Doping-Skandal

Olympia-Komplett-Ausschluss Russlands? Fragen und Antworten

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Doping-Kontrollen bei den olympischen Winterspielen in Russland 2014.

Lausanne - Das Olympia-Aus russischer Leichtathleten steht so gut wie fest, das IOC könnte sogar dem kompletten russischen Team die Teilnahme verweigern. Eine Hintertür für einzelne Sportler besteht allerdings noch. Alle wichtigen Fragen und Antworten.

Die Nachricht hat am späten Freitagnachmittag für reichlich Wirbel und das trotz der so omnipräsenten Europameisterschaft in Frankreich gesorgt. Das Council des Leichtathletik-Weltverband IAAF verlängerte die seit November 2015 wirksame Suspendierung des russischen Verbandes WFLA wegen Dopings. Der Start russischer Leichtathleten bei den im Sommer in Rio stattfindenden Olympischen Sommerspielen ist damit so gut wie ausgeschlossen.

Und Russland droht weiterer Ungemach. Am Dienstag berät der Olympische Gipfel (Olympic Summit) am Sitz des IOC in Lausanne über neue Schritte. Neben dem Komplett-Ausschluss Russlands müssen auch Kenia, Spanien und Mexico um die Teilnahme ihrer Athleten bei den Olympischen Sommerspielen bangen.

Alle wichtigen Fragen und Antworten im Überblick.

Was hat der IAAF am Freitag (17.06.) beschlossen?

Am 13. November sperrte der IAAF der russische Leichtathletikverband WFLA. Diese Entscheidung bestätigte am Freitag, dem 17. Juni das Council des Weltverbandes einstimmig und verlängerte die Sperre des suspendierten russische Verbands auf unbestimmte Zeit. Eine eigens gegründete Task Force hatte überprüft, ob Russland die zur Wiederzulassung geforderten Maßnahmen zur Doping-Bekämpfung erbracht hat. Mit vernichtendem Ergebnis. "Die russische Anti-Doping-Agentur ist frühestens in 18 bis 24 Monaten wieder regelkonform", teilte die IAAF am Freitagabend in Wien mit.

Hintertür für sauberer Athleten unter neutraler Flagge

Eine Hintertür für nachweislich saubere Athleten ließ das Council allerdings offen. Der Olympia-Start einzelner Sportler unter neutraler Flagge sei möglich. Damit würde insbesondere der Whistleblowerin Julia Stepanowa - sie hatte mit ihrem Mann den Doping-Skandal in ihrer russischen Heimat in einer ARD-Dokumentation enthüllt und war aus Angst vor Verfolgung aus Russland geflohen- ein Olympia-Start ermöglicht. Experten sehen Nachtests zum Beweis der Sauberkeit von Athleten allerdings kritisch, da man Doping vor allem aus der Hochdopingphase vor einem halben Jahr nicht mehr nachweisen könne.

Russland-Doping: Was ist bisher passiert?

Bereits seit Jahren hielten sich Gerüchte über ein staatlich kontrolliertes oder zumindest gebilligtes Doping-System in Russland. Doch erst mit der ARD-Dokumentation "Geheimsache Doping - Wie Russland seine Sieger macht" im Dezember 2014 kamen erste Ermittlungen ins Rollen. Im Sommer 2015 legten ARD und Sunday Times dann noch einmal nach. Journalisten werteten eine Liste mit 12.000 Bluttests von rund 5000 Läufern aus, worunter sich rund 800 Sportler befunden haben, die mit dopingverdächtigen Werten von 2001 bis 2012 bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften gestartet sind.

Im November legt eine unabhängige Kommission der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA einen ersten, 323 Seiten fassenden Bericht vor, der ein Schreckensbild der Doping-Praktiken in der russischen Leichtathletik zeigt. Daraufhin entzog die WADA dem Doping-Kontrolllabor in Moskau die Akkreditierung, die IAAF suspendierte den russischen Leichtathletik-Verband WFLA und die russische Anti-Doping-Agentur RUSADA wurde von der WADA ebenfalls suspendiert.

Manipulationen während Olympia 2014

Im Mai 2015 gestand der ehemalige Leiters des Moskauer Anti-Doping-Labors, Gregori Rodschenkow, gegenüber der New York Times, er habe systematische Manipulationen im russischen Team während der Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi mitorganisiert. 15 der russischen Medaillengewinner in Sotschi seien gedopt gewesen. Einen Untersuchungsbericht dazu will die WADA dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) Mitte Juli präsentieren. Sollten sich die massiven Vorwürfe erhärten, drohen Russland in Bezug auf Olympia 2016 noch härtere Konsequenzen. Stichwort Komplett-Ausschluss.

