Gerichtsprozess

Entschädigung statt Strafe für mutmaßlichen Drogendealer aus Halver

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Halver - Von der Polizei sichergestellte und ausgelesene Handy-Botschaften reichten im Amtsgericht Lüdenscheid als Beweismittel für die Verurteilung eines 28-Jährigen aus Halver nicht aus.

Trotz eines „hohen Verdachts“, dass dieser bei zwei Gelegenheiten im Februar 2015 mit erheblichen Mengen an Marihuana gehandelt habe, sprach Richter Andreas Lyra den Mann frei.

„Ich brauche was morgen“ – „Okay, so wie immer“ – dieser Wortwechsel in Verbindung mit Grammangaben von 75 und 50 ließ die Ermittler vermuten, dass diese Nachrichten auf dem Handy des Hauptbelastungszeugen (25) sich auf Drogengeschäfte mit dem Angeklagten bezogen. Vor Gericht wurde aber sehr schnell deutlich, dass der Zeuge überhaupt nicht gewillt war, seinen Kollegen, laut Handy-Mitteilungen ein „Bruder“ im Geiste, ans Messer zu liefern.

Proteine statt Drogen?

Die Kurznachrichten hätten sich auf den Ankauf von „Proteinen“ bezogen, der dann aber nicht zustande gekommen sei, behauptete der Zeuge. Bei der Polizei hatte er aber auch schon einmal etwas anderes erzählt. Richter Andreas Lyra war wenig geneigt, ihm zu glauben: „Wenn ich ehrlich bin, klingt das nicht danach, als ob jemand zum ersten Mal Proteine bestellt hätte.“

Der Angeklagte äußerte sich nicht und ließ die Anklage des „zweifachen gewerbsmäßigen Handels mit Betäubungsmitteln“ über seinen Anwalt Heiko Kölz zurückweisen: „Die Vorwürfe sind reine Spekulation.“ Das Ergebnis einer Durchsuchung seines Hauses aufgrund der Ermittlungen konnte er dabei als Rückenwind nutzen: Die Beamten hatten einige Tage nach dem Auslesen des Handys des Zeugen keinerlei Hinweise auf Drogenhandel im Haus des 28-Jährigen gefunden. „Solche Taten sind ihm wesensfremd“, legte der Verteidiger im Plädoyer für seinen nicht vorbestraften Mandanten nach.

"Was ich glaube tut hier nichts zur Sache"

„Was ich glaube, tut hier nichts zur Sache“, stellte die Staatsanwältin fest und beantragte aus Mangel an Beweismitteln ebenfalls einen Freispruch.

Es ergebe sich ein „stimmiges Bild für einen Drogenverkauf“, fasste Richter Andreas Lyra seine persönliche Meinung zusammen und sprach den Angeklagten dennoch „mit ganz viel Bauchschmerzen“ frei. Es gebe zwar einen hohen Verdacht, aber keinen endgültigen Beweis.

Hausdurchsuchung ohne Erfolg

Selbst wenn die Kurznachrichten sich auf den möglichen Handel mit 50 oder 75 Gramm Marihuana bezogen hätten, so gebe es doch für den Vollzug des Geschäftes keinen Beweis: „Ich weiß noch nicht einmal, ob es zu einem Verkauf kam“, stellte der Richter fest und sprach dem Angeklagten mit dem Freispruch sogar eine Entschädigung zu – für die Hausdurchsuchung, die ohne Ergebnis geblieben war.

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