet. Aber selbst laut Anklage hatte der 33-Jährige viele dieser offenstehenden Geschäftsvorgänge dadurch bereinigt, dass er das Geld zurückgezahlt hatte.

Strittig war unter anderem, ob er diese Rückzahlungen in einem akzeptablen Zeitraum geleistet hatte. Vor Gericht bemühte sich der 33-Jährige um Erklärungen, wie es durch die beteiligten Zahlungssysteme zu solchen Verzögerungen kommen konnte. Richter Dieter Krause hatte Verständnis für einen Kunden, der zwei Monate auf eine Reaktion des 33-Jährigen warten musste: „Der muss ja davon ausgehen, dass sie ihn betrügen wollen.“

Ein weiteres Problem waren bestellte und bezahlte, aber nicht gelieferte Waren. Das kam offenbar häufiger vor. Der Angeklagte trug vor, dass er nur über ein kleines Lager verfügt habe. Letztlich hätten die Gründe für die Verzögerungen oder ausgebliebene Lieferungen oft bei Lieferanten gelegen. „Ob es von der Firma lieferbar ist, interessiert den Kunden nicht“, stellte der Richter fest. „Entscheidend ist, ob sie das auf ihrer Internetplattform versprechen.“

Schlechte Bewertungen schaden dem Geschäft

Der Angeklagte räumte Fehler ein, versicherte aber: „Jeder hat sein Geld gekriegt.“ Und es sei festzustellen, dass Kunden auf Verzögerungen bei Internetbestellungen immer schneller mit einer Strafanzeige reagierten. Entsprechende Einträge bei den Bewertungen von Händlern können diese sehr schnell aus dem Geschäft schießen.

Staatsanwalt Nils Warmbold machte deutlich, dass die von den beiden Amtsgerichten abgeurteilten mutmaßlichen Betrugstaten nur die Spitze eines Eisberges seien: Zwei Meter breit seien in der Staatsanwaltschaft die Aktenordner mit rund 300 offenen Ermittlungsverfahren gegen den Angeklagten. Dessen Anwalt Matthias Scholand bot dagegen einen Aktenordner des Angeklagten auf: „Dessen Dokumente belegen, dass diese Fälle abgearbeitet sind.“

Der Staatsanwalt empfahl dem Angeklagten dringend, ein angemessenes Beschwerde-Management auf den Weg zu bringen. Und auch das Gericht gab dem Angeklagten die von seinem Anwalt ins Spiel gebrachte „Chance, sich an den offenen Verfahren abzuarbeiten“.

Der 33-Jährige soll zunächst für die Staatsanwaltschaft eine detaillierte Liste mit den offenen Vorwürfen und deren Bereinigung gegenüber den zahlreichen Kunden vorlegen. Ein Haufen Hausaufgaben zur möglichen Vermeidung einer empfindlichen Geldstrafe – es war ein schlüssiger Vorschlag, den die 8. Kleine Strafkammer zur Aussetzung des Verfahrens unterbreitete.

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