Was wird auf den IOC-Treffen am Dienstag (21.06) besprochen?

Am Dienstag, den 21.06, berät der Olympische Gipfel (Olympic Summit) am Sitz des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) in Lausanne über das weitere Vorgehen in der Causa Russland und weiterer Länder, welche zuletzt als "non compliant", also nicht regelkonform im Sinne der Vorschriften der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA), erklärt wurden. Betroffen sind hiervon Kenia, Spanien und Mexiko.

Beschlussfähig sind die hochrangigen Funktionäre aus aller Welt zwar nicht, doch könnten Rio-Sperren durchaus vorbereitet werden. Man wolle "weitere weitreichende Maßnahmen" initiieren, "um gleiche Wettbewerbsbedingungen für alle Athleten bei den Olympischen Spielen in Rio sicherzustellen" hieß es im Vorfeld des Gipfeltreffens.

Darüberhinaus wird erwartet, dass das IOC die Entscheidung des IAAF bestätigt. IOC-Vizepräsident John Coates sagte eine mögliche Aufhebung der Sperre würde ihn "sehr, sehr überraschen".

Wäre ein Komplett-Ausschluss des russischen Teams möglich?

Ein Komplett-Ausschluss des russischen Teams scheint derzeit durchaus möglich. Voraussetzung ist hierfür, dass die WADA-Kommission unter Leitung von Richard McLaren mit ihren Ermittlungen bestätigt, dass der Vorwurf der Manipulation von Doping-Proben im Kontrolllabor bei den Winterspielen 2014 in Sotschi zutreffen sollte. Der Bericht wird am 15. Juli erwartet.

Chefermittler McLaren gab vorab schon mal eine Kostprobe seines Wissens. Es lägen "ausreichend erhärtete Beweise" für "staatlich gelenkte Manipulationen" von Doping-Proben im Moskauer Labor vor. Und das mindestens von 2011 bis zur Leichtathletik-WM 2013 in der russischen Hauptstadt. Die Aussagen des ehemaligen Leiters des Moskauer Anti-Doping-Labors zur Doping-Verschleierungspraxis während den olympischen Winterspielen 2014 scheinen da noch nicht mal dazuzugehören.

Wie reagiert Russland?

Zorn und Enttäuschung sind in Russland nach dem beschlossenen Ausschluss russischer Leichtathleten entsprechend groß. "Natürlich ist das unfair", sagte Präsident Wladimir Putin und kritisierte die für ihn unzulässige Kollektivstrafe. "Der Traum vieler unserer Sportler ist zerstört wegen eines falschen Verhaltens einzelner Sportler, Trainer und Spezialisten", sagte Sportminister Witali Mutko.

Russlands Leichtathletik-Verband könnte vor den CAS ziehen

Gegen die Olympia-Sperre könnte der russische Leichtathletik-Verband vor dem Internationalen Sportgerichtshof (CAS) in Berufung gehen. Die Erfolgsaussichten dafür scheinen jedoch gering. Erst im November hatte der Gewichtheber-Weltverband IWF entschieden, bulgarische Gewichtheber wegen zahlreicher Doping-Fälle von Olympia zu verbannen. Im Fall der Bulgaren hatte das CAS die Entscheidung der IWF bestätigt.

Werden sich russische Sportler gegen den Ausschluss wehren?

Viele russische Leichtathleten zeigten sich enttäuscht und verärgert über die Entscheidung des IAAF. "Ich bin traurig und zugleich böse, ich schäme mich", meinte beispielsweise Stabhochsprung-Olympiasiegerin Jelena Issinbajewa und kündigte an, um ihr Recht kämpfen zu wollen. "Uns wird etwas vorgeworfen, was wir nicht begangen haben. Ich halte das für eine Diskriminierung der Russen", kritisierte die zweifache Olympiasiegerin. "Das Schlimmste ist, dass sie damit die Karriere junger Sportstars zerstören."

Auch die Geher Denis Nichegorodow und Swetlana Wassiljewa kündigten an notfalls juristisch um ihr Recht auf eine Olympia-Teilnahme zu kämpfen. Der russische Leichtathletikverband WFLA prüft nach eigenen Angaben eine Klage beim Internationalen Sportgericht in Lausanne. Alexander Schukow, NOK-Vorsitzender Russlands, geht von mehr als 80 betroffenen Leichtathleten aus, die in Rio starten sollten.

ep mit Material von dpa und SID

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